URL: www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,191446,00.html
Von Martin Kilian
Armer George W. Bush: Der größte Präsident aller Zeiten leidet unter einer schlimmen Krise. Keiner nimmt ihn mehr ernst - Joschka nicht, Ariel nicht, und Dick Cheney schon gar nicht. Vorbei die Zeiten, als es nur die "gute" und die "böse" Zone gab. Jetzt ist alles grau, und die Benzinpreise steigen bis zur Wiederwahl...
Neulich an der amerikanischen Tankstelle No.11... Nein, es war die 14... Verzeihung! Jedenfalls... oder die Nummer 3? Oh Fuck! Man wird zusehends jünger, allein das Gedächtnis wehrt sich dagegen. Worum ging es eigentlich? Aber natürlich: die Benzinpreise! Was Wunder, dass meine amerikanischen Freunde revolutionär gestimmt sind. Himmelschreiende 1 Dollar 60 Cents pro Gallone. 40 Duisenberg-Cents pro Liter! Ein Hammer!
Na und, blaffen Sie, das sei doch billig! Entschuldigung, aber: Wir fahren hier zu Lande richtige Autos. Keine Sardinendosen auf Rädern wie die Europäer in ihrem bemitleidenswerten Miniaturisierungsdrang. Schon mal was von einem SUV gehört? Sport Utility Vehicle! Acht Zylinder! 15 Liter Hubraum! Pneumatischer Tidenhub! Betankung aus der Luft! 300 Liter Saft auf 50 Meilen! Keine Seifenkiste wie der lächerliche Quatsch in Ihrer Garage! Nicht einmal Britney Spears würde in Ihre winzige Schrottlaube passen. Hugh Grant giftete schließlich unlängst, sie habe breite Hüften. Also nichts für Ihr Lego-Mobil! Aber, aber: Nicht weinen. War ja nur ein Scherz. Selbstverständlich würde sich Britney gern in Ihr Spandex-Vehikel zwängen.
4000 Jahre Maloche ohne Bezahlung?
Für amerikanische Verhältnisse sind 40 Duisenberg-Cents pro Liter trotzdem unerhört. Immerhin geht es um George W. Bushs Wiederwahl. Leider läuft es dieser Tage generell nicht super-glänzend für den größten Präsidenten aller Zeiten. Die lästigen Versprecher sind wieder da. Neulich forderte W. von jedem Amerikaner glatt "4000 Jahre" Freiwilligenarbeit. Im Klartext: 4000 Jahre Maloche ohne Bezahlung! Ein Triumph neoliberaler Wirtschaftstheorie! Trotzdem sitzt Bush dieser Tage wie abgelöscht im ovalen Büro. Der texanische Löwe ist erschöpft. Niemand hört mehr auf ihn. Ariel am allerwenigsten. W. möchte, dass Ariel und seine Soldaten endlich aus dem Westjordanland abziehen. Doch Scharon zeigt W. ganz frech den Finger. Weshalb W. angeblich richtig böse wurde. Er stampfte mit dem Fuß auf. Seine Adern schwollen auf den Durchmesser eines Gartenschlauchs an.
Aber niemand nimmt ihn ernst. Neulich bestellte er ein Sandwich (Erdnussbutter mit Konfitüre) im ovalen Büro. Der Kammerdiener lachte ungestüm auf - und tat, als habe er nichts gehört. Angefangen hatte es mit Joschka. W. hatte angeordnet, alle Verbündeten seien als Satelliten zu behandeln und prompt auf eine Umlaufbahn jenseits des Pluto zu schießen. Fischer widersprach: Die Alliierten seien "keine Satelliten". Keinesfalls wollte Fischer in einer kleinen Kugel weitab vom Schuss kreisen.
Das, wie gesagt, war der Anfang. Jetzt hört nicht einmal mehr Cheney auf W. Als er bei Cheney einen Kühlschrank bestellte ("Yo, Dick, haste mal 'nen Kühlschrank?"), wieherte der Vizepräsident lauthals - und blieb demonstrativ sitzen. Und Sam Peckinpah? Von ihm - Sie erinnern sich! - wollte W. den Kopf von "Alfredo Garcia" - tot oder lebendig! Nichts geschah. "Alfredo Garcia" haust noch immer unbehelligt im Hindukusch. Berlusconi benannte sogar eine Soße nach ihm. "Soße Alfredo". Traurig, nicht wahr?
Aber es kommt noch schlimmer. Denn W. bewegt sich jetzt in der "Grauen Zone". Eigentlich kennt er nur die "Böse Zone" und die "Gute Zone". In der "Grauen Zone" fragt man sich unentwegt: Ist Arafat ein Terrorist? Oder ist er keiner? Und Ariel? Was ist der? Denken Sie nur: Alles ist grau in der "Grauen Zone"! Sogar die Mäuse. Aus reiner Neugierde zog W. neulich ein Bündel Dollarscheine aus der Tasche. Und siehe da: Sie waren grau. In der "Grauen Zone" leben überdies die Nuancen. Da Sie (Pisa!) nicht sonderlich bewandert sind in griechischer Mythologie, muss ich Ihnen den Sachverhalt leider erklären: Die Nuancen sind die Cousinen der Sirenen. Schon mal was von Whitney Houston gehört? Oder Mariah Carey? Okay, das sind die Sirenen. Sie leben in Italien auf einem Felsen. Die Nuancen andererseits... Hey, Moment mal! Wie komme ich überhaupt dazu, umsonst Ihren lausigen Bildungsstand zu heben? Unglaublich!
Jedenfalls hasst W. die Nuancen. Sie sind so... komplex. Und zudem so aufreizend gekleidet. Nabelfrei! Absolut nichts für ihn. Melancholisch sitzt er in der "Grauen Zone", starrt beharrlich an den Nuancen vorbei - und verflucht Arafat wie Ariel. Dauernd geht ihm dabei eine immens grässliche Gleichung durch den Kopf: Arafat+Ariel+Zoff=Hoher Benzinpreis=Frührente 2004. Wow! Auf der Ranch zu Crawford warten bereits Ahörnchen und Behörnchen. Und Bambi und die Dalmatiner. Und Dumbo. Januar 2005: El Jefe kehrt auf seinen Stammsitz zurück! Die Washingtoner Sängerknaben singen "Adios Amigo". Und jede Woche eine Kolumne aus Crawford! Der Toshiba freut sich bereits: Ahhh, Country! Erdnussbutter! Zorro! Eddie Bauer! Sensen! Hank Williams! Der Bauer im Märzen! Die Wüste...huch! Sie lebt!
Martin Kilian, 50, blieb nach seiner Korrespondententätigkeit für den SPIEGEL in Amerika und berichtet für die Züricher "Weltwoche" aus den USA. Er lebt in Charlottesville, Virginia und Washington D.C.
Quelle: www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,191446,00.html
Von Martin Kilian
Armer George W. Bush: Der größte Präsident aller Zeiten leidet unter einer schlimmen Krise. Keiner nimmt ihn mehr ernst - Joschka nicht, Ariel nicht, und Dick Cheney schon gar nicht. Vorbei die Zeiten, als es nur die "gute" und die "böse" Zone gab. Jetzt ist alles grau, und die Benzinpreise steigen bis zur Wiederwahl...
Neulich an der amerikanischen Tankstelle No.11... Nein, es war die 14... Verzeihung! Jedenfalls... oder die Nummer 3? Oh Fuck! Man wird zusehends jünger, allein das Gedächtnis wehrt sich dagegen. Worum ging es eigentlich? Aber natürlich: die Benzinpreise! Was Wunder, dass meine amerikanischen Freunde revolutionär gestimmt sind. Himmelschreiende 1 Dollar 60 Cents pro Gallone. 40 Duisenberg-Cents pro Liter! Ein Hammer!
Na und, blaffen Sie, das sei doch billig! Entschuldigung, aber: Wir fahren hier zu Lande richtige Autos. Keine Sardinendosen auf Rädern wie die Europäer in ihrem bemitleidenswerten Miniaturisierungsdrang. Schon mal was von einem SUV gehört? Sport Utility Vehicle! Acht Zylinder! 15 Liter Hubraum! Pneumatischer Tidenhub! Betankung aus der Luft! 300 Liter Saft auf 50 Meilen! Keine Seifenkiste wie der lächerliche Quatsch in Ihrer Garage! Nicht einmal Britney Spears würde in Ihre winzige Schrottlaube passen. Hugh Grant giftete schließlich unlängst, sie habe breite Hüften. Also nichts für Ihr Lego-Mobil! Aber, aber: Nicht weinen. War ja nur ein Scherz. Selbstverständlich würde sich Britney gern in Ihr Spandex-Vehikel zwängen.
4000 Jahre Maloche ohne Bezahlung?
Für amerikanische Verhältnisse sind 40 Duisenberg-Cents pro Liter trotzdem unerhört. Immerhin geht es um George W. Bushs Wiederwahl. Leider läuft es dieser Tage generell nicht super-glänzend für den größten Präsidenten aller Zeiten. Die lästigen Versprecher sind wieder da. Neulich forderte W. von jedem Amerikaner glatt "4000 Jahre" Freiwilligenarbeit. Im Klartext: 4000 Jahre Maloche ohne Bezahlung! Ein Triumph neoliberaler Wirtschaftstheorie! Trotzdem sitzt Bush dieser Tage wie abgelöscht im ovalen Büro. Der texanische Löwe ist erschöpft. Niemand hört mehr auf ihn. Ariel am allerwenigsten. W. möchte, dass Ariel und seine Soldaten endlich aus dem Westjordanland abziehen. Doch Scharon zeigt W. ganz frech den Finger. Weshalb W. angeblich richtig böse wurde. Er stampfte mit dem Fuß auf. Seine Adern schwollen auf den Durchmesser eines Gartenschlauchs an.
Aber niemand nimmt ihn ernst. Neulich bestellte er ein Sandwich (Erdnussbutter mit Konfitüre) im ovalen Büro. Der Kammerdiener lachte ungestüm auf - und tat, als habe er nichts gehört. Angefangen hatte es mit Joschka. W. hatte angeordnet, alle Verbündeten seien als Satelliten zu behandeln und prompt auf eine Umlaufbahn jenseits des Pluto zu schießen. Fischer widersprach: Die Alliierten seien "keine Satelliten". Keinesfalls wollte Fischer in einer kleinen Kugel weitab vom Schuss kreisen.
Das, wie gesagt, war der Anfang. Jetzt hört nicht einmal mehr Cheney auf W. Als er bei Cheney einen Kühlschrank bestellte ("Yo, Dick, haste mal 'nen Kühlschrank?"), wieherte der Vizepräsident lauthals - und blieb demonstrativ sitzen. Und Sam Peckinpah? Von ihm - Sie erinnern sich! - wollte W. den Kopf von "Alfredo Garcia" - tot oder lebendig! Nichts geschah. "Alfredo Garcia" haust noch immer unbehelligt im Hindukusch. Berlusconi benannte sogar eine Soße nach ihm. "Soße Alfredo". Traurig, nicht wahr?
Aber es kommt noch schlimmer. Denn W. bewegt sich jetzt in der "Grauen Zone". Eigentlich kennt er nur die "Böse Zone" und die "Gute Zone". In der "Grauen Zone" fragt man sich unentwegt: Ist Arafat ein Terrorist? Oder ist er keiner? Und Ariel? Was ist der? Denken Sie nur: Alles ist grau in der "Grauen Zone"! Sogar die Mäuse. Aus reiner Neugierde zog W. neulich ein Bündel Dollarscheine aus der Tasche. Und siehe da: Sie waren grau. In der "Grauen Zone" leben überdies die Nuancen. Da Sie (Pisa!) nicht sonderlich bewandert sind in griechischer Mythologie, muss ich Ihnen den Sachverhalt leider erklären: Die Nuancen sind die Cousinen der Sirenen. Schon mal was von Whitney Houston gehört? Oder Mariah Carey? Okay, das sind die Sirenen. Sie leben in Italien auf einem Felsen. Die Nuancen andererseits... Hey, Moment mal! Wie komme ich überhaupt dazu, umsonst Ihren lausigen Bildungsstand zu heben? Unglaublich!
Jedenfalls hasst W. die Nuancen. Sie sind so... komplex. Und zudem so aufreizend gekleidet. Nabelfrei! Absolut nichts für ihn. Melancholisch sitzt er in der "Grauen Zone", starrt beharrlich an den Nuancen vorbei - und verflucht Arafat wie Ariel. Dauernd geht ihm dabei eine immens grässliche Gleichung durch den Kopf: Arafat+Ariel+Zoff=Hoher Benzinpreis=Frührente 2004. Wow! Auf der Ranch zu Crawford warten bereits Ahörnchen und Behörnchen. Und Bambi und die Dalmatiner. Und Dumbo. Januar 2005: El Jefe kehrt auf seinen Stammsitz zurück! Die Washingtoner Sängerknaben singen "Adios Amigo". Und jede Woche eine Kolumne aus Crawford! Der Toshiba freut sich bereits: Ahhh, Country! Erdnussbutter! Zorro! Eddie Bauer! Sensen! Hank Williams! Der Bauer im Märzen! Die Wüste...huch! Sie lebt!
Martin Kilian, 50, blieb nach seiner Korrespondententätigkeit für den SPIEGEL in Amerika und berichtet für die Züricher "Weltwoche" aus den USA. Er lebt in Charlottesville, Virginia und Washington D.C.
Quelle: www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,191446,00.html