Ohne große Aufmerksamkeit seitens der Fachpresse haben Gold und Silber in den vergangenen Tagen einen neuen Versuch gestartet, ihre im vergangenen Jahr abgebrochene Aufwärtsbewegung wieder aufzunehmen. Während es Gold wieder leicht über den Widerstand bei 900 US-Dollar schaffte, nahm Silber Kurs auf die Barriere bei 12 US-Dollar. Bei beiden Edelmetallen spielen neben fundamentalen und spekulativen Gründen auch zyklische Entwicklungen eine Rolle für den Anstieg. Der Einbruch bei Silber verlief in der zweiten Jahreshälfte 2008 wesentlich drastischer als bei Gold. Die Ursache hierfür lag in der sich abzeichnenden starken Abkühlung der Weltkonjunktur. Da es sich bei Silber um ein Industriemetall handelt, befürchteten viele Spekulanten einen deutlichen Nachfragerückgang von Seiten der aufstrebenden Schwellenländer wie China und Indien. Die Übertreibung nach oben mit Kursen von über 21 US-Dollar zu Beginn des vergangenen Jahres wurde von einer Übertreibung nach unten mit Tiefstkursen von 8,40 US-Dollar Ende Oktober abgelöst. Im Endeeffekt fand lediglich eine Bereinigung des stark durch Terminmarktspekulationen verzerrten Marktes statt.
Die tatsächliche Nachfrage nach Silber konnte im vergangenen Jahr vor allem auch wegen des hohen Bedarfs in der Medizintechnik hingegen zulegen. Rückläufig ist hingegen die Nutzung von Silber in der Schmuckindustrie, dessen Bedeutung dort wegen der Bevorzugung von Gold und Platin durch die Käufer weiter gesunken ist. In Zeiten der Finanzkrise bekommt das Edelmetall aber auch als mögliche Ersatzwährung bei Privatinvestoren wieder einen höheren Stellenwert eingeräumt. So ist die Nachfrage nach Silbermünzen im vergangenen halben Jahr deutlich gestiegen. Die atemberaubende Zunahme der weltweiten Staatsverschuldung wird über kurz oder lang wieder das Thema Inflation auf die Tagesordnung der Finanzmärkte bringen. Sowohl Gold als auch Silber gelten unter den Investoren als brauchbare Absicherungsinstrumente gegen eine Geldentwertung. Nicht zuletzt glauben viele Ökonomen, dass der US-Dollar wegen der viel stärkeren Verschuldung der USA mittelfristig gegenüber den meisten anderen Währungen weiter an Wert verliert. Da der US-Dollar die Abrechnungswährung für die meisten Rohstoffe ist, ergibt sich aus dieser Entwicklung auch automatisch eine Wertsteigerung.
Im mittelfristigen Chart-Bild befindet sich Silber noch immer in einer Korrekturbewegung zu der starken Aufwärtsbewegung von Oktober 2005 bis zum Februar 2008. Kurzfristig werden wiederum die Kursverluste von Februar bis Oktober 2008 korrigiert. Das aktuell erreichte Kursniveau von 12 US-Dollar dürfte deshalb noch nicht das Ende der Fahnenstange sein. Ebenso wie bei Gold der Bereich um 919 US-Dollar eine stärkere Hürde darstellt, müssen die Bullen bei Silber den Widerstand bei 12 US-Dollar rasch aus dem Weg räumen, um eine Fortsetzung der Erholung bis in den Bereich um 13,40 US-Dollar zu ermöglichen. Von Seiten der Indikatoren besteht sowohl die Möglichkeit einer nochmaligen Korrektur bis an die nächste Unterstützungslinie bis 11,58 US-Dollar als auch die sofortige Fortsetzung der Erholung bis in den genannten Zielbereich. Der doch stark überkaufte Zustand bei Silber lässt mich allerdings eher zu ersten Variante hin tendieren. Wenn in den nächsten 7 oder 8 Handelstagen genug heiße Luft abgelassen würde, sollte der überkaufte Zustand soweit abgebaut worden sein, das das Mindestziel der aktuellen technischen Erholung erreichbar erscheint. Ein deutlicher Rückfall unter 11,58 US-Dollar würde dieses positive Szenario neutralisieren.

aus DAX Daily vom 27.01.2009
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André Kostolany
MfG
Palaimon