Russland und sein Öl(problem)


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EinsamerSam.:

Russland und sein Öl(problem)

 
25.08.06 12:22
MARODES PIPELINESYSTEM

Wenn Russlands Adern platzen

Kein Staat der Erde verfügt über ein so riesiges Netz von Öl-Pipelines wie Russland - viele der Röhren aber sind Jahrzehnte alt und werden miserabel gewartet. Auch bei Neubauten spielt Umweltschutz kaum eine Rolle. Neue Ölkatastrophen sind kaum zu vermeiden.

Moskau - Der Bruch der Öl-Pipeline "Druschba" (Freundschaft) schreckte Umweltschützer in ganz Russland auf. Über 100 Tonnen Erdöl traten Ende Juli aus. Transneft, der staatliche Betreiberkonzern des gesamten russischen Erdölleitungssystems, wiegelte ab: Die Umweltschäden seien schnell behoben, der Öl-Export nach Europa nicht gefährdet. Allerdings waren da schon mehr als 10.000 Quadratmeter Land verseucht worden.

Russlands Rohstoffe sind in Ost und West gleichermaßen begehrt. Die Rekordpreise für Öl und Gas versprechen dem Land Milliardeneinnahmen. Neben Europa schauen auch China und Japan auf Russlands Schätze. Aus den Lagerstätten in Ost- und Westsibirien aber müssen die Rohstoffe oft Tausende Kilometer bis hin zu den Verbrauchern transportiert werden.

Schon jetzt hat Russland deshalb das größte Pipeline-Netz der Welt mit einer Gesamtlänge von über 600.000 Kilometern. Während der Erdgasmonopolist Gasprom Chart zeigen auch die Kontrolle über sein Leitungssystem hat, müssen die russischen Ölkonzerne dieses Privileg an einen anderen Monopolisten abtreten: Transneft transportiert in seinen Röhren 93 Prozent des in Russland geförderten Öls. Über 450 Millionen Tonnen flossen im vergangenen Jahr durch das knapp 49.000 Kilometer lange Leitungssystem.

Doch die meisten Pipelines sind in die Jahre gekommen. Die wohl bekannteste Trasse "Druschba", an der es im Juli zum Bruch kam, ist bereits 42 Jahre alt. Dabei liegt die durchschnittliche Haltbarkeitsdauer von Pipelines bei etwa 30 Jahren.

"Aus Metallen hergestellt, die schon vergessen sind"

Das Unglück, das sich nahe der weißrussischen Grenze im Gebiet Brjansk ereignete, war daher kein Zufall. Selbst Transneft-Präsident Simon Weinstock musste später zugeben, dass die Leitung veraltet sei und eigentlich ausgedient habe. Sie sei "aus Metallen hergestellt, die schon vergessen sind", sagte er.

Der Störfall ist nicht der erste an der Trasse in diesem Jahr. Bereits zuvor war an verschiedenen Stellen zweimal Öl aus der Leitung geflossen. Dies liegt zwar zum einen am Alter der Pipeline, an Korrosion und technischem Versagen - zum anderen aber auch an der in Russland verbreiteten Praxis des illegalen Öl-Abzapfens.

Mitunter erstaunt die Gewissenlosigkeit, mit der die Täter handeln. Ohne Rücksicht auf mögliche Umweltschäden werden die Leitungen angeschnitten, um sich das "schwarze Gold" anzueignen. Nicht selten fließt dabei tonnenweise Öl aus und verseucht den Boden. Dass dies aber so häufig und so ungestört passiert, deutet auf gravierende Sicherheitsmängel beim Betreiber Transneft hin, der einfach nicht in der Lage ist, sein weit verzweigtes Röhrensystem zu überwachen.

Auch mit den technischen Defekten der alten Leitungen kommt Transneft immer weniger zurecht. Waren es im vergangenen Jahr noch zwölf Unfälle, so registrierten Umweltschützer bereits im ersten Vierteljahr 2006 acht Ölpannen. Dass diese Störfälle trotz gegenteiliger Behauptungen von Transneft bleibende Schäden hinterlassen, wird an einem Beispiel aus dem Gebiet Irkutsk in der Nähe des Baikalsees deutlich.

Lebensfeindliche Wüste am Baikalsee

Dort war vor 13 Jahren eine Leitung geborsten, über 75 Hektar Land wurden verseucht. Bis heute ist das Territorium eine lebensfeindliche Wüste. Die Bewohner der Ortschaft Tyretj, in der das Unglück geschah, müssen immer noch ihr Trinkwasser in Zisternen aus anderen Regionen anfahren lassen.

Über ein Drittel der Leitungen haben bereits eine Lebensdauer von über 30 Jahren hinter sich. Statt die alten Leitungen aus der Sowjetzeit zu flicken, betreibt Transneft lieber Raubbau. Wenn investiert wird, dann in den Bau neuer Strecken. Dabei hat der Ölkonzern hochfliegende Pläne. Im April wurde mit dem Bau einer neuen Trasse von Ostsibirien an den Stillen Ozean begonnen. Die 4100 Kilometer lange Strecke wird Schätzungen zufolge umgerechnet 13 Milliarden Euro kosten. Sie soll Öl von den bislang relativ unerschlossenen Feldern Ostsibiriens nach Japan bringen.

Auch bei diesem Projekt spielten Umwelt- und Sicherheitsbedenken kaum eine Rolle. Eigentlich wollte Weinstock beim Bau der Trasse gern ein paar Milliarden einsparen. Ursprünglich sollte ein Teilabschnitt gerade einmal 800 Meter vom Ufer des Baikalsees, einem weltweit einmaligen Naturreservoir, entfernt verlegt werden. Massive Proteste von Umweltschützern veranlassten Russlands Präsident Wladimir Putin überraschend zu Intervention. Er ordnete in letzter Sekunde einen Kurswechsel an.

"Wenn es auch nur eine geringfügige Wahrscheinlichkeit gibt, dass der Baikal verschmutzt wird, dann dürfen wir, wenn wir an die zukünftigen Generationen denken, diese Gefahr nicht minimieren, sondern müssen sie ausschließen", sagte der Kremlchef bei einem Treffen mit Sibiriens Gouverneuren im Frühjahr und malte anschließend mit ein paar Strichen auf einer Karte auf, wie die Trasse seiner Meinung nach das größte Süßwasserreservoir der Welt weiträumig umgehen sollte.

Weinstock fügte sich nur zähneknirschend - hatte er doch zuvor alles getan, um die Umweltschützer zum Schweigen zu bringen. Umweltgutachten wurden zurechtgebogen, um eine Baugenehmigung zu erwirken. Demonstrationen vor der Transneft-Zentrale in Moskau waren schnell aufgelöst, die Teilnehmer verhaftet worden, um unliebsame Publicity zu vermeiden.

Macht der Kunden im Westen

In diesem Fall halfen weder Druck noch sämtliche Versicherungen, dass die Strecke tausendmal sicherer als jeder Eisenbahntransport sei, um die Kritiker zum Verstummen zu bringen. Allerdings hat der Baikal für Russen auch ungeheuer hohe Symbolkraft. Andere Naturschutzgebiete werden dagegen gnadenlos zerstört.

Gasprom will demnächst mit der Verlegung einer Pipeline durch den Altai beginnen und dabei das Hochplateau Ukok durchschneiden. Dies ist nicht nur ein einmaliges Naturerbe, sondern auch erdbebengefährdet. Dennoch wiegeln die Gasprom-Funktionäre ab. Die Gefahr eines Unfalls sei geradezu ausgeschlossen, behaupten sie.

Doch um seinen guten Ruf als zuverlässiger Rohstofflieferant nicht zu verlieren, bedarf es für Russland mehr als beschwichtigender Worte. Tatsächlich hat sich das Land - auch in den Zeiten des tiefen ideologischen Gegensatzes zwischen der Sowjetunion und dem Westen oder der sozialen und wirtschaftlichen Krise des Landes nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems - stets als zuverlässiger Exporteur gezeigt.

Sollen Lieferschwankungen auch in Zukunft ausgeschlossen werden, muss Russland neben dem Neubau von Pipelines, die das veraltete Leitungssystem irgendwann ersetzen sollen, auch der Pflege der bestehenden Trassen die gebührende Aufmerksamkeit schenken. Fahrlässigkeiten beim Bau neuer Strecken provozieren nicht nur neue Umweltkatastrophen, sondern damit einhergehend auch einen Vertrauensverlust bei den Kunden im Ausland.


Quelle: spiegel.de

Euer

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