Roland Tichy: Editorial ( Die Kunst des Wartens )

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Roland Tichy: Editorial  ( Die Kunst des Wartens ) Brummer
Brummer:

Roland Tichy: Editorial ( Die Kunst des Wartens )

 
03.03.02 15:21
#1
Warten, nichts tun, relaxen, ruhige Hand: viele Börsianer hassen das. Sie wollen handeln, die Welt bewegen, den Erfolg erzwingen. Einer meiner ältesten Freunde auf dem Parkett aber sagt: Der Erfolg kommt vom Warten. Diese Kunst jedoch beherrschen die Allerwenigsten.

Die augenblickliche Marktlage bestätigt die Weisheit: Zwar beschwören Politiker wie Hans Eichel ständig den Aufschwung und die Konjunkturerholung – aber wer nur einmal mit der Straßenbahn fährt und zuhört, was die Menschen bedrückt, glaubt dem Geschwätz nicht mehr: Die Arbeitslosigkeit steigt, und alle Statistik-Tricks unseres Arbeitslosen-Verleug-
nungsministers Riester ändern nichts daran. Die Konjunkturexperten gehen durch ein Wechselbad der Statistiken. Da meldet das Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo, dass die deutschen Unternehmer etwas optimistischer geworden sind: Die Kurse steigen. Genau zwei Stunden später wird aus den USA berichtet, dass dort die Verbraucher ängstlicher und zögerlicher geworden sind: Die Kurse fallen, und wie! Die Stimmungsindikatoren unseres Autors Stefan Riße vermelden tiefe Depression – gut so. Denn die Wende kommt, wenn niemand sie erwartet und die allermeisten Anleger ihr Geld in Festverzinslichen und Geldmarktfonds parken. Handfeste Hinweise auf eine klare Kurswende fehlen. Die Angst geht um, und sie hat einen Namen: Enronitis. Wie viele Unternehmen haben ihre Bilanzen derart geschönt und gefälscht wie der Pleite-Gigant aus den USA? Wessen Kartenhaus stürzt als nächstes ein?

In die Enge getrieben, stürzen sich immer mehr Unternehmen in Verzweiflungsaktionen und versuchen, sich am Rande des Abgrunds mit juristischen Finten vor vereinbarten Zahlungen zu drücken.

Springer will den eigenen Hauptaktionär Kirch opfern, France Télécom unter der Last von 65 Milliarden Euro Schulden die eingegangenen Bürgschaften für die UMTS-Schulden von Mobilcom aufkündigen. Weil die Reserven fast überall aufgebraucht sind, eskalieren die Konflikte. Ein besonderes Problem in Deutschland: Die Lebensversicherer verkaufen im großen Stil Aktien, die sie vor fünf
oder zehn Jahren zu damals sehr niedrigen Kursen gekauft haben. Damit wollen sie stille Reserven mobilisieren, um wenigstens noch ein paar Jahre die Leistungsversprechen von sechs oder sieben Prozent Verzinsung auf Kapitalpolicen einzulösen. Das aber drückt die Kurse heute.

So verzweifelt die Zustandsbeschreibung klingt: Für den Anleger, der die Kunst des Wartens und des Auswählens beherrscht, sind das gute Zeiten. So lange wirklich eindeutige Signale der Konjunkturerholung fehlen, eilt es nicht mit Einkäufen, im Gegenteil. Die wahren Schnäppchen kommen erst dann, wenn die Lage wirklich verzweifelt wird. Und wer eine Aktie ins Auge gefasst hat und sie nicht bekommt, weil sie plötzlich steigt wie verrückt: Nicht hinterherlaufen. Auch andere Mütter haben schöne Töchter. Nicht mehr auswählen kann nur der, der sich mit dem Einkauf von Aktien schon gebunden hat. Jetzt aber ist die Zeit der Auswahl, des Stockpicking – von deutschen Autowerten (Seite 46) bis zu Hightechs an der Nasdaq (Seite 40).

Quelle: telebörse:  Roland Tichy


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In den Startlöchern

 
#2
Enronitis – die Angst vor madigen Bilanzen – überschattet die unerwartet robuste Konjunkturerholung in den USA. Das Image von Corporate America ist angekratzt und die Nervosität der Investoren durchaus angebracht. Und dennoch sollte man das große Bild nicht übersehen: Das unerwartet robuste Wirtschaftswachstum macht sich an der Ertragsfront zyklischer Werte zunehmend bemerkbar. Ob General Motors, Eastman Kodak oder Caterpillar – Gewinnschätzungen ziehen sukzessive an. "Einige Indikatoren deuten auf den Beginn einer Wirtschaftserholung", verkündete US-Finanzminister Paul O'Neill. Und nicht nur in den USA hellt sich das Umfeld auf. Auch Euroland scheint den Turn-Around geschafft zu haben. Da amerikanische Firmen jedoch schneller restrukturiert haben, dürfte hier das Wirtschaftswachstum höher ausfallen.

"Die US-Konjunktur sollte bis Jahresende ausreichend Momentum entwickelt haben, um den Rest der Welt aus der Rezession zu ziehen", vermutet David Malpass von Bear Stearns. Das saisonal sonst eher flaue erste Quartal läuft jedenfalls zu Höchstformen auf. "Das Bruttoinlandsprodukt sollte im laufenden Quartal zwischen drei und vier Prozent zulegen", so Bruce Steinberg von Merrill Lynch. Damit würde das Wachstum die ursprünglichen Prognosen um fast das Doppelte übertreffen. Dann wären nicht nur die Ertragsschätzungen an der Wall Street zu niedrig, auch die Bewertung des Aktienmarktes wäre attraktiver. Da das Konjunktur- und Ertragswachstum gewöhnlich Hand in Hand geht, dürften die Ergebnisse genauso unerwartet robust wie die Wirtschaft ausfallen.

Steht die für das dritte Quartal avisierte Ertragserholung also womöglich schon vor der Tür? In Anbetracht der niedrigen Lagerbestände, steigenden Produktivität und der generell robusten Wirtschaftsdaten, ist das sehr wahrscheinlich. "Ergebnisse werden so unerwartet schnell anziehen wie das Konjunkturwachstum", meint auch David Kelly von Putnam Investments. Den wirklichen Beweis wird Corporate America erst zum Ende des Quartals antreten. Zwischen Ende März und Anfang April aktualisieren Unternehmen offiziell ihre Ertragsprognosen. "Analysten erwarten bei den Aktien im S  &  P-500-Index einen Ertragseinbruch von elf Prozent", so Chuck Hill von First Call. Noch vor wenigen Wochen stellte sich die Analystenwelt auf Gewinneinbußen von 15 bis 16 Prozent ein. Bleibt das Nachrichtenumfeld positiv, dürften die Prognosen in den nächsten Wochen weiter angehoben werden. "Sollten wir die Schätzungen revidieren, dann nach oben", so Hill weiter. Auch wenn es an der Ertragsfront im ersten Quartal langsam dämmert, wird die Sonne erst im zweiten Quartal so richtig strahlen. Spätestens dann können sich Investoren auf kontinuierlich steigende Ergebnisse einstellen. Insbesondere auf den Technologiesektor kommt es an. Seit Mitte Januar haben Analysten die ohnehin sehr aggressiven Ertragsprognosen für die Hightechs im S  &  P-500-Index weiter nach oben geschraubt. Nach Ertragseinbrüchen von 23 Prozent im zweiten Quartal erwarten Analysten nun Gewinnsteigerungen von 42 Prozent im zweiten und 140 im dritten Quartal. Frei nach dem Motto: "No risk, no fun."

Quelle: telebörse /  Markus Koch








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