KOFFEIN - der tägliche Blick in die Medien


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das Zentrum d.:

KOFFEIN - der tägliche Blick in die Medien

 
04.12.02 08:48
KOFFEIN - der tägliche Blick in die Medien 873457

Jerusalem - Flucht aus einem Ort der Sehnsucht

04. Dezember 2002 „Ich habe mich wie zu Hause gefühlt“ - dieser Kommentar eines Israelis, der den Bombenanschlag in Nairobi überlebt hat, steht auf der Website von „Time“.

Doch so wie zu Hause kann es für einen Israeli in Nairobi gar nicht sein. Denn noch ist es in Kenia nicht so weit gekommen, dass jederzeit an jedem Ort eine Bombe Dutzende unschuldiger Menschen in der Luft zerreißen kann. Nicht ein singuläres Ereignis, sondern erst die ständige Wiederholung des Grauens sorgt für das spezielle Israel-Gefühl: einer unberechenbaren und auch von den besten Psychiatern nicht zu erklärenden Mischung aus Angst, Verdrängung, Behauptungswillen und Kampfbereitschaft, die Außenstehende bewundern und über die sie sich auch heillos aufregen können.

Erst wenn bei einem Stadtbummel jeder Papierkorb, jedes geparkte Fahrzeug, jede Bushaltestelle, jeder herannahende Bus, jeder arabisch aussehende Passant, jeder Pizzeria-oder Diskotheken-Eingang, überhaupt alles außer einer gottverlassenen Straße verdächtig ist, erst dann weiß man, dass man in Israel ist. Sensible Menschen werden an dieser Umgebung fast irre oder stellen ausgeklügelte Berechnungen an wie die Schriftstellerin Zeruya Shalev, die ihr Kind immer erst nach Stundenbeginn zur Schule bringt, weil sie weiß, dass ein Selbstmordattentäter vorher zuschlagen würde, wenn die Schulbusse vor der Schule halten und die Kinder aussteigen.

Die Angst greift um sich

Im aktuellen „New Yorker“  schildert der Journalist Ari Shavit, wie er sich seit einiger Zeit in Jerusalem fühlt. Er hat das Gefühl, in einer sterbenden Stadt zu leben. Die Angst scheint von immer mehr Menschen Besitz zu ergreifen. Und immer mehr Bewohner tragen sich mit dem Gedanken, der Stadt den Rücken zu kehren. Als Beispiel erzählt Shavit die Geschichte seiner Nachbarin Marion Brodie. Es ist eine Geschichte, wie sie fast täglich in Israel vorkommt, wo inzwischen fast jeder jemanden kennt, der bei einem Anschlag gestorben ist.

An einem Samstagabend im März letzten Jahres wollte Marion nach einem Balletabend mit ihrer Familie im nahe ihrer Wohnung gelegenen Café Moment ein Eis essen gehen. Ihr Bruder wollte lieber nach Hause gehen, weil er müde war, und sie entschied, nicht alleine ein Eis essen zu gehen.

Sie waren eine halbe Stunde zuhause, da hörten sie eine fürchterliche Explosion. Es handelte sich um jenen furchtbaren Anschlag auf das Cafe Moment, dessen Bilder am nächsten Tag in vielen Zeitungen, am drastischsten in der „Bild“-Zeitung, zu sehen waren: junge Menschen, zerfetzt zwischen Barhockern.

Ihr Bruder beschloss am nächsten Tag, sich dem Anblick des zerstörten Cafes in seiner Nachbarschaft auszusetzen, und Marion ging mit ihm. „Wir standen da und nahmen uns in den Arm, und fingen an zu weinen. Und auf dem Nachhauseweg hörte Marion nicht auf zu weinen“, erinnert sich ihr Bruder. „Über eine Stunde lang hörte sie nicht auf." Seitdem wacht Marion jede Nacht angsterfüllt auf. Sie überlegt, nach Schottland auszuwandern, falls es dort keine Bombenanschläge gibt. Woanders ein neues Leben anzufangen, neue Freunde zu finden, dieser Wunsch meldet sich bei ihr immer drängender zu Wort.

Palästinensische Teenager-Gangs

Auch der Autor selbst, ein erfahrener Journalist, ist verunsichert. Jahrelang spazierte er gern über die Gabriel Sherover Promenade zwischen Ost- und Westjerusalem. Die Promenade mit dem schönen Ausblick auf die Hügel der judäischen Wüste war immer ein friedlicher Ort - bis dort vor einiger Zeit palästinensische Teenager-Gangs auftauchten, die auch schon einen Mord verübten: eine 25jährige Studentin der Hebrew-University wurde bestialisch erstochen, während sie mit ihrem Freund hier spazierenging.

Shavit, durchaus kein Verteidiger der israelischen Politik, fürchtet, dass Jerusalem irgendwann nur noch von Fanatikern bewohnt sein wird: orthodoxen Juden auf der einen Seite und radikalen Palästinensern und Muslimen auf der anderen Seite - allen anderen, die nicht militant sind, macht die Gewalt das Leben in Israel zur Hölle.

Zu Hause fühlt sich hier fast niemand mehr. Shavit fiel auf, dass von zwanzig Kindern und Enkelkindern, die seine Großeltern hatten, als sie vor siebzig Jahren in Jerusalem ankamen, nur einer in Jerusalem geblieben ist: er selbst.

Text: @hc/The New Yorker
Bildmaterial: FAZ.NET, dpa
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das Zentrum d.:

EZB wird Zinsen wohl senken

 
04.12.02 08:51
KOFFEIN - der tägliche Blick in die Medien 873459

EZB wird Zinsen wohl senken

03. Dezember 2002 Zwei Tage vor der EZB-Ratsitzung in Frankfurt hat der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Wim Duisenberg, erneut darauf hingewiesen, die monetäre Entwicklung in der Eurozone mit Vorsicht zu interpretieren.

Zwar sei das Wachstum der Geldmenge weiterhin stark, doch müsse dies auch vor den Unsicherheiten an den Finanzmärkten und den damit verbundenen Zuflüssen in kurzfristige Anlageformen gesehen werden, sagte Duisenberg vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europäischen Parlaments (EP).

Zinssenkung kommt

Die Inflationsrate könne in den nächsten Monaten zwar noch einmal etwas ansteigen, im Lauf des kommenden Jahres werde aber Preisstabilität erreicht, sagte Duisenberg weiter. Mit Blick auf die Konjunktur bekräftigte der EZB-Chef, dass ein Aufschwung wegen der hohen Unsicherheit, die von einem möglichen Irak-Krieg und den Finanzmarktturbulenzen ausgehen, nach wie vor schwer vorherzusagen sei. Im vierten Quartal 2002 sei die Wirtschaft wohl weiter nur mäßig gewachsen.

Gleichwohl hätten sich die Finanzmärkte zuletzt etwas stabilisiert. „Das Wachstum sollte im Lauf von 2003 zu Raten, die dem Potenzialwachstum (von 2,0 bis 2,5 Prozent) entsprechen, zurückkehren", sagte Duisenberg. An den Finanzmärkten wird inzwischen überwiegend damit gerechnet, dass die EZB die Leitzinsen am Donnerstag mindestens um 25 Basispunkte senken wird. Die Mehrheit der Analysten geht sogar von einem kräftigen Zinsschritt nach unten um 50 Basispunkte aus.

Duisenberg mahnt Haushaltsdisziplin an

Volkswirte betrachteten Duisenbergs Ausführungen als klares Zeichen für eine bevorstehende Zinssenkung. „Es ist keine Frage mehr ob, sondern nur noch um wie viel die Zinsen gesenkt werden", sagte Audrey Childe-Freeman von CIBC World Markets. Der EZB-Präsident ermahnte abermals die Regierungen, mit Strukturreformen und einem konsequenten Abbau der Staatsschulden für mehr Wachstum zu sorgen. Ausdrücklich begrüßte er, dass die EU-Kommission Frankreich wegen eines Defizitanstiegs verwarnen wolle und gegen Deutschland ein Defizitverfahren eingeleitet habe, das die deutsche Regierung akzeptieren wolle.

Die Kritik der großen Länder am Stabilitätspakt könnte nach Einschätzung von Analysten ein Grund für die EZB gewesen sein, die Zinsen im November nicht zu senken. Dem trat Duisenberg entgegen: „Dass wir am 7. November die Zinsen nicht gesenkt haben, sollte keinesfalls als Strafe für Länder verstanden werden, die ihre haushaltspolitischen Verpflichtungen nicht erfüllt haben.“ Die EZB sei allerdings besorgt, dass die Drei-Prozent-Grenze in einigen Ländern nicht nur zwei, drei Jahre, sondern länger überschritten werden könnte.

Text: @zyd
Bildmaterial: AP
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das Zentrum d.:

Technologie-Rally geht auf Torschlusspanik zurück

 
04.12.02 08:52
„Technologie-Rally geht auf Torschlusspanik zurück"

03. Dezember 2002 In den vergangenen zwei Monaten haben Technologiewerte die US-Aktienbörsen beflügelt. Ihre jüngsten Kursgewinne dürften sich von den früheren Fehlstarts indes kaum unterscheiden, warnen Investoren und begründen die Rally mit Torschlusspanik.

Seit März 2000, als der heutige Bärenmarkt begann, ist der Standard & Poor's 500 Index viermal um etwa 20 Prozent gestiegen. Drei der Rallys entfielen auf Computer-, Software- und Halbleiterwerte.

Als der S&P 500 Index von April bis Mai vergangenen Jahres 19 Prozent zulegte, verzeichnete der Information Technology-Index ein Plus von 41 Prozent. Zwischen dem 21. September 2001 und dem vierten Januar 2002 gewann der Leitindex 22 Prozent, der Branchenindex schnellte 52 Prozent nach oben. Seit dem 9. Oktober hat der S&P 500 Index 20 Prozent gewonnen, der Technologie-Index stieg 49 Prozent. Allein bei der August-Rally standen die Computerwerte in der zweiten Reihe.

Manche Anleger sprechen von Torschlusspanik ...

Während einige Investoren die aktuelle Entwicklung als Signal steigender Technologie-Investitionen sehen, sprechen andere von Torschlusspanik. "Bei der Bewertung dieser Aktien orientieren sich die Leute eher an der Vergangenheit als an der Zukunft", erklärt Harry Markopolos, Fondsmanager bei Rampart Investment Management in Boston.

Die Aktienkurse von Corning , Solectron und PMC- Sierra haben seit ihren Allzeithochs über 95 Prozent an Wert verloren, sind seit dem 9. Oktober, als der S&P 500 Index auf ein Fünf-Jahrestief fiel, jedoch um das Dreifache gestiegen. Texas Instruments kommen auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 200. Das KGV der im S&P 500 Index aufgeführten Werte liegt bei 30.

Technologieaktien dürften verlieren, sagen die Pessimisten und verweisen auf den Relative-Strength-Index, bei dem der Schlussstand mit den Tageshochs und Tagestiefs verglichen wird. Ein Wert über 70 signalisiert, dass der Index zu stark gestiegen ist. Der Information Technology-Index, ein Subindex des S&P 500 Index mit 77 Werten, kommt auf einen Zwei-Wochen-Durchschnitt von 66,59. Am 19. November lag der Relative-Stärke-Indikator bei 72,86. Seitdem hat der Index 29 Prozent verloren.

... Optimisten bauen auf steigende Gewinne

Diesmal sind die Voraussetzungen anders, sagen die Optimisten. Steigende Unternehmensgewinne dürften die Nachfrage nach Software, Hardware und Speicherchips ankurbeln. "Wer jetzt in Aktien investieren will, für den kommen Technologie- und Industriewerte in Frage", rät Richard Weiss, Chief Investment Officer von City National Bank in Beverly Hills, Kalifornien. Er will den Anteil der Technologiewerte im Portefeuille von 16 auf rund 20 Prozent aufstocken.

Sind zu wenige Technologiewerte im Portefeuille, kann das für Vermögensverwalter bei einer Rally teuer werden. Egal ob diese eine Trendwende oder nur ein Strohfeuer signalisiert. Zu ihren besten Zeiten waren Technologiewerte mit 35 Prozent im S&P 500 Index vertreten. Das ist längst nicht mehr der Fall. Sollte der Leitindex 50 Prozent steigen, käme ein Anleger ohne Tech-Aktien auf ein Plus von nur 42,5 Prozent, kalkuliert Roger Khlopin, Fondsmanager bei Financial Management Advisors. "Von 1997-99 konnte man nur mit Technologiewerten Kasse machen. An dieser Erinnerung kleben viele Investoren", meint Khlopin. "Nur wenige sind mutig genug, auf Technologiewerte zu verzichten."

Seit seinem Allzeithoch im März 2000 hat der Information Technology Index 74 Prozent verloren. 13 Index-Mitglieder dürften in zumindest einem Quartal 2003 rote Zahlen schreiben, prognostizieren Analysten. Diejenigen, die das Jahr voraussichtlich gut überstehen, kommen auf ein KGV von 36,25. So hoch wird keine andere Branche bewertet.

Unternehmen selbst geben sich skeptisch

Einen Nachfrageanstieg halten selbst die Unternehmen für unwahrscheinlich. Von den 215 Technologieunternehmen, die sich zum Ausgang des vierten Quartals bereits geäußert haben, erwarten 53 Prozent, dass sie unter Plan liegen werden, ermittelte Thomson First Call. Im vergangenen Jahr gingen um diese Zeit 47 Prozent davon aus, ihre Gewinnprognosen zu verfehlen. Aber "das ist nicht die erste Rally, die wir erleben und es wird auch nicht die letzte sein", meint Brad Brooks, Fondsmanager bei Value Line Asset Management. "Eines Tages wird der Markt schon richtig liegen."

Text: Bloomberg
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das Zentrum d.:

Meine Renditeerwartung in Osteuropa liegt bei 20 P

 
04.12.02 08:54
„Meine Renditeerwartung in Osteuropa liegt bei 20 Prozent“

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Glaubt an Telekom- und Bankaktien aus dem Osten: Fondsmanager Stefan Böttcher

04. Dezember 2002 Die EU-Osterweiterung eröffnet Anlegern die Chance, relativ unabhängig von der schwierigen Verfassung der Weltbörsen vorzeigbare Renditen zu erwirtschaften. Zumindest beweisen einige Fondsmanager schon seit Jahren, dass das funktioniert. Zu diesen Experten zählt zweifellos Stefan Böttcher, der für die Investmentgesellschaft Charlemagne Capital den Magna Europa Fund verwaltet. Dieser Fonds hat es in den vergangenen drei Jahren mit ausgewählten Anlagen in Zentraleuropa und Russland auf eine Wertentwicklung per anno von gut 20 Prozent gebracht.

Seinen Erfolg lässt sich Böttcher, der sich bereits seit 1994 in den von ihm betreuten Märkten tummelt, zwar mit einer stattlichen Performance-Gebühr bezahlen. Doch bei der erwähnten Rendite sind diese Kosten schon herausgerechnet. Trotzdem reicht es im Vergleich der Osteuropafonds stets zu einem Platz auf dem Podest. Und das Schöne für die Anleger: Da Böttcher den Konvergenzprozess weiter voll im Gange sieht, hofft er bis auf weiteres ähnlich gute Renditen zu erwirtschaften, wie zuletzt. Wieso er das glaubt, verrät der Fondsmanager, der nicht nur auf die Rendite schielt, sondern auch auf ein vernünftiges Risikoprofil, im nachfolgenden FAZ.NET-Interview.

Herr Böttcher, skizzieren Sie doch bitte kurz die Anlageidee, die hinter der EU-Osterweiterung steckt?

Zunächst sprechen wir dabei mit Russland und Zentraleuropa über zwei eigentlich unterschiedliche Regionen. Allerdings besteht in beiden Fällen ein gewisses Konvergenzpotenzial. Das heißt, es kommt zu fallenden Zinsen und dadurch zu steigenden Aktienkursen. Das Hauptargument in Zentraleuropa ist die EU-Erweiterung, die vermutlich bald keine Idee mehr ist, sondern Tatsache. Dieser Prozess wird zu fallenden Risikoprämien führen und zu steigendem Wirtschaftswachstum. Das wird teilweise durch Subventionen begünstigt, die von West nach Ost fließen. So werden sich die Bruttosubventionen schon zwei Jahre nach dem EU-Beitritt auf fünf Prozent des Bruttosozialprodukts belaufen, während es derzeit nur rund zwei Prozent sind. Das führt natürlich zu einem ungemeinen Schub, zumal auch noch weitere Direktinvestitionen dazukommen werden.

Besteht eigentlich die Gefahr, dass die Anleger schon zu stark in der Region investiert sind?

Von einer Überinvestition kann man bestimmt nicht reden. Die Märkte sind fundamental noch recht vernünftig bewertet. Wir befinden uns noch nicht in einer spekulativen Blase. Zu einem Überinvestment wird es in absoluten Zahlen auch nicht kommen, da die Märkte einfach zu klein sind. Die Marktkapitalisierung von Russland liegt bei knapp 100 Milliarden Dollar und in Zentraleuropa bei rund 30 bis 40 Milliarden Dollar. Das ist nicht mehr als manche große westliche Standardwerte alleine in die Waagschale werfen.

Welche Märkte favorisieren Sie in Zentraleuropa derzeit?

Wir sind in Zentraleuropa gut gewichtet in Ungarn und etwas weniger gewichtet in Polen. Das hat aber vor allem damit zu tun, dass wir in Ungarn mehr interessante Unternehmen finden als in Polen. Makroökonomisch betrachtet ist die Entwicklung aber ähnlich.

Welche Branchen gefallen Ihnen am besten?

In Zentraleuropa setzen wir auf Banken und Telekommunikationsaktien. Die Bankaktien dürften von den fallenden Zinsen und einer damit verbundenen steigenden Kreditvergabe profitieren. Und im Telekomsektor überzeugen uns die soliden Bilanzen sowie hohe freie Cashflows von vier bis zwölf Prozent in Ungarn und von 15 Prozent in Tschechien. So produzieren die Cesky Telecom und die Matav so viel Cash, dass dies den Aktionären in Form recht hoher Dividendenausschüttungen zu Gute kommen wird.

Ist bei der Cesky Telecom der jüngst gescheiterte Übernahmeversuch eines von einer Deutschen Bank-Tochter geführten Konsortiums kein Rückschlag?

Im Gegenteil. Die Vorgehensweise war etwas dubios und für Minderheitsaktionäre wäre dies sicherlich von Nachteil gewesen. So ist der Markt über das Scheitern letztlich sogar erleichtert. Wir selbst sind derzeit am Kaufen. Die Aktie ist in wenigen Tagen auch von 200 auf 290 Kronen gestiegen und vielleicht besteht sogar noch Luft bis auf knapp 400 Kronen.

Woran knüpfen Sie die Hoffnung auf steigende Bankaktien?

Dazu bietet sich der Blick auf die Kreditvergabe im jeweiligen Land im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt an. Da liegen wir noch bei unter 40 Prozent. Im mediterranen Bereich, etwa Griechenland und Portugal, sind wir inzwischen bei 80 Prozent und in Westeuropa bei rund 100 Prozent. Entwickelt sich Zentraleuropa wie die mediterranen Länder, dann können sich die Bilanzen der Banken noch verdoppeln.

Wie stufen Sie allgemein die Bewertungen ein?

Die Bewertung ist nach wie vor günstig. Allerdings nicht so, dass wir eine Verdoppelung der Kurse erwarten könnten. Das wäre nur dann nicht auszuschließen, wenn wir weltweit eine bessere Börsentendenz sehen. Bei den Titeln, in denen wir investiert sind, sehen wir typischerweise ein Kurspotenzial von 20 bis 25 Prozent auf Sicht von einem Jahr. Das ist auch meine Renditeerwartung, die ich an ein gut gemischtes zentraleuropäisches Portfolio habe. Diese Größenordnung scheint zumindest im nächsten Jahr noch einmal machbar zu sein, wenn es gut läuft. Danach kann man dann bei gesunkenen Zinsen diese Größenordnung nicht mehr unbedingt erwarten.

Wie zu hören ist, stoßen Sie bei Ihren Recherchen immer wieder auf überraschende Kurschancen. Was ist darunter genau zu verstehen?

Die Märkte sind erstaunlicherweise nach wie vor noch immer sehr ineffizient. Daraus kann man sehr gut Kapital schlagen. So haben wir jetzt wieder einen Weg gefunden, über Anleihen, die dann umgewandelt werden, in das polnische Telekomunternehmen Netia zu investieren. Da sind wir vor den inländischen Pensionsfonds mit einem 30-prozentigen Abschlag zum Zuge gekommen. Da lassen sich dann mit einem allerdings etwas höheren Risiko in zwei bis drei Monaten Renditen von 30 bis 50 Prozent erzielen. Spezialisierte Fonds können dadurch insgesamt schon auf 20 Prozent Rendite jährlich kommen, nicht aber unbedingt die Gesamtmärkte. Irgendwann werden die Ineffizienzen vielleicht auch ganz verschwinden, aber noch ist es nicht soweit. Es finden sich immer wieder Möglichkeiten. Vielleicht auch, weil die große Privatisierungswelle vorbei ist und die großen Broker-Häuser diese Märkte wieder aufgegeben haben und die Transparenz in den vergangenen ein bis zwei Jahren sogar noch gesunken ist.

Was halten Sie vom russischen Markt?

Russland ist sogar der interessantere Markt. Die Wirtschaft wächst stärker und die fundamentalen Daten wie das Leistungsbilanz- und der Haushaltsüberschuss sehen attraktiver aus. Auch das Zinssenkungspotenzial ist noch größer. Die Bondmärkte werden voraussichtlich  auch weiterhin gut laufen und damit auch die Aktienmärkte, zumal der Staat Privatisierungsaktionen wie die jetzige Platzierung eines Lukoil-Pakets zum Abbau von Schulden nutzen wird. Die Aktien sind nach wie vor deutlich unterbewertet. So weist der Öl- und Gassektor einen Abschlag von 60 Prozent zu den internationalen Ölaktien auf. Dieser Abschlag sollte sich auf Sicht von zwölf bis 18 Monaten auf 30 Prozent einspielen.

Auf welche Titel setzen Sie in Russland?

Lukoil ist wegen der Umstrukturierungsfantasie mit einer Gewichtung von neun Prozent derzeit unsere größte Position im Fonds. Überdenken würden wir unsere volkswirtschaftlich betrachtet positive Grundhaltung zu Russland mit Blick auf den Ölpreis erst bei einem Rückfall auf 15 Dollar je Barrel. Die Bestände an Ölaktien würden wir vermutlich bei Ölpreisen zwischen 15 und 18 Dollar je Barrel zu Gunsten anderer Sektoren abbauen. Übergewichtet sind wir im Telekombereich, wo wir auf die Mobilfunkgesellschaften Vimpelcom und MTS setzen, die beide günstige Wachstumsaussichten und trotzdem vergleichsweise niedrige Bewertungen haben. Wegen der fallenden Zinsen gefällt uns auch die russische Sparkasse Sberbank, die auf einen Marktanteil von 80 Prozent kommt.

Das Gespräch führte Jürgen Büttner

Text: @jüb
Bildmaterial: Charlemagne Capita
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