ftd.de, Mi, 12.6.2002, 2:00
Geldanlage: Russlands Hausse verblüfft nur auf den ersten Blick
Von Andrzej Rybak
In Moskau macht man sich dieser Tage über die Schwäche der wichtigsten Welt-börsen lustig. Anstelle des Stiers schlagen die russischen Händler für die Wall Street den russischen Bären als neues Symbol vor.
Kein Wunder: Während es an den etablierten Aktienmärkten nicht erst seit dem 11. September kriselt, erlebt die russische Börse ein atemberaubendes Kursfeuerwerk. Investoren, die vor einem Jahr russische Aktien erwarben, verzeichnen traumhafte Rendite.
Der marktbreite Börsenindex RTS, der Anfang 2002 noch bei 256 Punkten lag, notierte am 3. Juni bei 391 Punkten - ein Plus von 53 Prozent. Zwischenzeitlich hatte der Index sogar schon die 400-Punkte-Marke durchbrochen. Besonders gute Rendite verzeichneten die Ölkonzerne. Der Aktienkurs von Bashneft etwa stieg in zwölf Monaten um stolze 251 Prozent, der von Sibneft um 141 und der von Yukos um 83 Prozent. Auch Gasprom legte mit 108 Prozent deutlich zu. Andere Branchen wurden von dem Boom mitgerissen: Der Börsenwert der Sparkasse Sberbank stieg um 140 Prozent, Maschinenbauer Sewerstal legte um 67 Prozent, Bierbrauer Baltika um 46 Prozent zu.
Misstrauen in die Stabilität
Hält die Hausse nun an, oder ist das Potenzial weitgehend ausgeschöpft? Viele Investoren, die die Finanzkrise 1998 erlebt haben, trauen der neuen Stabilität nicht. Damals schien sich die Wirtschaft auch vom Zusammenbruch nach dem Ende der Sowjetunion zu erholen. Dann stürzte der Aktienindex innerhalb weniger Monate von 590 Punkten auf knapp über 50 Punkte ab, wurde der Rubel massiv abgewertet.
Und doch ist die Situation heute eine andere. Anders als 1997 verzeichnet die russische Wirtschaft ein stabiles Wachstum von neun Prozent im Jahr 2000 und 5,5 Prozent 2001. Für dieses Jahr wird immerhin noch mit vier Prozent gerechnet. Die Staatsfinanzen sind gesund, der Haushalt und die Leistungsbilanz verzeichnen hohe Überschüsse. Die Währungs- und Goldreserven haben sich Ende Mai auf 41,7 Mrd. $ mehr als verdreifacht. Das Volumen der Direktinvestitionen wächst.
Natürlich ist die Wirtschaft weiterhin stark von der Weltkonjunktur für Energieträger abhängig - und damit anfällig für Krisen. Die hohen Exporteinnahmen haben in den letzten drei Jahren zur realen Aufwertung des Rubels beigetragen, Importe verbilligt - und damit die Konkurrenz für einheimische Produzenten verstärkt.
Liberale Wirtschaftspolitik
Dennoch gibt es Grund, weiterhin optimistisch zu sein. Seit zweieinhalb Jahren wird Russland von einem Präsidenten regiert, der für eine liberale Wirtschaftspolitik und konsequente Reformen steht. Russland hat heute die niedrigsten Einkommens- und Unternehmenssteuer unter den Industrieländern, verfügt über ein modernes Rentensystem und eine vernünftige Arbeitsgesetzgebung. Nun packt Putin auch die Strukturreformen an, darunter Staatsmonopole wie Eisenbahn, Strom und Gas.
Der wilde Kapitalismus der Jelzin-Ära ist endgültig vorbei. Putin hat die Oligarchen in die Schranken gewiesen, der Korruption den Kampf angesagt. Von Staatsmitteln abgeschnitten, versuchen auch die neuen Konzerne ihr Image zu ändern. Sie bemühen sich um Transparenz, haben westliche Buchhaltungsstandards und Spielregeln übernommen. Sie zahlen Steuern und bemühen sich, das Management zu verbessern. Rechte von Minderheitsaktionären werden respektiert: Russland hat im Frühjahr ein Verhaltenskodex für Aktiengesellschaften (corporate governance) eingeführt, von dem viele Länder in Mitteleuropa noch weit entfernt sind.
Im internationalen Vergleich sind russische Aktien immer noch unterbewertet. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis ist in vielen Fällen günstig, da auch die Unternehmenszahlen überdurchschnittlich ausfielen. Und so produzierten die Kurssteigerungen der letzten Monate auch keine Spekulationsblase.
Eines dürfen Anleger dennoch nicht vergessen: Die Umstrukturierung der russischen Wirtschaft wird noch Jahre dauern, zwischenzeitliche Rückschläge sind nicht auszuschließen. Der Reformkurs wird aber Bestand haben. WTO-Beitritt und Anbindung an die EU sind dafür die beste Garantie. Putins politischer Schulterschluss mit dem Westen macht das Land zu einem berechenbaren Partner. Davon werden auch die russischen Aktienmärkte profitieren.
Andrzej Rybak ist Redakteur der FTD.
© 2002 Financial Times Deutschland
Geldanlage: Russlands Hausse verblüfft nur auf den ersten Blick
Von Andrzej Rybak
In Moskau macht man sich dieser Tage über die Schwäche der wichtigsten Welt-börsen lustig. Anstelle des Stiers schlagen die russischen Händler für die Wall Street den russischen Bären als neues Symbol vor.
Kein Wunder: Während es an den etablierten Aktienmärkten nicht erst seit dem 11. September kriselt, erlebt die russische Börse ein atemberaubendes Kursfeuerwerk. Investoren, die vor einem Jahr russische Aktien erwarben, verzeichnen traumhafte Rendite.
Der marktbreite Börsenindex RTS, der Anfang 2002 noch bei 256 Punkten lag, notierte am 3. Juni bei 391 Punkten - ein Plus von 53 Prozent. Zwischenzeitlich hatte der Index sogar schon die 400-Punkte-Marke durchbrochen. Besonders gute Rendite verzeichneten die Ölkonzerne. Der Aktienkurs von Bashneft etwa stieg in zwölf Monaten um stolze 251 Prozent, der von Sibneft um 141 und der von Yukos um 83 Prozent. Auch Gasprom legte mit 108 Prozent deutlich zu. Andere Branchen wurden von dem Boom mitgerissen: Der Börsenwert der Sparkasse Sberbank stieg um 140 Prozent, Maschinenbauer Sewerstal legte um 67 Prozent, Bierbrauer Baltika um 46 Prozent zu.
Misstrauen in die Stabilität
Hält die Hausse nun an, oder ist das Potenzial weitgehend ausgeschöpft? Viele Investoren, die die Finanzkrise 1998 erlebt haben, trauen der neuen Stabilität nicht. Damals schien sich die Wirtschaft auch vom Zusammenbruch nach dem Ende der Sowjetunion zu erholen. Dann stürzte der Aktienindex innerhalb weniger Monate von 590 Punkten auf knapp über 50 Punkte ab, wurde der Rubel massiv abgewertet.
Und doch ist die Situation heute eine andere. Anders als 1997 verzeichnet die russische Wirtschaft ein stabiles Wachstum von neun Prozent im Jahr 2000 und 5,5 Prozent 2001. Für dieses Jahr wird immerhin noch mit vier Prozent gerechnet. Die Staatsfinanzen sind gesund, der Haushalt und die Leistungsbilanz verzeichnen hohe Überschüsse. Die Währungs- und Goldreserven haben sich Ende Mai auf 41,7 Mrd. $ mehr als verdreifacht. Das Volumen der Direktinvestitionen wächst.
Natürlich ist die Wirtschaft weiterhin stark von der Weltkonjunktur für Energieträger abhängig - und damit anfällig für Krisen. Die hohen Exporteinnahmen haben in den letzten drei Jahren zur realen Aufwertung des Rubels beigetragen, Importe verbilligt - und damit die Konkurrenz für einheimische Produzenten verstärkt.
Liberale Wirtschaftspolitik
Dennoch gibt es Grund, weiterhin optimistisch zu sein. Seit zweieinhalb Jahren wird Russland von einem Präsidenten regiert, der für eine liberale Wirtschaftspolitik und konsequente Reformen steht. Russland hat heute die niedrigsten Einkommens- und Unternehmenssteuer unter den Industrieländern, verfügt über ein modernes Rentensystem und eine vernünftige Arbeitsgesetzgebung. Nun packt Putin auch die Strukturreformen an, darunter Staatsmonopole wie Eisenbahn, Strom und Gas.
Der wilde Kapitalismus der Jelzin-Ära ist endgültig vorbei. Putin hat die Oligarchen in die Schranken gewiesen, der Korruption den Kampf angesagt. Von Staatsmitteln abgeschnitten, versuchen auch die neuen Konzerne ihr Image zu ändern. Sie bemühen sich um Transparenz, haben westliche Buchhaltungsstandards und Spielregeln übernommen. Sie zahlen Steuern und bemühen sich, das Management zu verbessern. Rechte von Minderheitsaktionären werden respektiert: Russland hat im Frühjahr ein Verhaltenskodex für Aktiengesellschaften (corporate governance) eingeführt, von dem viele Länder in Mitteleuropa noch weit entfernt sind.
Im internationalen Vergleich sind russische Aktien immer noch unterbewertet. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis ist in vielen Fällen günstig, da auch die Unternehmenszahlen überdurchschnittlich ausfielen. Und so produzierten die Kurssteigerungen der letzten Monate auch keine Spekulationsblase.
Eines dürfen Anleger dennoch nicht vergessen: Die Umstrukturierung der russischen Wirtschaft wird noch Jahre dauern, zwischenzeitliche Rückschläge sind nicht auszuschließen. Der Reformkurs wird aber Bestand haben. WTO-Beitritt und Anbindung an die EU sind dafür die beste Garantie. Putins politischer Schulterschluss mit dem Westen macht das Land zu einem berechenbaren Partner. Davon werden auch die russischen Aktienmärkte profitieren.
Andrzej Rybak ist Redakteur der FTD.
© 2002 Financial Times Deutschland