Die großen Wall-Street-Firmen (Fonds, Broker usw.) lieben es, kleine Halter von den vermeintlichen Vorzügen des "Buy-and-Hold" zu überzeugen. Klar wird da auch gern Buffett als leuchtendes Beispiel angeführt.
Die Idee, man soll immer zu 100 % investiert sein, ist jedoch pure Ideologie. Sie wird propagiert von großen Fonds,
die dazu gezwungen sind. Denn sie werden an ihrer Performance im Vergleich zu den Indizes gemessen. Steigen die Indizes um 10 %, der Fond aber nicht, weil er in Cash ist, so würden Tausende kündigen. Fallen die Indizes hingegen um 30 %, der Fond aber nur um 25 %, kann er sich damit brüsten, um "5 % besser als der Index" abgeschnitten zu haben. Nichtsdestotrotz sind 25 % des Anlegerkapitals vernichtet.
Fonds sind viel zu groß, als dass sie bei Problemen auf die Schnelle aussteigen könnten, ohne die Kurse nahe Null zu schicken. Der Riesenvorteil von Kleinanlegern gegenüber den Fonds ist ja gerade die ungeheure Flexibilität. Wenn ich mich entschließe, schnell mal eben auszusteigen, beeinflusst dass den Markt überhaupt nicht. Das Gleiche gilt bei meinem Wiedereinstieg. Diesen Trumpf gedenke ich auch in Zukunft zu nutzen.
Fundamental, Du traust Dich jetzt ja nicht einmal Dein Depot anzusehen. Offenbar regiert bei Dir zurzeit die Angst (Emotionen also statt klarer Kopf). Mir scheint, als würdest Du den glorreichen W. Buffett nun als "Seelenkrücke" rauskramen, um Dich selber (gegen Deine uneingestandenen Ängste und Zweifel) davon zu überzeugen, dass "Börsen langfristig ja immer steigen" und man nur Geduld aufbringen muss. Buffett habe es damit ja auch zu etwas gebracht.
Das wird Dir zwar langfristig vermutlich nicht schaden - bei Deiner Aktienauswahl nach fundamentalen Kriterien wirst Du wohl "Dein Geld zurückbekommen" - , aber es wird Deine Performance verschlechtern. Wenn Du am 10. Mai ausgestiegen wärst und jetzt alles komplett zurückkaufen würdest, wärst Du schon mal 8 % weiter vorn - in nur 5 Wochen - , und dies, ohne dass sich Dein ja sorgfältig ausgewählter Aktienbestand verändert hätte. Du hättest dazu noch 8 % mehr Cash auf dem Konto. Fallen die Börsen jetzt weiter (manche rechnen mit 14 bis über 30 % Korrektur), wird dieses Argument noch schlagkräftiger. Du könntest dann im Extremfall 30 % mehr Cash auf dem Konto haben, und dann 130 % der Aktien zurückkaufen, die Du am 10. Mai verkauft hättest.
Um verkaufen zu können - was vielen Leuten weitaus schwerer fällt als kaufen! - muss man Mut haben, sich eine eigene Meinung zu bilden und die Börsensituation abzuschätzen. Wer nach der Vogel-Strauß-Methode "Buy and Hold" den Kopf in den Börsen-Treibsand steckt, vermeidet diese ständige Auseinandersetzungen mit den wirtschaftlichen Realitäten - und redet sich mit ideologischen Konstrukten, die Wall Street dem kleinen Mann ohnehin gern schmackhaft macht (1. Absatz), heraus.
Nichthandeln ist für mich aber kein Argument, wenn alles ringsrum sich bewegt (und nicht nur nach oben). Es ist eine Stillhalte-Passivität, die mit einer Depot-Ausweidung auf der Schlachtbank enden kann. Statt Dir handeln dann nämlich Hedgefonds, die Deine Aktien - sozusagen an Deiner Stelle, aber nicht für Deine Tasche - short verkaufen.