Schlechte Stimmung hilft den Börsen


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Schlechte Stimmung hilft den Börsen

 
20.09.04 18:33
Einer der bekanntesten und am wenigsten befolgten Anlagetipps des US-Starinvestors Warren Buffett lautet: „Sei gierig, wenn andere Angst haben, und ängstlich, wenn die Gier herrscht.“ Wer sich daran hält, zählt derzeit zu den Käufern am Aktienmarkt.

NEW YORK. Zahlreiche Stimmungsindikatoren zeigen eine düstere Laune bei den Anlegern an. Nach einer Umfrage im Auftrag von JP Morgan Fleming erwartet nur ein gutes Drittel (37 Prozent) der Privatanleger in den nächsten Monaten steigende Kurse. Im Februar waren noch knapp drei Viertel (73 Prozent) der Befragten optimistisch, ermittelte die Fondstochter der US-Großbank JP Morgan Chase. Auch die Profis blasen Trübsal. Viele Aktienfondsmanager halten mehr Barmittel als üblich in der Kasse – für den Anzeige

Fall, dass die Kurse sinken. Das ergab eine weltweite Umfrage der New Yorker Investmentbank Merrill Lynch unter rund 300 Anlageprofis.

„Die weit verbreitete Skepsis wirkt für die Börsen unterstützend“, sagt Tobias Levkovich, Chef-Anlagestratege bei Smith Barney, der Wertpapiersparte der weltgrößten Bank Citigroup. Die Kalkulation hinter dieser Aussage: Wenn die Masse der Anleger die Börsen meidet, sinken dort die Kurse auf attraktive Niveaus. Das nennt Börsen-Milliardär Buffett die Angst-Phase. Wer jetzt günstig einkauft, braucht nur zu warten, bis die Laune der Investoren sich irgendwann aufhellt. Dann steigen die Anleger wieder in den Markt ein und treiben so die Kurse höher – die Gier-Phase bricht an.

Wer nach dieser so genannten konträren Strategie handeln will, muss zweierlei beherrschen. Zum einen gilt es, die herrschende Stimmung korrekt einzuschätzen. Das fällt schwer, weil die Anleger sich ihrer Laune oft gar nicht bewusst sind. Wer etwa die Deutsche-Telekom-Aktie im Jahr 2000 bei 85 Euro kaufte, hielt das damals für völlig rational. Heute kostet das Papier rund 14,50 Euro. Wer Gier und Angst unterscheiden kann, stößt auf das zweite Problem: Er muss den inneren Herdentrieb überwinden und gegen den Trend handeln. „Weil so viele an dieser Klippe scheitern, konnte ich so reich werden“, sagt der gut 40 Mrd. Dollar schwere Buffett.

Immerhin: Bei der Stimmungsanalyse helfen objektive Umfragen und Indizes, wie sie Citigroup (NYSE: C - Nachrichten) -Stratege Levkovich ermittelt. Sein Sentiment-Barometer schwankt zwischen den Extremen „Euphorie“ und „Panik“ und zeigt derzeit Letztere an: „Unser Index deutet mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent auf höhere Kurse im nächsten Jahr hin“, sagt Levkovich.

Sollten Anleger also bei Aktien wieder zugreifen? Vorsicht ist angebracht: Der Citigroup-Index lieferte in der Vergangenheit zwar gute Prognosen für den Trend in zwölf bis fünfzehn Monaten. Doch das Barometer sagt nichts darüber aus, wo die Börsen in ein paar Wochen oder Monaten stehen. Levkovich betont, wie viele andere Experten auch, dass insbesondere die US-Börsen kurzfristig absacken können. Dafür spricht aus Sicht der Stimmungstheorie, dass einige Marktteilnehmer immer noch zu optimistisch sind.

Die Aktienanalysten veröffentlichen für das vierte Quartal sehr zuversichtliche Ertragsprognosen: Laut dem Datendienst Thomson Financial erwarten sie für die Unternehmen im US-Aktienindex S&P 500 einen Gewinnzuwachs von durchschnittlich 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dabei lief das Schlussquartal im vergangenen Jahr bereits recht gut. Daher erscheint unklar, ob die Firmen noch mal so stark zulegen können.

Auch in den Medien hat sich bis-lang kein düsterer Fatalismus ausgebreitet, der Buffetts Herz erfreuen würde. Wer morgens die Zeitung aufschlägt, findet aber neuerdings immerhin mehr pessimistische Artikel. Auch der Anteil der Konjunkturberichte mit negativem Unterton steigt seit kurzem. Das ermittelte Anlagestratege Dhaval Joshi von der französischen Bank Société Générale in London. Doch der Optimismus überwiegt noch. Laut Joshis weltweitem Konjunkturbericht-Index fielen zuletzt 62 Prozent aller Wirtschaftsmeldungen positiv aus. Das liegt unter dem Hoch (73 Prozent) vor wenigen Wochen. Bis zum Tiefpunkt von Mitte 2001 bleibt aber ein weiter Weg. Damals klangen nur 34 Prozent der weltweiten Konjunkturberichte positiv.

Manche Experten wie Citigroup-Stratege Levkovich erwarten daher zunächst fallende Aktienmärkte, bevor die Börsen im nächsten Jahr zulegen. Und auch Warren Buffett scheint bislang abzuwarten. Zum Ende des zweiten Quartals hatte seine Holdinggesellschaft Berkshire Hathaway einen Bargeld-Berg von mehr als 30 Mrd. Dollar angehäuft. Schade nur, dass Buffett nicht vorher ankündigen wird, wann er dieses Geld wieder in die Aktienmärkte pumpt.

Stimmungssignale

Optionen: An den US-Börsen kaufen Investoren derzeit mehr Verkaufsoptionen (Puts) auf einzelne Aktien als üblich. Das meldet der Datendienst Thomson Financial. Das Verhältnis von Calls (Kaufoptionen) zu Puts signalisiert einen wachsenden Pessimismus der Anleger.

Presseberichte: Der Anteil positiver Konjunkturmeldungen an der Gesamtzahl aller Wirtschaftsberichte ist zuletzt gesunken. Das dämpft auch die Stimmung an den Finanzmärkten.

Börsengänge: In den USA mussten in den vergangenen drei Monaten 39 Prozent aller Börsenkandidaten ihren Ausgabepreis senken. In der Vergangenheit folgten häufig Kursgewinne nach schwierigen Börsengang-Phasen.
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