Fed verliert die Kontrolle: Der US-Bondmarkt wird zum Risiko
Ingo Kolf
Ingo Kolf
Ingo Kolf bringt über zwei Jahrzehnte Erfahrung im internationalen Finanzjournalismus mit, darunter 19 Jahre beim Nachrichtendienst Bloomberg, mit Stationen in Frankfurt und sechs Jahren in New York. Seine fundierte Expertise umfasst die Bereiche Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und globale Zinsentscheidungen, mit einem besonderen Fokus auf die Devisenmärkte und bewährte Dividendenstrategien. Bei ARIVA.DE ordnet er die großen wirtschaftlichen Trends unserer Zeit in tiefgehenden Hintergrundberichten und Analysen ein.
US-Staatsanleihen werfen wieder mehr als fünf Prozent ab. Das setzt Aktien, Immobilien und Washington unter Druck – und zeigt, wie stark das Vertrauen in Fed-Chef Kevin Warsh bereits gelitten hat.
Für dich zusammengefasst:
Die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen liegt bei 5,28 %.
Das Congressional Budget Office erwartet hohe Zinsausgaben 2026.
Langfristige Anleihen werden verstärkt verkauft, Zinskurve steiler.
Am amerikanischen Anleihemarkt ist die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen zuletzt auf rund 5,28 Prozent geklettert. Das ist der höchste Stand seit 2007. Zehnjährige Treasuries rentierten zeitweise mit etwa 4,75 Prozent und bewegen sich seit Monaten auf die Marke von fünf Prozent zu. Das hat Auswirkungen über den Bondmarkt hinaus. Steigende Renditen verändern die Spielregeln für Aktien, Immobilien und Kredite. Gleichzeitig erhöhen sie die Finanzierungskosten des amerikanischen Staates. Im Zentrum der Unruhe steht ausgerechnet die US-Notenbank.
Der neue Fed-Chef Kevin Warsh ließ bei der jüngsten Zinsentscheidung offen, unter welchen Bedingungen die Notenbank die Zinsen erneut erhöhen würde. Die Märkte wissen damit weder, welche Inflationsdaten eine Reaktion auslösen, noch welche Rolle der Arbeitsmarkt spielt. Selbst die Frage, wie strikt die Fed weiterhin am Inflationsziel von zwei Prozent festhält, bleibt unbeantwortet. Warsh will die Finanzmärkte offenbar von der ständigen Führung durch die Notenbank entwöhnen. Künftig soll es weniger Hinweise auf den weiteren Zinskurs geben. Berichten zufolge erwägt er sogar, die Zahl der Fed-Sitzungen zu reduzieren.
Was nach mehr Eigenverantwortung der Märkte klingt, führt bislang vor allem zu Unsicherheit. Ohne einen verlässlichen Rahmen müssen Investoren selbst abschätzen, wie die Fed auf neue Inflationsdaten, höhere Ölpreise oder einen schwächeren Arbeitsmarkt reagieren wird. Hinzu kommen hartnäckige Inflationssorgen, steigende Energiepreise infolge des Krieges im Nahen Osten und das wachsende Angebot neuer US-Staatsanleihen. Washington muss immer mehr Schulden refinanzieren und dafür laufend neue Papiere auf den Markt bringen.
Investoren verlangen deshalb einen höheren Risikoaufschlag. Während die Renditen kurz laufender Anleihen teilweise sanken, wurden langfristige Treasuries kräftig verkauft. Die Zinskurve wurde steiler. Der Markt signalisiert damit Zweifel, dass die Fed die Inflation dauerhaft unter Kontrolle bekommt.
Für Aktien wird diese Entwicklung zunehmend gefährlich. Wenn sichere US-Staatsanleihen fast fünf oder sogar mehr als fünf Prozent Rendite bieten, steigt die Konkurrenz für den Aktienmarkt. Unternehmen müssen entweder deutlich höhere Gewinne liefern oder niedrigere Bewertungen akzeptieren.
Besonders verwundbar sind hoch bewertete Technologie-, Software- und KI-Aktien. Ihre Kurse beruhen häufig auf Gewinnen, die erst in vielen Jahren erwartet werden. Auch kleinere und hoch verschuldete Unternehmen geraten unter Druck. Steigende Finanzierungskosten belasten Margen, Investitionen und Refinanzierungen. Alte Anleihen mit niedrigen Kupons laufen aus und müssen durch neue Schulden zu deutlich höheren Zinsen ersetzt werden. Das kann selbst bei wachsenden Unternehmen spürbar auf die Gewinne drücken. Bei schwächeren Konzernen steigt zugleich das Risiko von Zahlungsausfällen.
Immobilien-, Versorger- und Infrastrukturwerte verlieren ebenfalls an Attraktivität. Ihre Dividenden konkurrieren nun mit ähnlich hohen Renditen amerikanischer Staatsanleihen. Anleger müssen sich fragen, warum sie Unternehmensrisiken eingehen sollen, wenn sichere Bonds vergleichbare laufende Erträge bieten.
Besonders sichtbar werden die Folgen am US-Immobilienmarkt. Die Hypothekenzinsen orientieren sich stark an den Renditen zehnjähriger Treasuries. Bleiben diese nahe fünf Prozent, bleiben auch Hauskredite teuer. Auch Unternehmen müssen ihre Investitionspläne neu kalkulieren. Neue Fabriken, Rechenzentren, Übernahmen und Aktienrückkäufe werden teurer. Besonders kritisch ist die Lage für Konzerne, die in den kommenden Jahren große Schuldenpakete refinanzieren müssen.
US-Schulden werden zur Falle
Langfristig trifft der Renditeanstieg jedoch den amerikanischen Staat am härtesten. Das Congressional Budget Office erwartet für 2026 bereits Nettozinsausgaben von mehr als einer Billion US-Dollar. Die Staatsschulden von mehr als 34 Billionen US-Dollar entwickeln sich damit zum Bumerang. Je höher die Renditen neuer Staatsanleihen steigen, desto mehr Geld muss Washington allein für Zinsen ausgeben. Um diese Kosten zu finanzieren, muss der Staat weitere Anleihen emittieren. Das erhöht das Angebot und kann die Renditen zusätzlich nach oben treiben.
Es entsteht ein gefährlicher Kreislauf: mehr Schulden, höhere Zinskosten, noch mehr neue Anleihen und weiter steigende Renditen. Kevin Warsh wollte die Märkte von der ständigen Führung durch die Fed entwöhnen. Stattdessen wächst nun die Sorge, dass die Notenbank selbst zum Unsicherheitsfaktor geworden ist.
Das 19-Jahres-Hoch bei 30-jährigen US-Renditen ist daher einfach eine Risikoprämie für hartnäckige Inflation, eine unklare Geldpolitik und schlechte Kommunikation. Der Bondmarkt verlangt schlicht mehr Geld dafür, einem unberechenbaren Notenbankchef über Jahrzehnte Kapital zu leihen. Für Anleger ist das eine Warnung: Bleiben die Renditen hoch, dürfte kaum eine Anlageklasse unbeschadet davonkommen.
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