Kulturschock in der Fußballwelt
Bayer 04 Leverkusen verblüfft in Manchester mit seinem eleganten und leichten Spiel
Manchester – Wütend waren die Reaktionen der Fans von Manchester United, als die kleine Schar der Anhänger aus Leverkusen ihr Team zu feiern begann. Während die Deutschen mit seligem Gesichtsausdruck ihre Schals in den Himmel reckten, wurden sie wüst beschimpft. Die heftige Reaktion war jedoch kein Ausdruck genereller Feindseligkeit oder gar eine unduldsame Reaktion auf die Spielweise des Gästeteams, sondern Folge eines kulturellen Missverständnisses. Die Anhänger aus Leverkusen sangen „You’ll never walk alone“, weil das Lied in Deutschland für eine Art universaler Fußballhymne gehalten wird. In England allerdings ist es ausschließlich den Fans des FC Liverpool vorbehalten, dem großen Rivalen von Manchester United.
Diese kleine Episode war jedoch nicht der einzige Clash of Cultures beim Halbfinale in Old Trafford, wo Bayer Leverkusen seine phantastische Geschichte internationaler Erfolge in dieser Saison fortschrieb. Die Mannschaft von Klaus Toppmöller kombinierte mit einer fein ineinander greifenden Reihe kurzer Pässe erfolgreich gegen das nicht nur auf der Insel tief verhaftete Bild des deutschen Fußballs an. „Eine Milliarde Menschen haben das gesehen“, halluzinierte der völlig überdrehte Reiner Calmund. Doch selbst wenn es rund um den Globus einige hundert Millionen Fernsehzuschauer weniger gewesen sind, dürfte Bayer spätestens am Mittwoch für einen nicht zu unterschätzenden Wandel der Wahrnehmung gesorgt haben.
„Man muss schon sehr weit zurückspulen, um eine deutsche Mannschaft zu finden, die so viel Geschmack für guten Fußball hat“, schrieb El Pais , die gegenüber deutschen Kickern stets äußerst kritische spanische Tageszeitung in einer ausufernden Eloge. Auch die italienische Gazetta dello Sport bejubelte „die Mannschaft des rotierenden Kombinationsfußballs, die Europas Fußballadel die Schamröte ins Gesicht schreibt“. Selbst aus Holland gab es Beifall, De Telegraaf lobte zurückhaltend, aber immerhin „den gepflegten Fußball der Deutschen“. Auf der ganz großen Bühne eines europäischen Semifinals in Manchesters Theatre of dreams entpuppte sich das Team von Klaus Toppmöller gleich in doppelter Hinsicht als Idealbesetzung: Es gab den Underdog und war zugleich Bannerträger des schönen Spiels.
Verwirrte Engländer
„Dieser Fußball weckt den Spaß und die Freude eines jeden einzelnen Fans, das freut mich am meisten“, sagte der Bayer-Coach. Er führte keine Mannschaft auf den Platz, die das Spiel von Manchester United mit guter Organisation und den vermaledeiten deutschen Tugenden niederhalten wollte. Bayer begegnete dem großen Favoriten mit fußballerischen Mitteln und agierte am Ende nicht nur auf Augenhöhe. Gegen die zunehmend verwirrten und müde gespielten Engländer hätten überlegene Kreativität und Ballsicherheit schließlich sogar zum Sieg führen können. Schön war das anzuschauen, leicht, elegant und so undeutsch, dass Manchester United daneben fast schwer wirkte.
„Ich spiele gerne gegen englische Mannschaften“, sagte Yildiray Bastürk, der sein bislang bestes Spiel im Leverkusener Trikot machte. Als „verkappte Spitze“ (Toppmöller) machte er am nachdrücklichsten jene Probleme deutlich, die Bayer den Gastgebern bereitete. „Sie wollten in Zweikämpfe gegen uns kommen“, sagte Toppmöller, aber genau denen entwischten Bastürk, Zé Roberto und die anderen immer wieder durch ihre leichtfüßigen Kombinationen. Uniteds beeindruckender Gradlinigkeit und massiver körperlicher Präsenz, für die vor allem der imposante Holländer Ruud van Nistelrooy stand, entzog sich Bayer mit partisanenhaftem Geschick. So konnten die Gäste schließlich nicht nur ein Mehr an Ballbesitz reklamieren, auf eine verblüffend große Zahl von Torgelegenheiten verweisen, sondern durch Ballack und Neuville zweimal einen Rückstand zum 2:2-Endstand ausgleichen.
Trotz aller Konzentration, trotz des unbeugsamen Kampfeswillen, den Leverkusen ebenfalls aufbrachte, hatte dieser Teilerfolg für Bayer eine fast leichte Note und wurde mit einem Lächeln auf den Lippen errungen. Nicht nur vor dem Spiel hatte die Mannschaft ihren Spaß, als Toppmöller ihr den Respekt vor den großen Namen auf der anderen Seite nehmen wollte. „Fährt zur WM“, wiederholte der Trainer zehnmal, als er die Namen seiner Spieler durchging. Beim elften Namen – Dimitar Berbatov – lachten alle, denn die Nationalmannschaft des Bulgaren hat sich nicht für die Endrunde in Fernost qualifiziert. Auch in der Halbzeitpause war noch Gelegenheit für Späße. Michael Ballack, der das Team auf dem Platz lenkte, wollte seine Kollegen noch einmal aufrütteln und sagte: „So eine Chance haben wir nur einmal.“ Der schlagfertige Bernd Schneider konterte: „Wieso wir?“ Ballack verlässt ja den Verein.
Bei aller Heiterkeit ist die Spannung trotzdem nur weiter gestiegen. „Von überall kommen Glückwünsche, und letztlich haben wir immer noch nichts erreicht“, sagte Jens Nowotny. Das Unentschieden in Manchester ist beileibe keine Garantie fürs Finale in Glasgow; das spektakuläre Spiel muss nun endlich in Erfolge verwandelt werden, die man auf den Wimpel drucken kann. „Wir müssen die Meisterschaft holen, dann interessiert mich nicht mehr, wie die anderen Spiele ausgehen“, sagt Klaus Toppmöller. Wenn das schon an diesem Wochenende gelingen sollte, dürfte es in den restlichen Partien aber wohl kein Halten mehr geben.
Quelle:Süddeutsche Zeitung