Hochfrequenzhandel: DAX mit Flash-Crash. Hintergründe?
von Dimitri Speck
Liebe Leser,
am Donnerstag, den 6. Februar, um 13:45 Uhr verkündete die Europäische Zentralbank ihre weltbewegende Entscheidung, nichts zu tun. Die Leitzinsen bleiben unverändert bei 0,25 Prozent. Dennoch sackte der DAX-Future binnen weniger als einer Sekunde um fast 200 Punkte oder genau 2 Prozent. Der Handel wurde daraufhin von einem Computerprogramm der Deutschen Börse, das auf plötzlich steigende Kursschwankungen reagiert, ausgesetzt. Nach Wiederaufnahme des Handels erholten sich die Kurse sofort wieder.
Flash Crashs beim DAX noch selten
Was war geschehen? Seit Jahrzehnten sind in Handelshäusern und Banken Börsen-Computerprogramme in Gebrauch. In den letzten Jahren kamen jedoch Hochfrequenzprogramme hinzu. Diese unterscheiden sich technisch und in ihrer ökonomischen Funktion.
DAX-Future März-Kontrakt, Flash-Crash, 6. Februar 2014
Hochfrequenzcomputer befinden sich nicht wie andere Computer oder Händler weit entfernt von der Börse. Vielmehr werden sie gegen entsprechende Gebühr mit sehr schnellen Verbindungen zur Börse ausgestattet – sie haben also einen zeitlichen Vorteil vor anderen Marktteilnehmern, was eine Verletzung der Neutralität eines Marktplatzes darstellt. Die teure Infrastruktur der Rechner finanzieren die darauf spezialisierten Firmen dadurch, dass sie spezielle Algorithmen einsetzen, die nur dazu dienen, anderen Marktteilnehmern etwas Geld aus der Tasche zu ziehen – in Sekundenbruchteilen, ohne dass diese es merken. Manche der Algorithmen fallen, von der Börsenaufsicht bisher geduldet, unter den Tatbestand der Manipulation, indem beispielsweise Handelsinteresse vorgetäuscht wird, um die Orders anderer Marktteilnehmer zu eruieren.
Computer außer Kontrolle
Diese Programme führen ihre Orders ohne jedes menschliche Zutun derart schnell aus, dass es in Einzelfällen zu chaotischen Kursbewegungen kommen kann. So war es denn auch am Mittwoch beim Flash-Crash. Binnen 410 Millisekunden handelten die Computer untereinander 1.588 Kontrakte in 491 einzelnen Trades. Der DAX-Future brach dabei von 9.194 auf 9.010 Punkte ein. Nach der Handelsaussetzung befand sich der DAX unverzüglich wieder auf dem Niveau vor dem Flash-Crash.
Laut Deutscher Börse ist auszuschließen, dass ein einzelner Händler durch eine Fehleingabe den Einbruch ausgelöst hat. Das hätten Kontrollsysteme zuverlässig verhindert. Laut dem Hochfrequenz-Spezialisten Nanex ist auch eine Stop-Loss-Welle auszuschließen. Dabei kommt es zu einem schnellen Einbruch, da ein Stop-Loss den nächsten auslöst. Es kam aber binnen der Sekundenbruchteile immer wieder zu Erholungen, was bei Stop-Loss-Wellen nicht der Fall ist.
Hochfrequenzhandel ist sinnlos
Den Hochfrequenzhandel gibt es nur, weil die beteiligten Firmen davon profitieren und die Börsen durch das Zahlen einer Gebühr verführen. Für die Börsen ist dies aber ein kurzsichtiges Geschäft. Denn alle übrigen Marktteilnehmer, insbesondere institutionelle Händler und Market-Maker, werden durch die Hochfrequenzhändler geschädigt, da sie diese letztlich bezahlen müssen. Im Unterschied zu anderen automatisierten Handelssystemen, die klassisch Kursbewegungen ausnutzen und den Markt effizienter machen, profitieren Hochfrequenzhändler nur davon, dass sie Millionen in ihre Computersysteme stecken und andere Markteilnehmer austricksen.
Hochfrequenzhändler erhöhen daher die Kosten der einzelnen Trades insbesondere für größere Orders, da diese zu schlechteren Kursen ausgeführt werden. Ohne diese Algorithmen bekämen institutionelle Anleger wie Fonds oder Versicherungen bessere Ausführungen, da sie die Hochfrequenzhändler und ihre Computer nicht finanzieren müssten. Der Hochfrequenzhandel nimmt mittlerweile einen immer größeren Anteil am Handel ein. Er hat aber die Liquidität der Märkte reduziert, da große Orders viel problematischer zu platzieren sind als vor dessen Einführung. Für die übrigen Marktteilnehmer wurde es teurer – viele bleiben dem Markt deshalb fern, haben ihr Geschäft reduziert oder eingestellt.
Für die Börsen zahlt sich der Hochfrequenzhandel deshalb auf Dauer auch nicht aus. Sie bekommen zwar eine Gebühr, erhalten die Quittung aber durch reduzierte Umsätze. Eine Einschränkung des Hochfrequenzhandels etwa durch eine Mindesthaltedauer für Orders und ein Verbot der technischen Bevorzugung wäre auch kein Verstoß gegen das Freiheitsgebot, denn zu jeder Freiheit gehören klare und sinnvolle Regeln.
Bedeutung des Hochfrequenzhandels für Sie als Anleger
Für die Deutsche Börse ist dennoch alles in Ordnung. Sie entschied folglich, dass die Trades, die während des Flash-Crashs getätigt wurden, nicht rückabgewickelt werden. Sie als Anleger sollten jedoch Konsequenzen ziehen:
Reduzieren Sie die Anzahl Ihrer Trades. Zwar haben sich die Gebühren der Broker und Banken durch den technischen Fortschritt und das Internet reduziert, die versteckten Kosten sind aber gestiegen. „Hin und Her macht Taschen leer“ – das gilt unverändert!
Platzieren Sie keine festen Stop-Loss-Orders im Markt. Dies wird nur ausgenutzt. Es genügt, die Tagesschlusskurse zu verfolgen und am Folgetag die Order zu platzieren.
Mit herzlichsten Grüßen, Ihr
Dimitri Speck