ftd.de, Mi, 12.9.2001, 15:22
Interview: ´Terrorismus den Nährboden entziehen´
Von David Costanzo, Hamburg
Terrorismus droht den klassischen Krieg abzulösen, sagt Friedensforscher Ernst-Otto Czempiel. Der Terror sei viel gefährlicher als alles bisher Erlebte.
"Es wird in Zukunft darauf ankommen, die im Inneren der Länder drohenden Gefahren abzuwehren", sagte Ernst-Otto Czempiel von der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung. Der internationale Terrorismus habe mit den verheerenden Anschlägen in den USA am Dienstag eine neue Dimension erreicht. "Die innere Bedrohung ist - auch in Deutschland - sehr ernst zu nehmen." Der klassische Krieg werde zusehends vom Terrorismus abgelöst. "Und der ist viel gefährlicher als alles, was wir bislang erlebt haben."
Konventionelles Militär hat ausgedient
Zum Schutz der Bürger braucht es nach Ansicht des Friedensforschers weniger konventionelles Militär mit Waffen, "die zur Verteidigung nach Außen gerichtet sind". Die geplante milliardenschwere US-amerikanische Raketenabwehr NMD (National Missile Defense) mit Abschussbasen im All hätte die jüngste Anschlagswelle nicht verhindern können. "Stattdessen müssen die Staaten dem Terrorismus den Boden entziehen, von dem er sich ernährt", sagte Czempiel der Online-Ausgabe der Financial Times Deutschland.
Politische und ökonomische Probleme lösen
Es müssten die Ursachen des Terrorismus bekämpft werden. "Dazu gehören vor allem die ungelösten politischen Probleme im Nahen und Mittleren Osten und die drängenden wirtschaftlichen Probleme Afrikas und Südamerikas", sagte der Experte. Die reichen, westlichen Staaten sollten sich nach Ansicht des Wissenschaftlers stärker zur Lösung der Konflikte einbringen.
"Die Internationale Rassismus-Konferenz hat gezeigt, dass die Industrienationen die Kritik und die Enttäuschung der Entwicklungsländer noch nicht ernst genug nehmen." Bei der UNO-Konferenz der vergangenen Woche in Durban (Südafrika) war ein Streit zwischen westlichen Staaten und Entwicklungsländern um die Rolle der Sklaverei entbrannt.
Keine engere Zusammenarbeit der Staaten
Czempiel glaubt allerdings nicht, dass die internationale Staatengemeinschaft auf absehbare Zeit zur Bekämpfung des Terrorismus stärker zusammenarbeiten wird. In der Reaktion Russlands etwa, das die Attentate in den USA mit ungewohnt scharfen Worten verurteilt habe, sieht Czempiel rein taktisches Kalkül. "Präsident Putin will damit nur seine Tschetschenien-Politik verteidigen und sagen: ´Seht her, wir hatten Recht. Wir müssen mit aller Härte gegen die Terroristen vorgehen.´"
© 2001 Financial Times Deutschland
Interview: ´Terrorismus den Nährboden entziehen´
Von David Costanzo, Hamburg
Terrorismus droht den klassischen Krieg abzulösen, sagt Friedensforscher Ernst-Otto Czempiel. Der Terror sei viel gefährlicher als alles bisher Erlebte.
"Es wird in Zukunft darauf ankommen, die im Inneren der Länder drohenden Gefahren abzuwehren", sagte Ernst-Otto Czempiel von der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung. Der internationale Terrorismus habe mit den verheerenden Anschlägen in den USA am Dienstag eine neue Dimension erreicht. "Die innere Bedrohung ist - auch in Deutschland - sehr ernst zu nehmen." Der klassische Krieg werde zusehends vom Terrorismus abgelöst. "Und der ist viel gefährlicher als alles, was wir bislang erlebt haben."
Konventionelles Militär hat ausgedient
Zum Schutz der Bürger braucht es nach Ansicht des Friedensforschers weniger konventionelles Militär mit Waffen, "die zur Verteidigung nach Außen gerichtet sind". Die geplante milliardenschwere US-amerikanische Raketenabwehr NMD (National Missile Defense) mit Abschussbasen im All hätte die jüngste Anschlagswelle nicht verhindern können. "Stattdessen müssen die Staaten dem Terrorismus den Boden entziehen, von dem er sich ernährt", sagte Czempiel der Online-Ausgabe der Financial Times Deutschland.
Politische und ökonomische Probleme lösen
Es müssten die Ursachen des Terrorismus bekämpft werden. "Dazu gehören vor allem die ungelösten politischen Probleme im Nahen und Mittleren Osten und die drängenden wirtschaftlichen Probleme Afrikas und Südamerikas", sagte der Experte. Die reichen, westlichen Staaten sollten sich nach Ansicht des Wissenschaftlers stärker zur Lösung der Konflikte einbringen.
"Die Internationale Rassismus-Konferenz hat gezeigt, dass die Industrienationen die Kritik und die Enttäuschung der Entwicklungsländer noch nicht ernst genug nehmen." Bei der UNO-Konferenz der vergangenen Woche in Durban (Südafrika) war ein Streit zwischen westlichen Staaten und Entwicklungsländern um die Rolle der Sklaverei entbrannt.
Keine engere Zusammenarbeit der Staaten
Czempiel glaubt allerdings nicht, dass die internationale Staatengemeinschaft auf absehbare Zeit zur Bekämpfung des Terrorismus stärker zusammenarbeiten wird. In der Reaktion Russlands etwa, das die Attentate in den USA mit ungewohnt scharfen Worten verurteilt habe, sieht Czempiel rein taktisches Kalkül. "Präsident Putin will damit nur seine Tschetschenien-Politik verteidigen und sagen: ´Seht her, wir hatten Recht. Wir müssen mit aller Härte gegen die Terroristen vorgehen.´"
© 2001 Financial Times Deutschland