Ursachen und Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit
Astrid Ruckstuhl
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zahlen zur Langzeitarbeitslosigkeit in Europa
3. Ursachen von Langzeitarbeitslosigkeit
3.1 Individuelle Risikofaktoren von Langzeitarbeitslosigkeit
4. Auswirkungen der Langzeitarbeitslosigkeit
4.1 Bedeutung der Arbeit in modernen Gesellschaften
4.2 Soziale und persönliche Konflikte als Folge der Dauererwerbslosigkeit
4.3 Entsteht eine neue Unterklasse der Dauerarbeitslosen?
4.4 Politische Einflussnahme der Langzeitarbeitslosen
5. Massnahmen und politische Forderungen zur Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit
6. Zusammenfassung und Ausblick
7. Literaturverzeichnis
1. Einleitung
In den Ländern der Europäischen Union hat sich in den letzten 20 Jahren ein Phänomen herauskristallisiert, das von Bieling als ‘soziale Dauerkrise Europas‘ beschrieben wird. Er meint damit den dauerhaften Ausschluß eines immer größer werdenden Anteils der erwerbsfähigen Bevölkerung aus dem Arbeitsmarkt und die damit verbundene soziale Ausgrenzung.
Härtere und zugleich differenziertere Muster der Arbeitsmarktsegmentierung zeichnen sich ab. Insbesondere für bestimmte, beruflich zumeist nicht oder nur gering qualifizierte Gruppen, verengen sich systematisch die Zugänge zum Erwerbssystem. So stieg seit 1983, trotz einer insgesamt günstigen wirtschaftlichen Entwicklung in Europa, der Anteil der Langzeitarbeitslosen kontinuierlich an. Bereits 1997 mußte in den Ländern der Europäischen Union beinahe jeder zweite Arbeitslose dieser Kategorie zugeordnet werden; zu der man Personen zählt, die länger als ein Jahr ohne Beschäftigung sind.
In einer Gesellschaft in deren Normensystem Arbeit als höchst positiv bewertet wird, birgt dies für die abseits Stehenden ein enormes persönliches und gesellschaftliches Konfliktpotential. Doch obwohl sich die sozialen Ungleichheiten und Benachteiligungen verschärfen, blieb die politische Sprengkraft dieses Vorgangs bisher relativ gering. Langzeitarbeitslosigkeit ist nicht zuletzt auch quantitativ zu einem Problem geworden, das langfristig die Stabilität der Industriegesellschaften in Frage stellen kann. Dennoch wird sie in der öffentlichen Diskussion meist wie ein Randphänomen der allgemeinen Arbeitslosigkeit behandelt. Die besonderen sozialen und strukturellen Auswirkungen der Dauerarbeitslosigkeit zeigen aber, daß diese deut-lich von der Kurzzeitarbeitslosigkeit unterschieden werden muß.
Das Ziel der Arbeit ist es, einen quantitativen Überblick der Dimension der Langzeitarbeitslosigkeit in den Ländern der Europäischen Union zu bieten und einige der möglichen Ursachen zu diskutieren. Außerdem werden die gesellschaftlichen und persönlichen Auswirkungen und Prozesse analysiert, die infolge der sich abzeichnenden sozialen Segmentation entstehen. Da Dauererwerbslosigkeit ein ausgesprochen vielschichtiges Problem darstellt, kann im Umfang dieser Arbeit auf einzelne Aspekte wie beispielsweise die politischen Strategien zu deren Bekämpfung nur am Rande eingegangen werden.
2. Zahlen zur Langzeitarbeitslosigkeit in Europa
Die Struktur der Arbeitslosigkeit in Europa hat sich stark verändert. Waren vor 1980 Arbeitslose vorwiegend kurzfristig ohne Beschäftigung, so ist in den folgenden Jahren die mittlere Verweildauer in der Erwerbslosigkeit deutlich angestiegen. Diese Entwicklung setzte sich auch in Phasen der konjunkturellen Erholung, während derer die allgemeinen Arbeitslosenraten sanken, fort. 1997 waren 48 Prozent der europäischen Arbeitslosen länger als ein Jahr ohne Beschäftigung. Zu den Langzeitarbeitslosen gehören auch die Ausgesteuerten, also Personen, die ihren maximalen Anspruch auf Arbeitslosengelder bezogen haben. In den meisten Ländern verschwinden sie nicht aus den Arbeitslosenstatistiken, sofern sie weiterhin als arbeitslos gemeldet sind.
Von der Höhe der Arbeitslosenquote kann im allgemeinen nicht auf das Ausmaß von Dauererwerbslosigkeit geschlossen werden. Sheldon weist in seinem Artikel jedoch darauf hin, daß eine überlange Verweildauer in der Arbeitslosigkeit in der Regel gekoppelt ist mit einer hohen Sockelarbeitslosigkeit. In Ländern, in denen der Anteil an Langzeitarbeitslosen groß ist, neigt deshalb die Arbeitslosenquote auch in konjunkturell günstigen Zeiten dazu, auf hohem Niveau zu verharren. Als Beispiel nennt er das Jahr 1989. Damals befand sich die Konjunktur weltweit auf einem Höhepunkt. Trotzdem hatten mehrere Länder hohe Arbeitslosenquoten zu verzeichnen. Dies galt vor allem für die EU. Dort stand der Anteil von Langzeitarbeitslosen im Mittel bei 40 Prozent und die Arbeitslosenquote entsprechend bei 10 Prozent. In den damaligen EFTA-Ländern dagegen lag der Anteil an Dauerarbeitslosen bei 8 und die allgemeine Arbeitslosenrate bei 3 Prozent. Die zu Beginn der neunziger Jahre einsetzende Rezession führte in ganz Europa zu steigenden Arbeitslosenzahlen. Ebenso stieg der Anteil der Dauererwerbslosen stetig an.
Zwischen den Ländern der Union bestehen dabei erhebliche Unterschiede (vgl. nachfolgende Tabelle). Am stärksten waren Italien (65%), Belgien (61%) und Irland (59%) von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen.
Langzeitarbeitslosigkeit ist ein spezifisch europäisches Problem. In den USA und Kanada ist sie mit einem marginalen Anteil von ca. 7 Prozent vergleichsweise unbedeutend. Ebenso blieb in diesen Ländern das Verhältnis von Gesamtarbeitslosigkeit zu Langzeitarbeitslosigkeit in den letzten 10 Jahren konstant. Die Quoten verliefen parallel zur konjunkturellen Entwicklung.
Welches sind die Gründe, die es europäischen Arbeitslosen erschweren wieder im Arbeitsmarkt Fuß zu fassen? Welche ökonomischen Entwicklungen liegen diesem Trend zu einer Zwei-Klassen-Arbeitsgesellschaft zugrunde? Einige Erklärungsansätze sollen im nächsten Kapitel dargestellt werden.
3. Ursachen von Langzeitarbeitslosigkeit
Konjunktur
Ohne Zweifel hat die konjunkturelle Lage einen bedeutenden Einfluß auf die Höhe der Langzeitarbeitslosenquote. Während einer Phase der Rezession ist es schwieriger eine neue Stelle zu finden, als während der Hochkon-junktur. Als Folge werden mehr Kurzzeitarbeitslose zu Langzeitarbeitslosen. Da bei einem konjunkturellen Einbruch mehr Arbeitskräfte entlassen, als bei der nachfolgenden wirtschaftlichen Erholung wieder eingestellt werden entsteht eine Akkumulation von Arbeitslosen. Dieses sogenannte Hysteresisphänomen induziert nach Stumpe Langzeitarbeitslosigkeit.