19.11.2001
Die Logik der Börse
Die Börse geht ihre eigenen Wege. Mit herkömmlicher Logik hat dies oft
wenig zu tun. Die Ereignisse der vergangenen zwei Monate sind dafür ein
ausgezeichnetes Beispiel. Die amerikanische Wirtschaft befindet sich seit
dem dritten Quartal in einem Abwärtstrend. Das Bruttoinlandsprodukt fiel
erstmals seit acht Jahren. Die Definition einer Rezession wäre dann
erfüllt, sofern sich auch in diesem Quartal die Wachstumsschwäche
fortsetzt. Dafür sprechen die jüngsten Wirtschaftsdaten.
Die Industrieproduktion wies im Oktober den größten monatlichen Rückgang in
elf Jahren auf. Seit nunmehr dreizehn Monaten gibt es bei dieser Statistik
Minuszahlen. Eine so lange Durststrecke hat es seit 1931 nicht mehr
gegeben. Vor siebzig Jahren befand sich Amerika im schlimmsten
Wirtschaftseinbruch des 20. Jahrhunderts. Auch die Kapazitätauslastung
befindet sich seit September 2000 auf dem Rückzug. Mehr als ein Viertel der
produzierenden Industrie liegt zur Zeit still. Dies ist die niedrigste
Auslastung seit 1983.
Die Ereignisse vom 11. September haben das Verbrauchervertrauen stark
erschüttert. Leere Flughäfen, Restaurants und Kaufhäuser sind die Folge.
Zwar sind die Einzelhandelsumsätze im Oktober mit über 7 Prozent mehr als
in jedem Monat seit über dreißig Jahren gestiegen, jedoch beruhte der
größte Teil dieser Verbesserung auf den günstigen Finanzierungsangeboten im
Autogeschäft. Wer heute ein Auto in Amerika kauft, bezahlt ein Jahr lang
weder Monatsraten noch Zinsen. Ohne den Autosektor verringerte sich der
Oktoberanstieg auf ein Prozent. Dies ist eine relativ bescheidene
Verbesserung, nachdem es im September zu einem Rückgang von 1,5 Prozent
gekommen war. Gerade in Anbetracht des bevorstehenden Weihnachtsgeschäfts
hätte man normalerweise bessere Umsatzzahlen bei den Kaufhäusern erwartet.
Erfreulich ist dagegen die Entwicklung bei der Inflation. Die
Verbraucherpreise fielen im Oktober um 0,3 Prozent, nachdem es im September
noch zu einem Anstieg von 0,4 Prozent gekommen war. Der stark volatile
Ölpreis war hierfür der Hauptfaktor. War der Faßpreis für Texasöl vor
vierzehn Monaten kurzfristig auf über 37 Dollar gestiegen, so ist er jetzt
nur knapp halb so hoch, obwohl der nächste Winter unmittelbar vor der Tür
steht. Das weltweit schwache Wirtschaftswachstum sowie die Uneinigkeit
unter den produzierenden Ölländern über weitere Produktionseinschränkungen
können sogar noch weiteren Druck auf den Ölpreis ausüben. Jeder Rückgang
beim Ölpreis um einen Dollar bedeutet für den amerikanischen Verbraucher
eine Ersparnis von rund 7 Milliarden Dollar im Jahr.
Trotz der allgemein äußerst schwachen Wirtschaftsdaten stieg die Rendite
von zehnjährigen Staatstiteln im Wochenverlauf mehr als in jeder anderen
Woche in 25 Jahren, seitdem diese Anleihen regelmäßig öffentlich
versteigert werden. Als Grund für diesen überraschenden Zinsanstieg wurde
genannt, daß Anleger befürchten, daß die Notenbank die Leitzinsen nicht
mehr senken wird. Normalerweise ist ein Renditeanstieg am Rentenmarkt
schlecht für den Aktienmarkt. Das traf diesmal jedoch nicht zu. Sowohl der
Dow-Jones-Index als auch der Standard&Poor's-500-Index und auch der
Freiverkehrsmarkt legten beachtliche Wochengewinne vor. Beim Indexstand von
9867 rückt der Dow Jones wieder greifbar nahe an die 10 000-Marke. Seit dem
Jahrestiefststand vom 21. September beträgt der Anstieg fast 20 Prozent,
was eine neue Börsenhausse bedeuten würde. Der Freiverkehrsmarkt weist
bereits mit einem Plus von über 30 Prozent einen neuen Haussetrend auf.
Während viele institutionelle Anleger und Banken vor dem Aktienmarkt
warnten und Bargeld vorzogen, hatten nicht nur Wall Street, sondern auch
andere Weltbörsen beachtliche Kursgewinne vorgelegt. Flugzeugaktien waren
vor zwei Monaten besonders stark gefallen. Die geringe Auslastung beim
Flugverkehr schien dies zu bestätigen. Jedoch haben sich gerade seit dem
21. September die Börsenkurse hier deutlich erholt. Die Aktie der Lufthansa
hat sich seitdem sogar fast verdoppelt. Im Technologiesektor gab es auch
schon weit überdurchschnittliche Erfolge. Der führende Halbleiterhersteller
Intel legte im gleichen Zeitraum fast 60 Prozent zu. Im Internetsektor
konnte CMGI seinen Aktienkurs seit Anfang Oktober sogar fast verfünffachen.
Beim dieswöchigen Erntedankfest am Donnerstag können mutige Anleger feiern,
obwohl die Wirtschaft wenig Grund zum Beifall gibt. Die Börse hat eben ihre
eigene Logik.
Ihr Heiko Thieme
So verhalten kenne ich diesen ultimativen Superbullen und Schönredner garnicht. Ihr etwa?