Warten auf die Bosse
Die Konsumenten verhinderten den Absturz der US-Wirtschaft
Amerika ist seit März 2001 in einer Rezession, aber die Konsumenten haben sich davon nicht schrecken lassen. Die Amerikaner sind nahezu so
optimistisch wie zuvor, und selbst wenn sich der Einzelhandel ein wenig enttäuscht zeigte über das vergangene Weihnachtsgeschäft, so kaufen die Amerikaner doch immer noch mehr. Seit
dem Dezember ist auch das Vertrauen in die Zukunft wieder hergestellt, der Index des Konsumentenvertrauens klettert erneut, der Hausmarkt boomt und die Autoindustrie hat gerade ausnehmend erfolgreiche Verkaufsmonate hinter sich.
Nichts ähnelt gewöhnlichen Nachkriegsrezessionen, in denen die Zinsen steigen, der Konsum zusammenbricht und die ganze Wirtschaft mit in die Tiefe gezogen wird. Der Konsum ist intakt, diesmal sind es die Investitionen der Unternehmen, auf die das Land für seine Erholung warten muss.
Es überrascht, dass gerade in dieser Krise den Konsum nichts schrecken kann. Die gegenwärtige Rezession ist die erste seit der Einführung flexibler Bezahlungssysteme. Nach einer Untersuchung der amerikanischen Notenbank Federal Reserve zahlen inzwischen 95 Prozent aller Unternehmen ihren Beschäftigten zum Jahresende erfolgsabhängige Boni, geben Unternehmensbeteiligungen und Aktienoptionen aus. In guten Zeiten können diese Leistungen das Grundgehalt übersteigen, seit dem Beginn der Wirtschaftskrise sind diese Leistungen gestrichen worden oder auf ein Minimum geschrumpft. Die Investmentbank Goldman Sachs schätzt, dass auf diese Weise den Beschäftigten ein Einkommen von 30 Milliarden Dollar allein in den ersten drei Monaten des Jahres 2002 verloren geht, das ist mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung der Schweiz.
Es ist hilfreich für den Konsum, dass die Unternehmen bei den Grundlöhnen nicht knausern. Die nämlich legen fast unvermindert zu, im Jahresvergleich werden heute vier Prozent höhere Löhne gezahlt und das trotz eines knappen Jahres Rezession. Die Unternehmen konnten in dieser Zeit überraschend ihre Produktivität weiter steigern, in der gleichen Zahl von Arbeitsstunden kann demnach mehr produziert werden. Das verschaffte den Unternehmen offenbar genügend Luft, um in der Krise trotzdem die Löhne anzuheben. Die Produktivität wuchs zuletzt um 2,7 Prozent und Wissenschaftler der amerikanischen Notenbank sagen voraus, dass das Produktivitätswunder noch lange nicht vorüber sei.
Viele hatten noch im vergangenen Jahr befürchtet, die steigende Arbeitslosigkeit könnte dem ungebrochenen Optimismus der Konsumenten den Garaus machen. Doch wie beim Aktiencrash hinterließ die steigende Arbeitslosigkeit weniger Spuren bei den Konsumenten als erwartet wurde. Die Arbeitslosigkeit schnellte innerhalb eines Jahres von 3,9 Prozent auf 5,8 Prozent hoch, aber die Angst vor einem Arbeitsplatzverlust ist weniger verbreitet als in früheren Rezessionen. Möglicherweise, sagen Ökonomen, haben die häufigen Jobwechsel in der New Economy dazu geführt, dass die Beschäftigten weniger als früher an ihrem Arbeitsplatz kleben. Bei den Entlassungen hat es bisher vor allem nur die am geringsten Qualifizierten getroffen, die vor dem Boom Ende der neunziger Jahre als unbeschäftigbar galten.
Es ist fraglich wie lange der Konsum die Wirtschaft noch stützen kann. Die Autoindustrie hat ihre konsumsteigernde Null-Prozent-Finanzierung für Neuwagen wieder beendet und der Immobilienboom dürfte nicht mehr lange stabil sein. In Bezug auf die schwachen Unternehmensinvestitionen scheint sich jedoch langsam etwas zu tun. Die riesigen Überkapazitäten aus den Zeiten der New Economy konnten abgebaut werden und die Betriebe erhöhten erstmals wieder Bestellungen und Produktion. Amerika scheint das Kunststück zu gelingen: Eine milde Rezession nach dem Jahrhundertboom.
Quelle: Süddeutsche Zeitung