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23.10.00 12:40
Aber viele hier lesen scheinbar nicht gerne.
Neukonzeption des Internets nötig
Von Lars Tvede*

In der Verschmelzung von Broadcasting und Internet steckt sowohl für den Massenmarkt als auch für die geschäftliche Informationsverbreitung und Kommunikation ein enormes Potenzial. Um es auszuschöpfen, bedarf es einer Neukonzeption des Internets als ubiquitäre Transportschiene für Breitband-Multimedia.

Seit der Erfindung des Fernsehens vor rund 70 Jahren durch John Logie Biard wurden weltweit über 1 300 000 000 Geräte für die Television angeschlossen. TV-Konsumenten können heute aus bis 200 Sendekanälen auswählen - und tun es auch während durchschnittlich mehrerer Stunden pro Tag. Hätte jemand dem Schotten Biard prophezeit, dass dereinst einmal über eine Milliarde Menschen vor den Nachfahren seines «Televisor» sitzen würden, um sich eine einzelne Sendung anzuschauen, hätte er wie viele Erfinder abgewinkt. Die Technik, für die die deutsche Sprache vorerst den Terminus Rundfunk geschaffen, diesen aber mittlerweile weitgehend durch das englische «Broadcasting» ersetzt hat, kann in der Tat auf eine beeindruckende Entwicklung zurückschauen.

Farbfernsehen, Videorecorder, Stereoton, Kabel und Satelliten haben den Blick in die Ferne entscheidend verändert. Bei der Basistechnologie sind solche Veränderungen indessen weitgehend ausgeblieben. Die meisten Übertragungen bedienen sich immer noch der alten analogen Technologie, die bereits in der TV-Frühzeit zum Einsatz gelangte. Und die Fernsehapparate rund um die Welt zeigen Programme nach wie vor auf Kathodenstrahlröhren an. Mit dem Anbruch des neuen Jahrtausends deutet nun aber alles darauf hin, dass auch im Broadcasting ein Generationenwechsel angesagt ist - ein Generationenwechsel, der den Broadcasting-Markt neu ordnet und ihm komplett neue Dimensionen erschliesst.

Von der Knappheit zur Vielfalt
Triebkraft an der Basis für diese Transformation ist die Entwicklung in der Telekommunikation und den elektronischen Medien von der schmalbandigen zur Breitbandübertragung. Zeichen und Beschleuniger dieses Prozesses sind schnelle Modems, schnelle Netzwerke und insgesamt schnelle Datenverarbeitungsgeräte. Wie bei vielen technischen Umwälzungen scheint auch der Trend zur Breitbandkommunikation vorerst nur mehr vom Selben bereitzustellen: Der Zugriff auf Webseiten wird schneller, auf die in der Folge mehr und Byt-intensivere Inhalte gepackt werden. Dieser Effekt lässt sich heute an unzähligen Websites dokumentieren, markiert aber dennoch nur den Anfang eines viel grundsätzlicheren Wandels.

Der Übergang zur Breitbandkommunikation verläuft parallel zu anderen Veränderungen, die als Transformationsverstärker wirken. Zum einen steigt die Zahl der breitbandfähigen Netzwerke. Zum zweiten steigen das Angebot und die Vielfalt der IP-fähigen Endgeräte. Zu den Millionen von PC und Set-Top-Boxen (für digitales Fernsehen) kommen Mobiltelefone, Spielkonsolen und Palm-Computer, ja selbst Selbstbedienungseinrichtungen, Haushaltsgeräte und elektronische Spielzeuge, die alle mit einer «persönlichen» IP-Adresse ausgestattet sind. Zum dritten und parallel dazu macht die Broadcast-Welt den Schritt vom Analogen zum Digitalen.

Schnellspur fürs Internet
Diese parallel verlaufenden und sich gegenseitig verstärkenden Entwicklungen bereiten den Boden für eine neue Konvergenz. Da jeder durch digitales Broadcasting verbreitete Inhalt von jedem IP-fähigen Gerät über beliebige Breitbandkanäle empfangen werden kann, entsteht ein einziges, nahtlos in einander verzahntes Massenmedium, das die Reichweite, Qualität und Emotionalität des Broadcasting mit der Intelligenz des Internets verschmelzt. Von entscheidender Bedeutung ist dabei, dass das Internet als zwar einheitliche, aber langsame Datentransportschiene in zwei Spuren aufgetrennt wird: eine langsamere und eine schnellere.

Die langsamere Spur bedient sich des TCP/IP-Protokolls, mit dem sich Dateninhalte von jedem beliebigen Ort an jeden anderen Ort übermitteln lassen - in einer Art allerdings, die regelmässig Staus und Engpässe verursacht und den Inhaltsanbietern keinen Hinweis auf die für jeden Anwender verfügbare Übertragungsgeschwindigkeit gibt. Während Webpublisher immer öfter mit Bild, Ton und Video angereicherte Inhalte produzieren und publizieren, die sich in der Emotionalität mit grossen Schritten den TV- und Radioinhalten annähern, müssen Anwender und Konsumenten erhebliche Downloadzeiten in Kauf nehmen, um überhaupt an diese Inhalte heranzukommen. Und wenn die Inhalte einmal über den Bildschirm flimmern, sind sie von einer Qualität, die nur noch entfernt an Radio- und Fernsehsendungen erinnern.

Die Schnellspur im Internet nutzt das Protokoll UDP/IP. Dieses ist für die schnelle Übertragung in einer Richtung ausgelegt, und das über eine Infrastruktur, die eine zuverlässige Breitbandgeschwindigkeit vom Content-Provider zu jedem einzelnen Anwender garantiert. Erst die Kombination von Schleich- und Schnellspur führt Broadcasting und Internet am Empfangsgerät des Endanwenders zusammen, der gleichzeitig und in derselben visuellen Umgebung über beide Kanäle auf multimediale Inhalte zugreift, ohne sich um die unterschiedlichen Übertragungsgeschwindigkeiten kümmern zu müssen.

Das ABC der Konvergenz
Mit dieser neuen Konvergenz ist eine zentrale Herausforderung verbunden. Broadcasting erfordert eine Netzwerkeigenschaft, die dem Internet bis heute fehlt: «Quality of Service» (QoS). Der in Netzwerkkreisen gängige Begriff meint nichts anderes, als dass auf der Verbindung vom Inhaltsanbieter zu jedem einzelnen Anwender eine minimale Bandbreite und eine maximale Latenz gesichert ist. Bei Fernsehen ohne QoS würde beispielsweise die Übertragungsgeschwindigkeit mitten im Spielfilm auf Grund der Instabilität bei der verfügbaren Bandbreite unter das für einen ruckelfreien Filmgenuss erforderliche Mass sinken. Oder die Zahl der verfügbaren TV-Kanäle würde dauernd schwanken. Beim Internet fehlt diese Sicherheit. Der effektive Durchsatz schwankt fortwährend. Während sich ein Surfer einer hohen Geschwindigkeit erfreut, ärgert sich ein anderer über den langsamen Bildaufbau am Monitor. Dazu kommt eine weitere Schwäche, die das herkömmliche Rundfunkprinzip nicht kennt. Wenn viele Anwender gleichzeitig über das Internet denselben Inhalt von einem Server abrufen, kommt es leicht zu Datenstaus.

Das Schnellspur-Modell auf der Basis von UDP/IP kann diese Schwächen beseitigen, allerdings nur, wenn es mit einem Buchungssystem kombiniert wird, das den Providern eine garantierte (breitbandige) Bandbreite zuteilt. Die Einrichtung von schnellen Kanälen für das Internet - weitgehend auf der Basis der vorhandenen TV-Infrastrukturen - ebnet den Boden für zwei grundsätzliche Neuerungen: Sämtlicher Broadcast-Inhalt wird in eine hybride Form überführt, in der einzelne Inhalte für den interaktiven Umgang à la Internet ausgelegt sind. Gleichzeitig erfährt die Erstellung von Websites eine Änderung: Sie kombinieren neue herkömmliche Inhalte auf TCP/IP-Basis mit multimedialen Inhalten für das UDP/IP-Protokoll, die dann über die Schnellspur im Internet verteilt werden. Unter dem Strich verwischen sich in diesem Prozess die Grenzen zwischen Broadcasting und Internet in dem Mass, wie die Content-Anbieter die beiden Technologieparadigmen kombinieren.

Data Broadcasting in der Geschäftskommunikation
Breitbandmultimedia über ein zweispuriges Internet ist zweifellos von grosser Attraktivität für den Massenmarkt. Dasselbe Konzept eröffnet aber auch der Geschäftskommunikation neue, nicht minder attraktive Dimensionen. In einer Intranet-Anwendung, gewissermassen hausinternes «Daten-Fernsehen», kann es die Firmenkommunikation ohne Geschwindigkeitseinbussen auf multimediale Beine stellen, etwa im Bereich der Schulung oder von Verkaufsseminaren. In gleicher Weise lassen sich Handelspartner, Filialen und Kunden über ein Extranet TV-ähnlich mit Informationen versorgen.

Sogenannte Focused Affinity Networks bilden eine weitere Kategorie von geschäftlichen Breitband-Broadcasting-Lösungen. In derartigen Netzwerken sind Personen oder Gruppen mit gemeinsamen Interessen zusammengeschlossen. Beispiele, die bereits realisiert worden sind oder sich in der Umsetzungsphase befinden, sind ein Netzwerk für Ärzte, über das sie sich in multimedialen Kreisen weiterbilden (Distance Learning), ein Informationsnetzwerk für Führungskräfte in der Finanzindustrie oder ein Informations- und Unterhaltungsnetzwerk für die Landwirtschaft.

* Lars Tvede ist Senior Vice President, Strategy, bei The Fantastic Corporation.

Neue Zürcher Zeitung, 26. September 2000
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