Prognose: „DAX steigt auf 6300” (EurAmS)
21.05.2002 09:52:00
Nach 26 Monaten Börsen-Talfahrt ist die Wende in Sicht, zumindest für Charttechniker. Die Gründe für diesen Optimismus.
Robert Fischer redet nicht um den heißen Brei herum: „Bis zum Jahresende steigt der DAX auf 6300 Punkte“, so seine kurze, prägnante Botschaft. Der Vermögensverwalter aus der Schweiz ist sich sicher, dass „wir bis Ende Mai ein sehr, sehr starkes Kaufsignal bekommen werden.“
Wie kommt es zu so viel Optimismus jetzt, wo sich alle Hoffnungen auf einen guten Start ins Börsenjahr 2002 zerschlagen haben? Die Stimmung an den Märkten ist trotz der jüngsten Kursgewinne fast noch mieser als nach dem 11.September. Alles nur ein Intermezzo vor dem nächsten Aufschwung, meint Fischer. Seine Zuversicht nimmt der 61-Jährige nicht aus der Luft. Er ist der Protagonist einer speziellen Form der Charttechnik, die Kursbewegungen statt durch Trendkanäle mit Ellipsen beschreibt. Diese Ovale werden an markanten Hoch- und Tiefpunkten festgemacht. Seine ersten Ellipsen zur Chartanalyse bastelte Fischer 1979 aus Plastik, heute erledigt das der Computer.
Darauf gekommen war Fischer, der auf einem großen Bauerngut in der Nähe von Wuppertal aufgewachsen ist, nach seiner Brokerausbildung bei Merrill Lynch in den USA. Er gelangte zu der Überzeugung, dass sich Anlegerverhalten messbar ist. Da sich in Charts die Kauf- und Verkaufsstimmung jeweils widerspiegeln, musste sich dort ein Schlüssel für die Vorhersage künftiger Reaktionen des Marktes finden lassen.
Beim Studium der so genannten Elliot-Wellen faszinierte Fischer, dass sich nach dieser Theorie scheinbar unregelmäßige Kursverläufe anhand des goldenen Schnitts deuten lassen, der schon in der Antike als Inbegriff ästhetischer Harmonie galt. So stieß er auf die Arbeiten von Leonardo da Pisa, genannt Fibonacci. Der Hofmathematiker des Stauferkaisers Friedrich II hatte im 13. Jahrhundert mit dem Zahlenverhältnis von 1:1,618 experimentiert und daraus ganz prosaische Vorhersagen getroffen. Etwa, wie stark sich des Kaisers Kaninchen vermehren werden, die der zum Zeitvertreib züchtete. Mit einer ausgefeilten Variante dieser Zahlenkombination arbeitet Fischer. Wie er sagt, mit großem Erfolg. Das nach dieser Methode gemanagte Musterdepot auf seiner Website fibotrader.com sei seit Oktober 2001 um mehr als 30 Prozent im Plus.
Auch die Kurserholung folgt den Zahlenregeln
Seine optimistische Prognose für den DAX-Anstieg beruht natürlich auch auf dem goldenen Schnitt. Da die Erholung nach einem Kurseinbruch in der Vergangenheit oft nach dem magischen Verhältnis 1:1,618 erfolgte, ist seine Rechnung einfach: Der maximale Kursverlust zwischen März 2000 und September 2001 von 4597 geteilt durch 1,618 ergibt 2841 Punkte. Zählt man diese zum Tiefststand von 3539, ergibt sich eine maximale Gegenreaktion auf 6380 Zähler bis Ende dieses Jahres.
Es gibt viele Anleger, die all das glauben: Fischers erstes Fibonacci-Buch war in den USA ein Renner, im Eichborn-Verlag hat er gerade „Trading nach neuen Fibonacci-Regeln“ veröffentlicht. Fischer Asset Management verwaltet von den Bermudas aus Vermögen im Wert von 55 Millionen Euro, vom schweizerischen Zug aus verfasst Fischer Finance Consulting Expertisen für institutionelle Anleger. Starke Kauf- oder Verkaufssignale ergeben sich nach Fischers Theorie immer am Ende einer Ellipse. Bricht der Chart nach oben aus, bahnt sich ein neuer Aufwärtstrend an, verlässt er das Oval nach unten, wird’s bitter. Die aktuelle Ellipse endet voraussichtlich am 23. Mai. Diesmal könnte alles glatt gehen, denn wichtige Bedingungen sind erfüllt: Die Abfolge von Aufwärtsbewegung, Korrekturwelle und erneutem Aufschwung ist korrekt. Zudem könnte eine große Ellipse nach oben durchbrochen werden, die drei kleinere umschließt. Fischer: „Die Chance, dass es nach oben geht, liegt bei 95 Prozent“.
Ganz unrealistisch ist die Prognose nicht, meint Charttechniker Wieland Staud, Chef von Staud Research in Frankfurt. Trotzdem hält er etwas mehr Vorsicht für angebracht: „Das Chance/Risko-Verhältnis würde ich eher mit 70:30 angeben als mit 95:5.“ Und auch beim Kurspotenzial tritt Staud auf die Bremse: 5700 Punkte sollten mittelfristig aber drin sein.
Seine Argumente sind allerdings nicht von goldenen Zahlen abhängig: Da das Gros der Anleger momentan noch sehr pessimistisch sei, könne es zu einer heftigen Reaktion nach oben kommen. Beispielsweise signalisiere das Verhältnis von Kauf- und Verkaufsoptionen, die Put/ Call-Ratio, dass aktuell mehr Investoren auf fallende Kurse setzen als auf steigende. Staud: „Wenn es nach oben geht, verlieren die Leerverkäufer viel Geld. Das heißt, sie müssen sich eindecken, koste es, was es wolle. Diese Rallys sind die schönsten.“
Die Experten von HSBC Trinkaus & Burkhardt untermauern die These der Charttechniker, obwohl sie sonst den DAX eher für überbewertet halten. Steigende Konjunkturerwartungen und die hohe Liquidität der institutionellen Investoren könnten für eine kleine Sommer-Rally bis 5500 Punkte sorgen. „Wenn der schwache Ifo-Geschäftsklima-Index erst einmal verdaut ist, dürften die Monate Juni bis August ganz gut laufen“, sagt Research-Chef Volker Borghoff.
Wer der Charttechnik vertraut, steigt ein. Zu oft schon haben aber Gurus ein Ende der Talfahrt gepredigt. Auch Fischer ist nicht unfehlbar: „Natürlich kann ich mich irren“, räumt er ein. „Wenn der DAX bis zum Monatsende unter 4780 Punkte fällt, wäre das positive Bild kaputt.“ Fischer rät, dann die Reißleine zu ziehen. Denn: „Ohne Stop-Loss funktioniert der beste Trading-Ansatz nicht.“
Quelle: Euro am Sonntag