von Henrik Voigt
Liebe Leserin, lieber Leser,
gestern sahen wir eine regelrechte Datenflut mit sagen wir mal sehr gemischtem Charakter. Wie erwartet beließ die Europäische Zentralbank den Leitzins unverändert auf dem Rekordtief von 1,00 Prozent und äußerte sich erneut verhalten optimistisch zur weiteren konjunkturellen Entwicklung. Positiv überraschte die EWU-Industrieproduktion im November, die mit einem Anstieg von 1 Prozent gegenüber dem Vormonat die Markterwartungen von +0,5 Prozent deutlich übertraf. Damit wurde auch der Rückgang vom Oktober wieder ausgeglichen und der Aufwärtstrend bei den Daten der letzten Monate bleibt intakt.
Wenig erfreulich präsentierten sich dagegen die Daten aus den USA. Entgegen den Erwartungen sanken die Einzelhandelsumsätze im Dezember um 0,3 Prozent im Monatsvergleich, während Volkswirte mit einem Zuwachs von 0,4 Prozent gerechnet hatten. Auch die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe der Vorwoche fielen mit 444.000 leicht höher aus als die erhofften 438.000. Dagegen stiegen die Lagerbestände der US-Unternehmen im November mit 0,4 Prozent etwas stärker als erwartet.
Sehr schlechte Nachrichten kamen aus dem Immobiliensektor. Nach dem Informationsdienstleister RealtyTrac sind in den USA im Dezember die Anträge auf Haus-Hypotheken-Zwangsvollstreckungen gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres um 15 Prozent auf 349.000 gestiegen. Im Vergleich zum Vormonat ergibt sich ein Plus von 14. In 2009 legten dieZwangsvollstreckungen gegenüber 2008 um 21 Prozent auf einen Rekord von 2,8 Millionen zu. Der RealTrac-Vice President Rick Sharga sagte, dass die Krise bei den Zwangsvollstreckungen voraussichtlichvor einer weiteren Verschlechterung steht. Für dieses Jahr sei mit einem entsprechenden Anstieg auf 3-3,5 Millionen zu rechnen, zumal sich immer mehr arbeitslose und finanzschwache Hausbesitzer nicht mehr in der Lage sehen, ihren Zahlungsverpflichtungen aus Hypotheken rechtzeitignachzukommen.
Sie sehen: Noch sind längst nicht alle Probleme gelöst. Wir sehen zwar eine erfreuliche Entwicklung bei den produktionsbezogenen Wirtschaftsdaten. Was mir jedoch nach wie vor Kopfzerbrechen breitet, ist die weiter schwache Entwicklung ausgerechnet in den Schlüsselsektoren Konsum, Arbeitsmarkt und Immobilien. Solange es dort keine Trendwende gibt, sehen wir trotz aller Schönfärberei kein Ende der Krise, sondern lediglich eine mit billionenschweren Rettungspaketen und Konjunkturprogrammen erkaufte, vorübergehende Stabilisierung. Wie soll auch Konsum an die Stelle dieser Programme treten, wenn so viele Menschen von Arbeitslosigkeit oder Zwangsversteigerung bedroht sind? Das einzige, was derzeit v-förmig nach oben geht, scheinen die Schuldenstände der Staaten, Unternehmen und Haushalten zu sein. Aber man soll ja die Hoffnung nie aufgeben. Wenigstens dürften sich damit mögliche Zinsanhebungen in nächster Zeit arg in Grenzen halten.
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