Maulkorb-Verordnung für Politiker
Von Martin Stephan
(gatrixx) Was bei bestimmten Hunderassen in Deutschland inzwischen alltäglich ist, sollte auch für einzelne Politiker bald zum Straßen- oder besser Medienbild gehören: Der Maulkorb! Nun gut: Der Schaden, den die vierbeinige Kreatur rein physisch anrichtet, ist nicht direkt vergleichbar mit dem verbalen Unsinn, der durch die zweibeinige Gattung verursacht wird. Hier handelt es sich eher um Schönfärberei oder Volksverdummung!
Nicht zu Unrecht gibt es derzeit Forderungen von Anlegerschützern dies- und jenseits des Atlantiks, die Zunft der Analysten dingfest zu machen für offensichtlich unsinnige (Kurs-)Prognosen und Einschätzungen. Der verursachte Schaden dieser wirklichen "Nieten in Nadelstreifen" dürfte sich in den vergangenen zwölf Monaten auf Hunderte von Milliarden Dollar belaufen haben, so (teilweise vorsätzlich?) schlecht waren ihre Empfehlungen. Auf die Idee, auch einzelne Politiker für ihre Einschätzungen regresspflichtig zu machen, ist man jenseits des Atlantiks allerdings noch nicht gekommen - aus gutem Grund: In den USA halten sich die Politiker sehr stark mit irgendwelchen aus der Luft gegriffenen Konjunktur- und Kurs-Prognosen zurück. Sie überlassen das lieber den (vermeintlichen) Experten, da ihnen sowieso kaum einer zuhören würde.
Anders natürlich die Situation in Deutschland: Hier werden durch die (Regierungs-)Politik desöfteren Zahlen in den Raum geschleudert, die erst einmal von den Medien und dann von den Menschen aufgesogen und vereinzelt auch geglaubt werden. Bekannt geworden in diesem Zusammenhang sind Gerhard Schröders 3,5 Millionen Arbeitslose, die doch bitte nicht überschritten werden sollten... so in zwölf Monaten. Sieht es für diese Prophezeiung derzeit schon düster aus, so handelt es sich hierbei im Vergleich zur neuesten Äußerung von Wirtschaftminister Müller geradezu um ein Kavaliersdelikt.
Wovon Minister träumen
Wenige Stunden nachdem das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) eine weitere Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in Deutschland zum Jahresende 2001 prognostizierte, und dementsprechend die Jahreswachstumsrate auf nur noch homöopathische 1,0 Prozent senkte, kommt Müller der Konjunktur geradezu herbeigeeilt und sieht das Wachstum im ersten Halbjahr 2002 bei mehr als 3 Prozent.
Machen wir es kurz: Die Herren Politiker und auch die Bürger dieses Landes können sich glücklich schätzen, wenn in den ersten Monaten des kommenden Jahres wenigstens das Vorzeichen beim Wirtschafswachstum positiv ist. Derzeit ist der Trend nach unten gerichtet und ein bevorstehender Trendwechsel ist ebenso wenig wie am Aktienmarkt zu erblicken.
Das müsste eigentlich auch ein Minister Müller wissen und sich entsprechend mit seinen öffentlichen Aussagen zurückhalten. Neben dem Gesichtsverlust in spätestens neun Monaten sollte ihm zusätzlich noch die eine oder andere Klage eines Aktionärs drohen, der sich nämlich eventuell wegen Müllers unsinnigen, da grob fahrlässigen und dann noch öffentlich verlautbarten Wunschdenken und Tagträumen mit Aktien eingedeckt haben könnte.
Da fragt man sich doch: Wovon träumt der Minister und wohl auch andere Teile der Regierung eigentlich erst nachts?