
Jerusalem - Flucht aus einem Ort der Sehnsucht
04. Dezember 2002 „Ich habe mich wie zu Hause gefühlt“ - dieser Kommentar eines Israelis, der den Bombenanschlag in Nairobi überlebt hat, steht auf der Website von „Time“.
Doch so wie zu Hause kann es für einen Israeli in Nairobi gar nicht sein. Denn noch ist es in Kenia nicht so weit gekommen, dass jederzeit an jedem Ort eine Bombe Dutzende unschuldiger Menschen in der Luft zerreißen kann. Nicht ein singuläres Ereignis, sondern erst die ständige Wiederholung des Grauens sorgt für das spezielle Israel-Gefühl: einer unberechenbaren und auch von den besten Psychiatern nicht zu erklärenden Mischung aus Angst, Verdrängung, Behauptungswillen und Kampfbereitschaft, die Außenstehende bewundern und über die sie sich auch heillos aufregen können.
Erst wenn bei einem Stadtbummel jeder Papierkorb, jedes geparkte Fahrzeug, jede Bushaltestelle, jeder herannahende Bus, jeder arabisch aussehende Passant, jeder Pizzeria-oder Diskotheken-Eingang, überhaupt alles außer einer gottverlassenen Straße verdächtig ist, erst dann weiß man, dass man in Israel ist. Sensible Menschen werden an dieser Umgebung fast irre oder stellen ausgeklügelte Berechnungen an wie die Schriftstellerin Zeruya Shalev, die ihr Kind immer erst nach Stundenbeginn zur Schule bringt, weil sie weiß, dass ein Selbstmordattentäter vorher zuschlagen würde, wenn die Schulbusse vor der Schule halten und die Kinder aussteigen.
Die Angst greift um sich
Im aktuellen „New Yorker“ schildert der Journalist Ari Shavit, wie er sich seit einiger Zeit in Jerusalem fühlt. Er hat das Gefühl, in einer sterbenden Stadt zu leben. Die Angst scheint von immer mehr Menschen Besitz zu ergreifen. Und immer mehr Bewohner tragen sich mit dem Gedanken, der Stadt den Rücken zu kehren. Als Beispiel erzählt Shavit die Geschichte seiner Nachbarin Marion Brodie. Es ist eine Geschichte, wie sie fast täglich in Israel vorkommt, wo inzwischen fast jeder jemanden kennt, der bei einem Anschlag gestorben ist.
An einem Samstagabend im März letzten Jahres wollte Marion nach einem Balletabend mit ihrer Familie im nahe ihrer Wohnung gelegenen Café Moment ein Eis essen gehen. Ihr Bruder wollte lieber nach Hause gehen, weil er müde war, und sie entschied, nicht alleine ein Eis essen zu gehen.
Sie waren eine halbe Stunde zuhause, da hörten sie eine fürchterliche Explosion. Es handelte sich um jenen furchtbaren Anschlag auf das Cafe Moment, dessen Bilder am nächsten Tag in vielen Zeitungen, am drastischsten in der „Bild“-Zeitung, zu sehen waren: junge Menschen, zerfetzt zwischen Barhockern.
Ihr Bruder beschloss am nächsten Tag, sich dem Anblick des zerstörten Cafes in seiner Nachbarschaft auszusetzen, und Marion ging mit ihm. „Wir standen da und nahmen uns in den Arm, und fingen an zu weinen. Und auf dem Nachhauseweg hörte Marion nicht auf zu weinen“, erinnert sich ihr Bruder. „Über eine Stunde lang hörte sie nicht auf." Seitdem wacht Marion jede Nacht angsterfüllt auf. Sie überlegt, nach Schottland auszuwandern, falls es dort keine Bombenanschläge gibt. Woanders ein neues Leben anzufangen, neue Freunde zu finden, dieser Wunsch meldet sich bei ihr immer drängender zu Wort.
Palästinensische Teenager-Gangs
Auch der Autor selbst, ein erfahrener Journalist, ist verunsichert. Jahrelang spazierte er gern über die Gabriel Sherover Promenade zwischen Ost- und Westjerusalem. Die Promenade mit dem schönen Ausblick auf die Hügel der judäischen Wüste war immer ein friedlicher Ort - bis dort vor einiger Zeit palästinensische Teenager-Gangs auftauchten, die auch schon einen Mord verübten: eine 25jährige Studentin der Hebrew-University wurde bestialisch erstochen, während sie mit ihrem Freund hier spazierenging.
Shavit, durchaus kein Verteidiger der israelischen Politik, fürchtet, dass Jerusalem irgendwann nur noch von Fanatikern bewohnt sein wird: orthodoxen Juden auf der einen Seite und radikalen Palästinensern und Muslimen auf der anderen Seite - allen anderen, die nicht militant sind, macht die Gewalt das Leben in Israel zur Hölle.
Zu Hause fühlt sich hier fast niemand mehr. Shavit fiel auf, dass von zwanzig Kindern und Enkelkindern, die seine Großeltern hatten, als sie vor siebzig Jahren in Jerusalem ankamen, nur einer in Jerusalem geblieben ist: er selbst.
Text: @hc/The New Yorker
Bildmaterial: FAZ.NET, dpa
