18.01.12 14:55 dpa-AFX: Börse Frankfurt-News: Nicht zu früh freuen (Markttechnik)
FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - 18. Januar 2012. Die kräftigen
Kursgewinne der vergangenen Tage quittieren viele technische Analysten mit einem
Schulterzucken. Das Chartbild sieht ihrer Ansicht nach nämlich alles andere als
gut aus, was Anleger anscheinend ähnlich sehen.
Jahresanfangs- statt Jahresendrallye: Über 7 Prozent hat der DAX seit
Ende Dezember zulegen können. Viele technisch orientierte Analysten mahnen aber
zur Vorsicht, ihrer Einschätzung nach wird die Erholung nicht von Dauer sein.
'Aus zyklischer Sicht ist es für den Anstieg noch zu früh', meint etwa Christoph
Geyer von der Commerzbank. Kurzfristig sei der Ausbruch über die Widerstandszone
zwischen 6.200 und 6.400 Punkten zwar möglich, nachhaltig werde dieser aber
nicht sein. Der Stochastik-Indikator mahne zur Vorsicht, dazu komme der
Widerstand bei rund 6.500 Punkten. Auch Klaus Deppermann von der BHF-Bank und
Martin Siegert von der Landesbank Baden-Württemberg sind skeptisch.
Neuerlicher Tiefstkurs im August
Deppermann zufolge spricht einiges für wieder sinkende Kurse, und
verweist auf die Formation des aufsteigenden Dreiecks beim DAX. 'Dieses gilt in
der Chartliteratur als bullish. Unsere eigenen Untersuchungen haben jedoch
ergeben, dass der Ausbruch zwar zunächst häufig nach oben stattfindet, dieser
aber wenig später von einem Ausbruch nach unten abgelöst wird.' An wichtigen
oberen Trendwenden trete das aufsteigende Dreieck beim DAX besonders häufig auf.
'Sehr eindeutig war das beim langfristigen Hoch im Jahr 2007.' Nicht ganz
so lehrbuchhaft, aber doch deutlich erkennbar, seien die aufsteigenden Dreiecke
im Sommer 2000 und im Sommer 2011. Alle drei Zeiträume hätten langfristige obere
Trendwenden beim DAX markiert. Den jüngsten Anstieg über die obere
Begrenzungslinie bei 6.180 Punkten interpretiert Deppermann als Fehlausbruch.
Daneben ließen auch die mittel- und langfristigen Zyklen
pessimistisch in die nähere Zukunft blicken. 'Dazu zählt der Vergleich mit der
Entwicklung von 2007', erklärt der Analyst. Aber auch auf Basis des
Zehnjahreszyklus könne man davon ausgehen, dass sich die Aktienkurse noch bis
mindestens Mitte dieses Jahres nach unten bewegen werden. 'Auffällig ist die
Häufung der Wendepunkte im August und im Oktober.' Deppermann rechnet in diesem
Jahr wieder mit dem tiefsten Punkt im August.
Korrekturbewegung nach oben in Spätphase
Auch Martin Siegert hält es für wahrscheinlich, dass die
Erholungsphase nach den Tiefstkursen im Spätsommer zu Ende geht. 'Der DAX
befindet sich seit Ausbildung eines Doppeltiefs knapp unter der 5.000er Marke im
September in einer Korrekturbewegung', erläutert der Charttechniker. Diese
verlaufe derzeit in einem intakten Trendkanal mit Begrenzungslinien bei etwa
5.670 Punkten auf der Unter- sowie knapp über 6.600 Punkten auf der Oberseite.
'Aus Sicht der aktuellen Verlaufsstruktur und der Lage der Indikatoren im Tages-
und im Wochenchart lässt sich die Erwartung ableiten, dass diese
Korrekturbewegung bereits in eine Spätphase eingetreten ist.'
Zu Beginn dieser Woche sei der DAX nochmals in eine dynamische Bewegung
übergegangen. 'Das minimale Kursziel wurde mit einem Preissprint über der
6.320er Marke bereits erreicht, das alternative rechnerische Preisziel sollte im
Bereich der 6.442er Zone zu finden sein.' Knapp unter dieser Marke verlaufe
aktuell die 200-Tagelinie. Die Ausbildung eines Tops, das idealtypisch in den
nächsten Tagen durch das Signal einer Tagesumkehr bestätigt werden sollte,
stelle den Abschluss der mehrmonatigen Korrektur dar.
'Aus Sicht der klassischen Chartanalyse könnte dann von einem Pullback
zur 200-Tagelinie gesprochen werden.' Das Unterschreiten der kurzfristigen
Trendgeraden im Bereich der 6.070er Zone und nachfolgend der
Preisunterstützungsmarke bei 5.988 Punkten bestätigten diese Betrachtung. 'Das
führt den DAX in den kommenden Wochen und vermutlich Monaten vor eine neuerliche Bewährungsprobe.'
Drastischer Stimmungsabfall bei DAX-Werten
Auch die Anleger trauen dem Braten offenbar nicht: Besonders
bezüglich des DAX hat sich die Stimmung deutlich eingetrübt, wie die aktuelle
Befragung der Börse Frankfurt unter 300 aktiven Investoren ergeben hat. Im
Vergleich zur Vorwoche verließen satte 10 Prozent der Anleger das Bullenlager,
14 Prozent sind nund bearish. Insgesamt ist mit 46 Prozent nun fast die Hälfte
der Interviewten in Sachen Bluechips negativ gestimmt. Der Bull/Bear-Index ist
mit 45 Punkten eindeutig im pessimistuischen Bereich. Bei den Technologiewerten
gibt es hingegen kaum Veränderung: Hier kommt es nur zu kleinen Verschiebungen
zwischen den Lagern, der Bull/Bear-Index geht hier von 58,6 auf 56,4 Punkte zurück.
Der Bull/Bear-Index misst das Maß an Optimismus im Markt. Dafür werden
die Optimisten ins Verhältnis zu den Pessimisten gesetzt und mit den neutral
Gestimmten gewichtet. Werte unter 50 Punkte zeigen eine pessimistische
Gesamtstimmung der Anleger. Was es bedeutet, können Sie ab 17 Uhr bei
www.boerse-frankfurt.de/sentiment lesen.
© 18. Januar 2012 / Anna-Maria Borse
(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich.
Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder
anderen Vermögenswerten.)
Finanzielle Probleme lassen sich am besten mit anderer Leute Geld regeln. (J. Paul Getty)