Nach der Dot.com-Panik: Das Internet neu denken


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Nach der Dot.com-Panik: Das Internet neu denken

 
13.06.01 12:22
Nach der Dot.com-Panik: Das Internet neu denken

Eine Nachlese der Dot.com-Panik / Von Holger Schmidt


Im Jahr 2000 hat die Ökonomie verrückt gespielt. Das Internet schien die Wirtschaft aus den Angeln zu heben und die Gesetze der Börse neu zu schreiben. Als 1999 der kometenhafte Aufstieg vieler Internet-Unternehmen an den Börsen begann, fielen die Unternehmen der alten Ökonomie in Panik. Zieht Amazon große Teile des Buchhandels an sich? Wird AOL das beherrschende Medienunternehmen der Zukunft? Können junge Softwareschmieden wie Ariba oder Commerce One die alten Platzhirsche SAP und Oracle im Handumdrehen verdrängen? Machen Internet-Unternehmen wie Autobytel den traditionellen Autohandel über Nacht überflüssig? Diese Fragen trieben die Verantwortlichen in der alten Ökonomie zu gewaltigen Investitionen in die Internet-Technik an. Erst Ende 2000, als die Börsenkurse der jungen Firmen ins Bodenlose fielen, flachte die Panik und damit die Investitionsneigung wieder ab. Was bleibt?

Als wichtigste positive Folge der Dot.com-Panik bleibt der Zwang für viele Unternehmen, schnell die Weichen in Richtung Zukunft zu stellen. Dieser Sprung auf einen neuen Produktivitätspfad liegt in dieser Dekade eindeutig auf einer Digitalisierung der Geschäftsprozesse. Während viele Unternehmen nach den Anstrengungen der achtziger und neunziger Jahre intern recht effizient arbeiten, liegt der Fokus nun auf Effizienzsteigerungen in den externen Geschäftsbeziehungen zu Lieferanten, Händlern und Kunden. Noch immer werden 80 Prozent aller Bestellungen per Telefon, Fax oder Brief erledigt. Moderne Beschaffung sieht anders aus: Sie ist dezentral organisiert und weitgehend automatisiert; die Kommunikation zwischen Computern wird die Schnittstellen Mensch zu Mensch und Mensch zu Maschine systematisch verdrängen. Die Folge sind Senkungen der Prozeßkosten und damit hohe Effizienzsteigerungen. Internet-Marktplätze beseitigen zusätzlich viele Informationsdefizite der Vergangenheit, schaffen in vielen Fällen erstmals liquide Märkte und tragen auf diese Weise zur vollen Entfaltung des Marktmechanismus bei.

Doch in der Hektik des Jahres 2000 hat sich gezeigt, daß diese Entwicklung zur digitalen Wirtschaft nicht über Nacht geschieht. Drei bis fünf Jahre wird es mindestens dauern, bis die Beschaffungssysteme zwischen Produzenten und Lieferanten miteinander verknüpft sind und weitgehend automatisiert arbeiten. Viel Zeit kann sich deswegen trotzdem kein Unternehmen lassen: Die Digitalisierungswelle rollt und läßt sich nicht mehr aufhalten. Gerade in traditionellen Branchen, die mit geringen Gewinnmargen auskommen müssen, wird es in den kommenden Jahren zu einem Wettlauf um die Effizienz im Internet kommen.

Neben der Anpassung der Technik gehört die mangelnde Motivation der Beschäftigten, ihre liebgewonnenen Verhaltensweisen aufzugeben, zu den größten Hindernissen auf dem Weg in die digitale Wirtschaft. Doch die Unternehmen zeigen sich erfinderisch: Beispielsweise hat eine Tochtergesellschaft von General Electric in Europa den "digitalen Tag" eingeführt: Einen Tag in der Woche sollen keine Drucker benutzt werden. Ist trotzdem ein Ausdruck notwendig, wird im Anschluß versucht, diesen Bruch in der digitalen Kette zu beseitigen. Denn Daten sollen direkt zwischen den Computersystemen fließen, ohne von Menschen umständlich einem System entnommen und anschließend in ein anderes System eingegeben zu werden.

Während im Jahr 2000 der Startschuß für die Digitalisierung der Wirtschaft fiel, haben sich viele Erwartungen über den Einfluß des Internets auf die Verhaltensweisen der privaten Haushalte bisher nicht erfüllt. Die Internet-Nutzung verdoppelt sich in Deutschland weiterhin jedes Jahr, doch ein Transaktionsmedium ist das Internet bisher nicht geworden. Der Einkauf per Mausklick wächst langsamer als erwartet. Zwar wird in Deutschland in diesem Jahr bereits jedes zehnte Buch im Internet gekauft, und auch der Musikhandel wird große Teile des Geschäftes an das Netz abgeben müssen; doch andere Branchen tun sich schwer: Der Einzelhandel hat die Angst vor dem Internet ebenso verloren wie die Reisebüros, denen ein rasantes Verschwinden prophezeit wurde. Obwohl der Gebrauchtwagenhandel im Netz bereits beachtliche Marktanteile gewonnen hat, steckt der Neuwagenkauf im Internet immer noch in den Anfängen. Das Internet kann bis heute weder eine kompetente Beratung noch die Emotionen des Kaufs ersetzen.

Bleibt die Frage nach den Gewinnern und Verlierern der wilden Gründerjahre. Gewinner sind die gutausgebildeten Arbeitnehmer, vor allem in der Informationstechnik. In der Branche sind Millionen neuer Arbeitsstellen in aller Welt geschaffen worden. Zwar ist die Arbeitsnachfrage im vergangenen Jahr - wie so vieles - über das Ziel hinausgeschossen. Doch trotz einer scharfen Korrektur am Arbeitsmarkt bleiben unter dem Strich viele neue Stellen übrig. Gewinner sind auch die privaten Internet-Nutzer, die das Netz mit seinen Informationsmöglichkeiten nicht mehr missen möchten. Der aktuelle Börsenkurs, der Abfahrtszeitpunkt eines Zuges, die Apotheke mit Notdienst, der Rat eines Arztes, die Verspätung eines Flugzeuges, die Hotelpreise in Nizza: Wer suchen kann, findet im Netz beinahe jede Information. Noch muß der Nutzer für die wenigsten Informationen zahlen. Doch schon bald wird es das Informationsschlaraffenland nicht mehr geben; qualitativ hochwertige Dienste werden nur noch gegen Geld zu haben sein. Gewinner sind auch die traditionellen Unternehmen, die schnell auf den Internet-Zug aufgesprungen sind. Sie können zumindest temporär Wettbewerbsvorteile erreichen.

Verlierer werden in den kommenden Jahren die Beschäftigten mit geringer Qualifikation sein, vor allem in den Einkaufs- und Verkaufsabteilungen der Unternehmen. Die angestrebten Effizienzsteigerungen werden in hohem Maße im Ersatz menschlicher Arbeit durch Computer bestehen. Verlierer sind auch die Anleger an den Börsen, die blind auf den Zug aufgesprungen sind und viel Geld verloren haben - meist ohne Hoffnung, zumindest Teile davon jemals wiederzusehen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.06.2001, Nr. 135 / Seite 17
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