Obwohl diese Technik noch weitgehend im Verborgenen blüht, wird sie von ihren Protagonisten schon heute neben der Informations- und Biotechnologie als dritte Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Multexinvestor gibt einen Einblick in das Zwergenreich der Nanotechnik und geht der Frage nach, ob Anleger mit dem neuen Trend zur Miniaturisierung schon bald ihren Depotwert vergrößern können.
Für Nano-Forscher (griech. "nano" = Zwerg) kann die Welt nicht klein genug sein: Ein Nanometer ist der millionste Teil eines Millimeters und verhält sich zu einem Meter wie etwa ein Tennisball zur Erde. Im Nano-Bereich geht es also um Größenverhältnisse von Molekülen. Mit Hilfe der Nanotechnologie können kleinste Teilchen und Struktureinheiten aufgebaut sowie Materialien und Werkstoffe mit deutlich verbesserten oder völlig neuen Eigenschaften versehen werden. Im wesentlichen lässt sich Technologie des Allerkleinsten in vier Bereiche einteilen: Nano-Werkstoffe, Nano-Instrumente, Nano-Elektronik und Nano-Biotechnologie. Die wichtigsten Forschungszentren liegen in Westeuropa, in den USA und in Japan.
Erste kommerzielle Anwendungen
Obwohl die Technologie des Allerkleinsten noch recht jung ist, lässt sich mit der Miniaturisierung auf Mikroebene schon heute Geld verdienen. Zu den ersten kommerziellen Erfolgen der vor mehr als 30 Jahren begonnenen Forschung zählen zum Beispiel nicht entflammbare Baustoffe, graffity-resistente Fassadenbeschichtungen, UV-Schutzpräparate oder Leseköpfe für Computerfestplatten. "Nanopartikel verstärken auch die Schutzwirkung von Sonnencreme und werden zum Anreichern von Zahncreme genutzt, damit sie feinste Risse im Zahnschmelz schließen", erläutert Pia Jankowski vom Kölner Privatbankhaus Sal. Oppenheim.Auch in Lacken und auf Autofelgen sind die Nanoteilchen bereits im Einsatz, sie verbessern den Schutz vor Kratzern und sorgen für bessere Haltbarkeit. Der Autohersteller Audi setzt Nanotechnologie für die Verglasung der Cockpit-Instrumente in einem seiner Modelle ein, um diese blendfrei zu machen. Und wer ungern putzt, kann sich über schmutzabweisende Nano-Beschichtungen für Fliesen, Badewannen und Arbeitsplatten freuen. Selbst in der Lebensmittelindustrie haben die Materialien aus dem Nanokosmos Einzug gehalten - zum Beispiel als Farbstoff Beta-Karotin in Partikeln von 20 bis 300 Nanometer Größe. Zudem gibt es bereits erstaunliche Anwendungen in der Mikroelektronik, in der Chemie und im großen Feld der Medizintechnik.
Ausgezeichnetes Jahr für Anlagen
In Zukunft werden sich die kommerziellen Anwendungsmöglichkeiten der Nanotechnologie über sämtliche Branchen erstrecken. Ein Beispiel: Die Computerindustrie wird im nächsten Jahrzehnt mit den siliziumbasierten Prozessoren an physikalische Grenzen stoßen. Nur die Nanotechnik eröffnet den Unternehmen dann die Möglichkeit, die Leistung der Prozessoren und Datenspeicher nochmals um das Millionenfache zu steigern. Schon heute ist es Forschern des Computerriesen IBM gelungen, mit einem neuen Ansatz aus der Nanotechnologie die kleinsten Computerschaltkreise der Welt zu bauen und erfolgreich zu testen. Das Prinzip: Einzelne Moleküle bewegen sich über eine glatte Kupferoberfläche. Mit dieser neuen "Molekülkaskade" sollen Transistoren gebaut werden, die 260.000mal kleiner sind als diejenigen, die heute in den modernsten Halbleiterchips eingesetzt werden.Beispiel zwei: In der pharmazeutischen Industrie wird derzeit an völlig neuartigen Methoden der Krebsbekämpfung gearbeitet. Magnetische Nanoteilchen, die sich an Krebszellen binden, können durch ein elektromagnetisches Feld so aktiviert werden, dass der Tumor durch lokale Wärmeentwicklung zerstört wird. Eine weitere Zukunftsvision: Wirkstoffe, die man heute noch als Tablette einnimmt oder spritzt, werden als Nanopartikel eingeatmet. Diese neue Verabreichungsart würde schneller wirken als herkömmliche Methoden. Zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten ergeben sich auch im Maschinen- und Anlagenbau. Denn nano-kristalline Beschichtungen könnten die Verschleißfestigkeit und Lebensdauer von Maschinen, Fahrzeugen und Haushaltsgeräten bedeutend verbessern.
So ist denn auch für den unabhängigen Schweizer Finanzdienstleister Capital Stage 2002 ein "ausgezeichnetes Jahr, um in die Nanotechnologie zu investieren". Viele Investitionen aus diesem Bereich kämen jetzt in das Stadium der Anwendungsreife. Dadurch würden zahlreiche spannende Projekte und Erfolg versprechende Firmen mit attraktiven Investitionsmöglichkeiten erschlossen.
Fördermittel von der Europäische Union
- riesiges Marktpotenzial
Auch die Regierungen weltweit haben das Potenzial und die Bedeutung der Nanotechnologie für Anwendungsbereiche in der Elektronik und optischen Datenübertragung, Prozesstechnik, Biotechnologie, Umwelttechnik und Medizin längst erkannt und enorme Budgets für wissenschaftliche Untersuchungen bereit gestellt. So will zum Beispiel die Europäische Union in den nächsten Jahren 1,5 Milliarden Euro für Forschungszwecke zur Verfügung stellen. Diese Investition könnte sich auszahlen, denn die United States National Science Foundation beziffert das weltweite Marktvolumen der Nanotechnologie in den kommenden zehn bis 15 Jahren auf 700 bis 800 Milliarden Euro. Dies entspräche aus heutiger Sicht jährlichen Wachstumsraten von 20 bis 30 Prozent. Der Verein Deutscher Ingenieure hat den globalen Markt für Produkte und Prozesse der Nanotechnologie für das vergangenen Jahr auf 54 Milliarden Euro geschätzt und geht von einem weltweiten Wachstum von jährlich 17 Prozent für die nächsten zehn Jahre aus. Obwohl die Schätzungen der einzelnen Organisationen bezüglich des Marktvolumens voneinander abweichen, sind sich Fachleute einig, dass vor allem Investoren der ersten Stunde mit sehr attraktiven Renditen rechnen können.
Experten noch uneins über Marktreife
Ein Grund für die optimistischen Prognosen: Die Herstellung von Materialien, deren Atome und Moleküle kontrolliert beeinflusst wurden, verursacht nur geringe Kosten. Dies gilt auch für die bei der Produktion verwendeten Rohstoffe. Viele Unternehmen haben deshalb längst strategische Partnerschaften gebildet und die Forschung auf dem Gebiet der Nanotechnologie intensiviert. Darüber, wann diese innovative Technologie über die bereits bestehenden Anwendungsmöglichkeiten hinaus zu wirtschaftlich verwertbaren Produkten und Verfahren führen wird, gehen die Meinungen allerdings weit auseinander. So glauben 36 Prozent der von dem Venture Capital-Unternehmens 3i befragten Wissenschaftler, Investoren, Banker, Manager und Analysten, dass dies schon in einigen Jahren der Fall sein wird. Die Mehrheit rechnet allerdings mit noch längeren Zeiträumen, ehe die Nanotechnik marktreif wird."Nanotechnologie ist eine sehr komplexe Theorie mit einer langen Vorlaufzeit", sagt Reinhard Jonke, Geschäftsführer von 3i Österreich. Peter Wolf vom Düsseldorfer Wagniskapitalgeber Enjoyventure weiß allerdings schon heute: "Bei den Risikofinanzierern ist Nano mittlerweile ein wichtiges Thema." Die Experten von Capital Stage stellen fest, dass "die Preisvorstellungen der Unternehmensgründer für Beteiligungen auf einem angemessenen Niveau angelangt" sind. Und Analysten der WGZ-Bank kommen in einem Branchenreport "Mikro- und Nanotechnologie" zu der Einschätzung, dass mit der fortschreitenden Etablierung der Märkte für die noch relativ jungen Unternehmen der Branche Fusionen und Übernahmen "als strategische Handlungsalternative zunehmend Bedeutung gewinnen" werden. Dies werde schon allein deswegen der Fall sein, "weil der Kapitalmarkt von den Unternehmen eine hohe Wachstumsdynamik als Voraussetzung für die Finanzierungsbereitschaft verlangt".
