erklärt uns die Anlegerlegende John Carey.
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Anleger-Legende warnt vor Investitionen in Schwellenländern
Seit 20 Jahren steuert John Carey den acht Milliarden Dollar schweren Pioneer Fund für nordamerikanische Standardwerte. Für Modethemen oder kurzfristige Trends kann sich der Aktienspezialist nicht erwärmen. Das schnelle Wachstum der Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China ist ihm suspekt.
Von Patrizia Ribaudo
Chinesischer Börsenhändler vor der Kurstafel: Durch die anstehenden Olympischen Spiele in Peking kann es zu Überinvestitionen kommen
Foto: dpaFrankfurt - WELT.de: Laut Goldman-Sachs-Chefvolkswirt Jim O'Neill wird das Bruttosozialprodukt der BRIC-Staaten - Brasilien, Russland, Indien und China - das der sechs großen Industrienationen schon im Jahr 2035 überflügeln. Bis dahin wird auch China die USA als größte Industrienation ablösen. Warum sollen Investoren überhaupt noch US-Aktien kaufen?
John Carey: Keiner kann mit Sicherheit sagen, ob die BRIC-Staaten bis dahin tatsächlich so stabil wachsen. Ich glaube nicht an dieses Szenario. Die Volkswirtschaften sind nicht annähernd so weit entwickelt wie jene des Westens. Politische Rückschläge oder soziale Instabilitäten können diese Länder schnell wieder zurückwerfen. Auch ihr Rechtssystem bietet Kapitalgesellschaften nicht annähernd so viel Schutz.
WELT.de: Allerdings rechnen Ökonomen mit einem Abschwung der US-Wirtschaft. Auch der Dollar soll länger schwächeln.
Carey: Ich sehe das anders. Die US-Konjunktur befindet sich in einem besseren Zustand als allgemein angenommen. Wir haben die Inflation unter Kontrolle, das US-Außenhandelsdefizit wurde reduziert, und die Arbeitslosenzahlen sind rekordverdächtig niedrig. Außerdem wächst die USA immer noch schneller als Westeuropa. In diesem Jahr rechnen wir mit einem Wachstum von etwa drei Prozent.
WELT.de: Das wird einem europäischen Anleger bei einer Dollar-Schwäche aber wenig nutzen.
Carey: Ich bin zwar kein Währungsexperte, aber von der prognostizierten Dollar-Abschwächung halte ich nichts. Das, was eine Währung normalerweise beeinflusst, etwa Haushaltsdefizit und Inflation, haben wir in den USA gut im Griff. Ich sehe nicht, welche andere Währung das Potenzial hat, auf Dauer den Dollar zu überflügeln. Im Gegenteil, ich bin davon überzeugt, das sich unsere Währung bereits wieder leicht erholt. Der Dollar könnte die Überraschung des kommenden Jahres werden.
WELT.de: Dennoch werden sich Investoren fragen, weshalb sie ihr Geld in einen US-Fonds stecken sollen, wenn ein Emerging-Market-Fonds deutlich mehr Rendite bringt.
Carey: Ein Investment in solchen Ländern kann sehr riskant sein. Es ist nicht sicher, wie lange das Wachstum dort anhält. Wenn in Indien demnächst die Gehälter steigen, wird auch dieses Niedriglohnland für ausländische Investoren unattraktiver. Indien hat außerdem immer noch ein Kastensystem, das ist ein politisches Handicap. Die politischen Bedingungen in diesen Ländern sind ohnehin fragwürdig. Schauen Sie doch mal, was gerade in Venezuela, Ecuador oder Bolivien passiert.
WELT.de: China ist doch auf einem guten Weg.
Carey: China hat immer noch ein autoritäres, kommunistisches Regime. Ein Großteil der Bevölkerung lebt noch unter der Armutsgrenze. Sicher, einige Branchen florieren, aber es gibt auch Überinvestitionen aufgrund der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2008, besonders in Peking. Ich denke, dass wir danach einen Rückgang des wirtschaftlichen Booms erleben.
WELT.de: Dennoch haben sich auch viele US-Investoren dafür entschieden, ihr Geld international anzulegen. Auch für den Pioneer Fund war die Bilanz 2006 negativ. Anleger zogen netto Gelder ab.
Carey: Das ist zum Teil auf Gewinnmitnahmen zurückzuführen. Viele Investoren haben ihre langjährigen Anlagen aufgelöst und Kasse gemacht. Außerdem haben wir in den USA eine Reihe etablierter Konkurrenten.
WELT.de: Im Gegensatz zu US-Investoren scheuen deutsche Anleger ein Aktieninvestment sogar in einer Hausse. Wie werten Sie das?
Carey: Meiner Meinung nach lassen sich die Deutschen entschieden zu viel Rendite entgehen. Langfristig gesehen sind Aktien immer noch das beste Investment. Allerdings gab es eine solche Scheu vor Aktien auch in den USA nach dem Platzen der Internet-Blase. Es dauert eine Weile, bis sich Investoren von einem solchen Schock erholen.
WELT.de: Die US-Notenbank Fed hat jüngst auf eine Zinssenkung verzichtet. Wann rechnen Sie mit dem nächsten Zinsschritt?
Carey: Nicht in der nächsten Zeit. Im vergangenen Sommer hatten noch viele auf eine Zinssenkung zu Anfang des Jahres gesetzt. Das hätte den Aktienmärkten und den Unternehmensgewinnen einen schönen Schub gegeben, aber das erscheint mir nun unwahrscheinlich. Ich glaube eher, dass die Fed die Leitzinsen dieses Jahr bei 5,25 Prozent belassen wird.
WELT.de: Das würde die Stimmung aber merklich eintrüben.
Carey: Dann müssen die Unternehmen eben aus eigener Kraft wachsen und die Märkte mit höheren Gewinnen überzeugen. Die Aussichten dafür sind sehr gut, besonders für Großunternehmen. Die Gesellschaften befinden sich in einer guten finanziellen Verfassung, verfügen über viel Bargeld und investieren stark in Forschung und Entwicklung. Auch die Bewertungen erscheinen mir trotz der Kursrallye noch vernünftig.
WELT.de: Welche Branchen haben in diesem Jahr die besten Aussichten, und von welchen Werten sollten Anleger lieber die Finger lassen?
Carey: Das wird ein gutes Jahr für Konsumwerte und Titel aus dem Gesundheitssektor. Auch Technologiewerte sind wieder stark im Kommen. Das wird besonders für Small- und Mid-Cap-Investoren in diesem Jahr noch sehr aufregend. Skeptisch bin ich allerdings bei Unternehmen aus dem Energiesektor. Die Kosten für die Unternehmen sind gestiegen, sie haben deshalb mit niedrigeren Margen zu kämpfen und werden voraussichtlich schlechtere Ergebnisse ausweisen. Vorsichtig wäre ich auch bei Unternehmen, die bislang stark von den gestiegenen Rohstoffpreisen profitierten.
WELT.de: Sie sind nun schon seit über 20 Jahren Fondsmanager - ist das Geschäft härter geworden?
Carey: Den Managern stehen zwar mehr und schneller Informationen über Unternehmen zur Verfügung als früher. Aber man muss mit dieser Flut auch umgehen können. Das macht es nicht leichter, zumal die Unternehmen, die aus sich selbst heraus wachsen und mit ihrem Geschäftsmodell über mehrere Marktzyklen bestehen können, immer noch rar sind.
Artikel erschienen am 08.02.2007