Aus der FTD vom 29.4.2002 www.ftd.de/it
IT-Branche verzweifelt an ihren Kunden
Von Oliver Wihofszki, Hamburg
In der IT-Branche bestehen Zweifel, ob der Aufschwung in der zweiten Jahreshälfte tatsächlich eintritt. Davon betroffen sind Unternehmen wie SAP, Oracle und Siebel.
Das jüngste Beispiel für die Unsicherheit über die zukünftige Geschäftsentwicklung lieferte Craig Conway, der Chef des US-Softwarekonzerns Peoplesoft. Obwohl der Manager trotz wirtschaftlicher Flaute im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einen Gewinnsprung um 28 Prozent auf 44,5 Mio. $ bekannt gab, sagte Conway: "Wir machen keine Aussage zum zweiten Halbjahr. Wir wissen einfach nicht, wann unsere Kunden wieder mehr investieren werden." Charles Phillips, Analyst von der Investmentbank Morgan Stanley, verstand die Zurückhaltung und sagte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters: "Momentan ist es einfach vernünftig, sich bedeckt zu halten."
Weil Firmenkunden ihre IT-Ausgaben verschieben, musste in der vergangenen Woche auch EDS, der Vorzeigekonzern der IT-Dienstleister, seine Umsatzprognose für dieses Jahr von mindestens 13 Prozent auf "einen hohen einstelligen Prozentsatz" deutlich reduzieren.
Trendwende nicht in Sicht
Die Wirtschaftsflaute und die Unsicherheit über die künftige Geschäftsentwicklung setzt die gesamte IT-Industrie unter Druck. Wegen Geldmangels legen Firmenkunden ihre IT-Investitionen auf Eis. Die Branche wartet deshalb sehnsüchtig auf den Aufschwung. Dann, so die Hoffnung, steige auch die Investitionsbereitschaft der Kunden wieder.
Diese Trendwende ist derzeit allerdings nicht in Sicht. So mussten etwa die amerikanischen Hersteller von Unternehmenssoftware Oracle, Peoplesoft, und Siebel sowie der Weltmarktführer aus Deutschland SAP eingestehen, dass die wichtige Kennzahl über den Umsatz aus neu verkauften Softwarelizenzen im abgeschlossenen Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum dramatisch gesunken ist. SAP verlor zwölf, Peoplesoft 13 Prozent.
Siebel konnte im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahr 26,5 Prozent weniger Umsatz mit Softwarelizenzen erzielen. Dabei galt gerade die von Siebel bediente Sparte von Software zum Kundenmanagement als Wachstumsmarkt der Zukunft. Noch schlimmer erwischte es Oracle. Beim US-Konzern fiel der Umsatz aus Neuverkäufen binnen eines Jahres um 30 Prozent.
Neu verkaufte Programme sind für Softwarehersteller lebenswichtig, weil sich aus den Neugeschäften langfristige Folgeaufträge für Service und Wartung ergeben. Weniger Umsatz mit neuer Software bedeutet, dass mittelfristig auch die Einnahmen aus dem Servicegeschäft einbrechen könnten.
Krise erwischt auch Dienstleister
Die Unsicherheit über künftige Geschäfte hat jetzt sogar IT-Dienstleister erreicht. Lange Zeit galten diese als krisensicher. Doch seit den ernüchternden Quartalszahlen von Accenture, Cap Gemini Ernst & Young, EDS oder der IBM-Sparte Global Services ist klar: Die schlechte Konjunktur hat auch sie erwischt.
Zwar sind nicht alle Unternehmen gleich stark betroffen. Dennoch enttäuschten die großen IT-Dienstleister mit ihren Zahlen und vor allem ihren Prognosen die Erwartungen von Analysten. Die Marktbeobachter der Bank Credit Suisse First Boston betitelte einen europäischen Branchenüberblick mit den Worten: "Eine Fahrt mit angezogener Handbremse".
Dabei gingen Analysten lange Zeit davon aus, dass die Branche sogar von der Krise profitieren könnte, da zum Sparen gezwungene Firmen ihre Computersysteme an IT-Dienstleister auslagern würden. Tatsächlich ist hier das Geschäft stark gewachsen. Doch diese so genannte Outsourcing-Sparte ist nicht mehr in der Lage, die schlechten Geschäfte in den beiden anderen wichtigen Säulen des Dienstleistungsgeschäfts auszugleichen: der Beratung und der Systemintegration.
Jean-Christian Jung, Analyst bei der Unternehmensberatung PAC Group, sagt: "Unternehmen sparen an Beratungsdienstleistungen und investieren kaum Geld in neue Software." Und wer keine neuen Programme kaufen würde, der bräuchte schließlich auch niemanden, der die Neuerwerbungen in bestehende Computersysteme integriert.
© 2002 Financial Times Deutschland