Biotechbranche
Morphosys sucht Kaufgelegenheiten
Exklusiv Der Augenblick scheint günstig: Das Biotechunternehmen Morphosys versucht, die Schwäche einiger Konkurrenten für Übernahmen zu nutzen.
von Annette Ruess, Martinsried
"Wir sind aktiv auf der Suche nach Produktkandidaten für unsere Pipeline und haben bereits potenzielle Ziele identifiziert", sagt Morphosys-Chef Simon Moroney der FTD. Viele Konkurrenten leiden erheblich unter dem akuten Kapitalmangel in der Branche und sind dementsprechend preiswert zu haben. Zum Teil klopfen finanzschwache Firmen auch bei den Bayern an und bieten ihre Projekte feil. Moroney stellte jedoch klar: "Wir investieren nur Geld in Substanzen, die 100-prozentig zu unserem Portfolio passen."
Neben Marktführer Qiagen gehört Morphosys zu den wenigen profitablen Biotechunternehmen in Deutschland, die sich Akquisitionen überhaupt leisten können. Anders als viele Wettbewerber hierzulande hat sich das 1992 in Martinsried bei München gegründete Unternehmen von Beginn an auf das Geschäftsmodell mit Partnerschaften konzentriert.
Morphosys entwickelt im Auftrag von großen Pharmaherstellern sogenannte Antikörper; das sind komplizierte Eiweißmoleküle, die gegen Krebs und andere Erkrankungen eingesetzt werden. Derzeit laufen 68 solcher Entwicklungsprogramme. Das Forschungsrisiko liegt bei den Partnern, die Bayern kassieren als Dienstleister Lizenzgebühren und erfolgsabhängige Zahlungen. "Morphosys ist eines der besten deutschen Biotechunternehmen mit einer soliden Struktur", lobt LBBW-Analyst Hanns Frohnmeyer.
Das liegt auch an dem Geschäft, das der gebürtige Neuseeländer Moroney 2007 eingefädelt hat: Morphosys vereinbarte mit dem Schweizer Pharmakonzern Novartis eine zehnjährige Forschungsallianz im Wert von mindestens 410 Mio. Euro. Die Kooperation spült jährlich 30 Mio. Euro freien Cashflow in die Kassen von Morphosys. "Der Novartis-Deal erlaubt uns, unseren Fokus jetzt auf die Entwicklung unserer eigenen Medikamente zu legen", sagt Moroney.
Derzeit hat das im TecDax notierte Unternehmen zwei Kandidaten in der frühen Forschung: ein Mittel mit der Bezeichnung Mor103 gegen rheumatoide Arthritis und ein Präparat gegen Blutkrebs. Der Morphosys-Gründer geht davon aus, dass seine Firma wichtige Ergebnisse aus der Phase 2 der klinischen Entwicklung für den "Hoffnungsträger" Mor103 Ende 2011 oder Anfang 2012 vorlegen kann. Zum Ausbau der eigenen Forschung und Entwicklung wurde der Posten des Entwicklungsvorstandes geschaffen und mit Arndt Schottelius, einem Ex-Manager des US-Biotech-Pioniers Genentech, besetzt. Zudem wurde im laufenden Jahr die Belegschaft um 60 auf 400 Mitarbeiter aufgestockt.
"Um das Programm zu stemmen, haben wir ganz bewusst unsere Forschungs- und Entwicklungskosten auf Kosten des Gewinns hochgefahren", sagt Moroney. Das werde mittelfristig so bleiben. Im laufenden Jahr erhöhte Morphosys diese Ausgaben von 7,7 Mio. Euro auf 18 bis 20 Mio. Euro. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) wird sich deshalb voraussichtlich um bis zu 50 Prozent auf 8 bis 11 Mio. Euro verringern. Der Umsatz soll 80 bis 85 Mio. Euro betragen. Nicht alle Investoren begrüßen die Strategie. Seit Anfang des Jahres hat die Morphosys-Aktie elf Prozent an Wert verloren.
Für 2010 plant Morphosys, den Umsatz um 10 bis 15 Prozent zu steigern. Vor allem erhofft Moroney sich aber den Beweis dafür, "dass einer unserer Hucal-Antikörper bei einer bestimmten Krankheit funktioniert". Das wäre ein wichtiges Signal an die Investoren.
Neben der Entwicklung von Antikörpern vermarktet Morphosys auch Forschungsantikörper für Kunden aus Wissenschaft und Industrie. Die Sparte, die 25 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet, wurde 2005 und 2006 durch Käufe vergrößert. Das Unternehmen möchte sein zweites Standbein vor allem im Diagnosemarkt ausbauen.
Moroney, deutscher Biotech-Pionier der ersten Stunde, ist im Gegensatz zu vielen anderen Branchenbeobachtern der Ansicht, dass es in Deutschland trotz zurückliegender Rückschläge bald Erfolge geben werde. Grund sei die hohe Qualität der deutschen Wissenschaftler und Manager in der Branche.
Aus der FTD vom 23.12.2009
© 2009 Financial Times Deutschland
www.ftd.de/unternehmen/industrie/...elegenheiten/50053754.html
Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont. Konrad Adenauer