Mikroanleihen: Papiere nach Hausmacherart


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Mikroanleihen: Papiere nach Hausmacherart

 
20.08.05 12:07
Mikroanleihen: Papiere nach Hausmacherart 2065206


19. August 2005 Still und leise hat sich ein Nischenmarkt für Anleihen entwickelt, die von mittelständischen Unternehmen in Eigenregie begeben werden. Vor allem Privatanleger locken attraktive Zinsen, die mit sechs bis sieben Prozent deutlich über dem liegen, was von großen Unternehmen zu erwarten ist.


Philipp Will baut Wohnwagen und Autos ohne Dach und Heizung. Ungewöhnlich ist auch, daß er dies mit seinem Partner in Ostdeutschland tut. Die beiden wollen ihren Sportwagen "Yes" nun auch in Amerika verkaufen und brauchen dafür Geld. Das könnte auch die Hausbank geben, aber Funke&Will bevorzugen Anleihen nach Hausmacherart, ohne Kreditprüfer, ohne Investmentbank und ohne Beratungshonorare.

Warum eine Schokoladefabrik plötzlich auch noch Anleihen vertreibt

Die ins sächsische Grossenhain zugereisten Neu-Ossis verkaufen die Anleihe über eine Schokoladenfabrik. In Halle hatte Halloren, nach eigenen Angaben Deutschlands ältester Schokoladenhersteller, mit der ersten eigenen Anleihe so gute Erfahrungen gemacht, daß gleich der Vertrieb von Zinstiteln anderer Mittelständler übernommen wurde. Heute verkauft Monika Spornhauer mit ihren fünf Kollegen der Halloren Finanzdienstleistungs GmbH für vier Mittelständler Zinstitel. Alle sind in Eigenregie aufgelegt. Im Angebote sind - neben Halloren und Funke&Will - der Eigenheimbauer Helma und der Gebäckhersteller Pauly.

In Duisburg hat der Chemiehändler PCC 1998 das Instrument entdeckt und es in großem Stil genutzt. Seitdem sind Titel für 111 Millionen Euro auf den Markt gekommen, wovon 43 Millionen bereits getilgt sind. "Mit Anleihen sind wir flexibler und schneller als mit Krediten", sagt Waldemar Preussner, der Eigentümer und Vorstand der PCC. Er schone seine Nerven und die Management-Kapazität. Das läßt sich Preussner rund zwei Millionen Euro im Jahr zusätzlich kosten. Denn umso viel höher sind die Zinsen die er für Anleihen zahlt gegenüber einer reinen Kreditfinanzierung. PCC verkauft derzeit die 17. Anleihe mit einer Laufzeit von fünf Jahren und einem Zins von 7 Prozent. Soviel zahlt auch die Edel Music AG für ihre Anleihe in Eigenregie. Durchschnittliche Anleihen von großen Unternehmen mittlerer Kreditqualität bieten bei gleicher Laufzeit weniger als 4 Prozent.

Hohe Rendite ist nicht ohne Risiken denkbar

Wo viel Rendite geboten wird, ist meistens auch das Risiko groß. Dieser Lehrsatz dürfte zum Mißtrauen vieler Verbraucherschützer gegenüber den Mikroanleihen beigetragen haben. Sie haben sich auf die Anleihen der Immobiliengesellschaft DM Beteiligungen und vor allem der Wohnungsbaugesellschaft Leipzig-West eingeschossen. Zur Leipziger Gesellschaft gibt es im Internet dutzende von Warnungen. Wichtige Kritikpunkte an dem Unternehmen, das der Nürnberger Kaufmann Jürgen Schlögel mehrheitlich besitzt, sind das undurchsichtige Beteiligungsgeflecht und die ebenso undurchsichtige Ertragslage. Die Wohnungsbaugesellschaft hat seit 1999 mehr als 215 Millionen Euro an Anleiheschulden angehäuft. Die auf der Aktivseite verbuchten Forderungen, so kritisieren Verbraucherschützer, bestehen vor allem gegenüber verbundenen Unternehmen. Ihr Wert sei kaum einzuschätzen. Anleger müssen bei den Anleihen nach Hausmacherart derartige Risiken selber einschätzen. In allen Fällen fehlt die Bonitätsbewertung einer Ratingagentur. Einige Emittenten, darunter PCC und Zimbo, sind zwar bei der Kreditbewertungsagentur Creditreform gut bewertet. Aber diese Einschätzung ist für Handelspartner gedacht, die nur einen kurzen Zeitraum überblicken müssen. Über langfristige Risiken geben sie keine Auskunft.

Privatanleger kaufen die Anleihen auf eigene Gefahr. Bei einem Zahlungsausfall können sie sich nicht darauf berufen, eine Bank habe sie falsch beraten. Denn die mittelständischen Emittenten organisieren den Verkauf fast ausnahmslos ohne die Hilfe einer Bank. Selbst wenn die Emittenten falsche Angaben gemacht haben sollten, würde das im Fall des Zahlungsausfalls dem Anleger nichts nützen. Denn bei einer insolventen Gesellschaft wäre nichts mehr zu holen. Ein weiteres Manko ist, daß die meisten Anleihen illiquide und nicht börsennotiert sind. Sie müssen bis zur Fälligkeit gehalten werden. Trotz dieser Besonderheiten kann sich ein Engagement aber lohnen. Anleger müssen sich aber die Mühe machen und den Emittenten auf eigene Faust und eigenes Risiko unter die Lupe nehmen.


Text: F.A.Z., 20.08.2005
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