Quelle Reuters :
Berlin, 17. Jun (Reuters) - Bei der Parlamentswahl in Griechenland führt die konservative Neue Demokratie nach einer ersten offiziellen Hochrechnung mit 29,5 Prozent der Stimmen. Zweitstärkste Partei wird nach den Angaben des Innenministeriums Vom Sonntagabend das radikale Linksbündnis Syriza mit 27,1 Prozent. Damit könnte die Neue Demokratie (ND) etwa 128 Sitze im Parlament bekommen und Syriza 72. Die sozialistische Pasok erhält der Hochrechnung zufolge 33 Sitze. ND und Pasok hätten damit zusammen eine Mehrheit und könnten die Regierung bilden. Für Syriza, die die Bedingungen für die internationalen Finanzhilfen ablehnt, bliebe damit nur die Oppositionsbank. Experten sagten in ersten Reaktionen:
MARKTANALAYST GIUSEPPE AMATO VOM BROKERHAUS LANG & SCHWARZ
"Der Wahlsieg der Neuen Demokratie ist keine sensationelle Überraschung. Viele hatten sich darauf vorbereitet. Wenn sich dieses Ergebnis bestätigt, können wir im Dax schnell die 6500 Punkte sehen.
Die Erholung des Marktes wird voraussichtlich kurz und heftig. Die Börse muss nach oben, weil sie in den vergangenen Wochen viel zu pessimistisch war.
Wir dürfen uns aber keinen Illusionen hingeben. Der Markt ist weiterhin ein Getriebener von Äußerungen rund um die Schuldenkrise. Strukturell ist noch nichts gelöst. Man muss jetzt liefern.
Bei alledem darf man aber die Frankreich-Wahl nicht vergessen. Präsident Francois Hollande geht gestärkt aus dem Wochenende hervor. Das macht die Verhandlungen auf europäischer Ebene sicher nicht einfacher."
NICK STAMENKOVIC, RIA CAPITAL MARKETS:
"Die Erleichterung an den Märkten dürfte nur von kurzer Dauer sein. Zwar ist das Worst-Case-Szenario nicht eingetreten. Aber die Leute dürften merken, dass sich an der Situation nichts Grundlegendes geändert hat."
GIORGOS TSAPOURIS, INVESTMENTSTRATEGE VON COUTTS IN LONDON:
"Aus Marktsicht ist dies das beste Ergebnis. Aktienmärkte und Euro dürften Aufwind bekommen, denn die Wahrscheinlichkeit eines Euro-Austritts von Griechenland ist gesunken. Besonders gut dürfte es am griechischen Aktienmarkt laufen.
Es gibt großen Druck, jetzt eine neue Regierung zu bilden. Eine Neuwahl kann sich das Land nicht mehr leisten, denn die Zahlen legen nahe, dass schon im Juli das Geld ausgehen könnte. Die Wahrscheinlichkeit eines Euro-Abschieds innerhalb der nächsten Monate ist zwar gesunken, aber das Problem ist noch nicht gelöst."
VOLKER TREIER, AUSSENWIRTSCHAFTSCHEF DES DIHK:
"Die deutsche Wirtschaft ist erleichtert. Sowohl eine kurzfristige Staatspleite als auch ein schneller Euro-Austritt Griechenlands sind mit diesem Wahlergebnis erst einmal vom Tisch. Es besteht die Hoffnung auf eine Euro-freundliche Lösung. Die Hilfsgelder dürften unter Einhaltung von Spar- und Reformauflagen weiter fließen. Diese sind auch die Voraussetzung dafür, dass Waren wieder geliefert und mittelfristig auch wieder in Griechenland investiert wird. Die EU wird der neuen Regierung sicher entgegenkommen und die Sparauflagen abmildern."
FOLKER HELLMEYER, CHEF-VOLKSWIRT DER BREMER LANDESBANK
"Die Wahl eröffnet die Chance einer pro-europäischen Regierung. Das ist vielversprechend. Ich bin verhalten optimistisch für die Entwicklung der Finanzmärkte am Montag.
Die Grundlage für einen Verbleib Griechenlands im Euro ist nicht schlechter geworden, aber die Kuh ist noch nicht vom Eis. Für Euphorie besteht kein Anlass, daher wird es sicher keine Party an den Finanzmärkten geben.
Alle wollen Griechenland im Euro halten. Von Seite der europäischen Politik gibt es offenbar die Bereitschaft, Griechenland entgegenzukommen. Als Kompromiss wird man sich voraussichtlich auf einen geänderten Zeitrahmen einigen. An den eigentlichen Vorgaben wird sich wohl nichts ändern."
JÖRG KRÄMER, COMMERZBANK-CHEFVOLKSWIRT:
"Gewinnt die Neue Demokratie, wäre das erst einmal positiv für die Märkte. Aber für die längerfristige Perspektive wäre das nicht relevant. Die Staatengemeinschaft würde diese Regierung nicht hängen lassen und Konzessionen machen. Sie wird dabei sehr weit gehen, bis an die Grenzen ihrer Glaubwürdigkeit. Sparauflagen dürften verringert, die Anforderungen an Privatisierungserlöse gesenkt und neue Kredittranchen freigegeben werden. Das würde Griechenland erst einmal stabilisieren.
Ob das auf lange Sicht funktioniert, ist zu bezweifeln. Der griechische Staat bedarf einer Generalinventur, er braucht tiefgreifende Reformen, ein echten Neuaufbau. Ich glaube nicht, dass das in den kommenden zwölf Monaten kommen wird. Ein Neubeginn der Währungsunion mit Griechenland ist nur schwer vorstellbar. Irgenwann wird der Punkt kommen, an der die Staatengemeinschaft den Geldhahn zudrehen wird."
HOLGER SCHMIEDING, CHEFVOLKSWIRT BERENBERG BANK:
"Wird die Neue Demokratie stärkste Partei, kann sie vermutlich mit der Pasok eine stabile Regierung bilden. Das wäre die Regierung, die Europa braucht, mit der Europa verhandeln kann. Ausgestanden wäre die Krise damit natürlich nicht. Aber Griechenland würde dann wohl mehr Zeit dafür bekommen, seine Sparmaßnahmen umzusetzen. Damit würde man das Thema Griechenland wieder in den Griff bekommen können - zumindest für einige Zeit.
Sollte doch die Syriza die Wahl gewinnen, drohen massive Turbulenzen - vor allem in Griechenland, nicht so sehr an den Finanzmärkten. Letzteres könnte die EZB begrenzen, etwa indem sie neues Geld in die Finanzmärkte pumpt. Europa würde bei einem Stopp des Sparprogramms mit großer Wahrscheinlichkeit den Geldhahn zudrehen. Das würde zu einem Chaos in Griechenland führen. Die Chance, dass sich die Parteien dann doch noch für die Sparauflagen und damit für den Euro entscheiden, stünden bestenfalls 50:50." (Reporter: Rene Wagner, Hakan Ersen; redigiert von Axel Hildebrand)
(Quelle: Reuters)