Das Kapital: Die Liquidität sickert aus allen RitzenMan weiß nicht so recht, ob man die EZB loben oder tadeln soll. Weitere Themen in diesem Kapital: verkannte Inflation und die EZB.
Lob hat sie dafür verdient, dass sie Geld und Kredit gegen alle Kritik Beachtung schenkt. Tadel dafür, dass es selbst ihr an der nötigen Konsequenz fehlt.
Seit dem ersten Quartal 1999 ist die Geldmenge M1 kumuliert um 88 Prozent gestiegen. M3 hat um 68 Prozent zugelegt, und die Banken haben ihre Kredite an den Privatsektor des Euroraums um 85 Prozent ausgeweitet. Das nominale BIP ist in dieser Zeit um 34 Prozent gewachsen, das reale gar nur 16 Prozent.
Nun mag der Zusammenhang zwischen Geld und Inflation nicht sehr eindeutig sein. Das kann auf die wohlbekannten Schwierigkeiten der Geldmengensteuerung zurückgehen: der zunehmend schwierigen Definition von Geld einerseits und der (möglicherweise) mangelnden Stabilität der Geldnachfrage andererseits. Der Zusammenhang kann aber auch einfach von glücklichen Umständen überlagert sein: einem positiven Angebotsschock, ausgelöst etwa durch Deregulierung, technologischen Fortschritt oder Globalisierung. Im laufenden Zyklus dürfte insbesondere die Einbindung Chinas und Osteuropas in die Weltwirtschaft die Preisentwicklung in den Industrieländern spürbar gedämpft haben, direkt über billige Importe und indirekt über die Beschneidung der Lohnverhandlungsmacht der hiesigen Arbeitnehmerseite.
Verkannte Inflation
Nur heißt das nicht, dass Geld keine Rolle mehr spielt. Wieso sonst konnte die Jahresinflationsrate seit 2000 störrisch bei über zwei Prozent verharren, obwohl der Euroraum sein Potenzial laut OECD seit Ende 2002 nicht ausschöpft, der Euro seit dem Spätsommer 2000 um ein Viertel aufgewertet hat und die Lohnstückkosten seit fast drei Jahren mit weniger als einem Prozent steigen?
Ganz einfach, weil die Liquidität aus allen Ritzen sickert. Nur dass die Geldmengenkritiker das nicht wahrhaben wollen. Mit den Energie- und Nahrungsmittelpreisen blenden sie daher einfach jene Kategorien aus der Verbraucherpreisbetrachtung aus, die von der Globalisierung negativ beeinflusst werden.
Doch hat der Ölpreis wirklich nichts mit M3 zu tun? Dazu müsste man unterstellen, dass China auch so schnell wachsen und damit Öl nachfragen hätte können, wenn die Geldpolitik in Europa, Amerika und Japan nicht so unendlich locker gewesen wäre. Das ist kaum denkbar. Insofern wäre es dann doch auch hausgemachte Inflation, dass die Preise für Wohnen und Verkehr 2006 um 4,7 und 3,1 Prozent stiegen; dass sich die Rohstoffpreise seit Anfang 1999 insgesamt gut verdreifacht haben; dass die Menschen nun von Öl auf Ethanol ausweichen, sodass der Preis von Getreide um fast 50 Prozent steigt. Obacht dem Brotpreis.
Und Obacht den Mieten, die ohne Nebenkosten angeblich bloß um zwei Prozent zulegen. Nur wie lange noch? Denn seit 1999 sind die Hauspreise im Euro-Raum im Mittel um gut vier Prozentpunkte schneller gestiegen als die Verbraucherpreise. Ob das wohl auch so gewesen wäre, wenn die Geldmenge im Einklang mit der Wirtschaft gewachsen wäre? Kaum.
Dazu kommt, dass die Kapazitätsauslastung im Euro-Raum zumindest in der Industrie inzwischen auf ein weit überdurchschnittliches Niveau gestiegen ist. In der Vergangenheit hat das noch immer steigende Lohnstückkosten gezeitigt. Derweil wird auch die preisdämpfende Wirkung der Globalisierung mit der Zeit eher nachlassen, wenngleich in China derzeit riesige Kapazitäten auf den Markt gelangen. Dass der Euro zum Yen so rasant aufgewertet hat, war zwar bisher insofern zum Wohle beider Ökonomien, als es die Preisentwicklung in Japan befördert, in Europa gezügelt hat. Aber alles hat seine Grenzen; während die Yen-Abwertung die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Industrie jetzt schon beeinträchtigt, werden Energie- und Nahrungsmittelpreise letztlich auch in Japan ihren Tribut fordern, was aller Wahrscheinlichkeit nach eine massive Aufwertung des Yen zur Folge haben wird.
EZB
Die EZB tut daher gut daran, sich auf die mittelfristigen Inflationsrisiken zu konzentrieren und über den kommenden, temporären Rückgang der Jahresinflationsrate aufgrund der Ölpreiskorrektur hinwegzuschauen.
Täte sie es nicht, würde sie sich nur weiter (!) in die Situation vieler angelsächsischer Länder manövrieren, wo sich die Ökonomen schon in die Hosen machen, wenn die Vermögenspreise zur Abwechslung mal nicht steigen - und wo mit den Blasen die Leistungsbilanzdefizite aus allen Nähten platzen. Dass Schwellenländer wie China die größte Wirtschaft der Erde über Wasser halten müssen, sagt alles.
Solange es die Konjunktur zulässt, sollte die EZB an ihrem Kurs festhalten. Die Betonung liegt auf "solange". Denn das ist ja das Perverse: dass sich die Schulden derart türmen, dass die kleinste Erschütterung eine Lawine auslösen kann. Und dann droht De- statt Inflation.
Quelle: Financial Times Deutschland
Servus, J.B.
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"The way to secure success is to be more anxious about obtaining than about deserving it." (William Hazlitt)