Das Handelsblatt schreibt aber auch dies:
Gruß
EXPRO
Techniker erwarten Bärenmarkt-Rally
ULF SOMMER
HANDELSBLATT, 9.3.2001
DÜSSELDORF. Die Aussichten können kaum schlechter sein: Die Serie negativer Unternehmensmeldungen geht weiter, weil sich die Firmen mit dem starken Vorjahresquartal messen müssen. Gleichzeitig kühlt die Wirtschaft in den USA ab. Darauf deuten zumindest die Stimmungsindikatoren hin. Anleger sehen bei so einem Szenario keinen Grund, Aktien zu kaufen.
Charttechniker legen noch eine negative Schippe drauf: Bei den bereits arg gebeutelten Indizes Nasdaq und Neuer Markt sind die Abwärtstrends intakter denn je. Dem entsprechend erstickt jede Zwischenerholung im Keim, und Kursrückgänge bescheren dem Anleger neue Tiefstände. „Es gibt sehr viele Warnsignale, wie es für eine ausgeprägte Baisse typisch ist“, meint Michael Riesner von der DG Bank.
Dazu gehört auch, dass der Leitindex für Technologiewerte, der Nasdaq Composite, den immerhin zehn Jahre alten Aufwärtstrend nach unten durchbrochen hat. Die flach steigende Linie verläuft derzeit bei gut 2 400 Punkten – also knapp 10 % über dem aktuellen Niveau. „Ebenso wie die fundamentalen Analysten werden auch die Techniker immer pessimistischer. Die Anleger sind es ohnehin bereits“, diagnostiziert Riesner eine sehr negative Börsenstimmung. Und genau die stimmt ihn für die nächsten Monate optimistisch – getreu der Devise des antizyklischen Engagements. Der Markt ist nach den heftigen Kursrückgängen so extrem überverkauft, wie es nur 1974 in der 30-jährigen Nasdaq-Geschichte vorkam. Nach heftigen Verkaufswellen ab März 2000 brach der Index bereits zweimal aus der abwärts gerichteten Linie aus – nach unten in einen steileren Abwärtstrend mit noch intensiverem Verkaufsdruck. Genauso sieht es am deutschen Wachstumsmarkt aus. Der Neue-Markt-Index brach zweimal in einen noch steileren Kanal nach unten aus.
Jede kleinere Erholung würde dazu führen, dass sich viele Leerverkäufer, die auf noch niedrigere Kurse spekulieren, mit Aktien eindecken müssten. Allein die Kraft der „Shortseller“ könnte eine Rally auslösen und den Index wieder in einen flacher verlaufenden Abwärtstrend hineinführen.
Wie die meisten Techniker erwartet Riesner auf Grund der negativen Stimmung und der überverkauften Marktsituation eine Rally – dies allerdings in einem intakten Bärenmarkt. „Die Erholung steht unmittelbar bevor. Sie beginnt schwach und ist im März noch von Rückschlägen gekennzeichnet. Doch wenn die 2 400er-Marke des langfristigen Aufwärtstrends nachhaltig geknackt wird, ist das für Investoren ein Signal zum Einstieg“, sieht Riesner „sehr, sehr gute Zeichen für eine ausgeprägte Bärenmarkt-Rally“.
In Erwartung, dass die Kurse auf Grund der schlechten fundamentalen und charttechnischen Daten weiter fallen, seien viele Anleger nicht investiert. „Gerade deshalb sinken die Kurse nicht weiter“, ist Riesners Szenario. „Im April erwarte ich eine dynamische Aufwärtsbewegung, die den Index schließlich bis auf 3 300 Punkte führen kann.“ Das wäre vom heutigen Niveau eine 50 %ige Erholung.
Alte Höchststände, wie vor einem Jahr (5 132 Punkte) bleiben aber solange in aussichtsloser Ferne, wie die Widerstandsmarke bei derzeit 3 600 Punkten (mittelfristiger Abwärtstrend) und die Höchststände aus der Erholung im vergangenen Sommer (4 289 und 4 259 Punkte) nicht erreicht werden.
Am Neuen Markt wäre eine Trendwende in Richtung alte Höchststände erst bei einem Überwinden der Widerstände aus den Frühlings- und Sommermonaten geschafft. Damals notierte der Nemax-All-Share-Index noch bei über 6 000 Zählern – fast dreimal so hoch wie heute. Angesichts dieser Ausgangslage sehen Charttechniker jede Rally zunächst nur als Erholung innerhalb des Abwärtstrends, der sich seit März 2000 ausgebildet hat.
Weniger optimistisch ist dagegen Stephen Schneider von der WGZ Bank. Zwar rechnet auch er wie viele seiner Kollegen mit einem Zwischenspurt. Dieser könne den Nasdaq-Index bis auf 2 850 Punkte bringen. „Danach geht es aber wieder nach unten. Wahrscheinlich bis auf 1 900 Punkte, maximal bis auf 1 400 Punkte.“ Schneider leitet seine Szenarien aus dem vor allem in den USA gebräuchlichen Elliot-Wellenprinzip ab. Danach vollziehen sich – vereinfacht ausgedrückt – Auf- und Abwärtsbewegungen an der Börse in einem sich wiederholenden Rhythmus: fünf steigende und anschließend drei fallende Wellen. „Eine Abwärtswelle fehlt noch“, prognostiziert Schneider neue Tiefstände beim Nasdaq.
Die erwartet auch Stefan Salomon vom Verband Technischer Analysten Deutschlands. „1 500 Punkte im Nasdaq erreichbar“, warnt Salomon in einer Studie. Sein Szenario beruht auf dem intakten Abwärtstrend, in dem nur „leichte und bisher kraftlose Gegenbewegungen zu sehen sind“. Doch ebenso wie viele Chartkollegen sieht auch Salomon ein „gutes Kaufsignal“, sollte die wichtige 2 400-Punkte-Marke überschritten werden. Der Techniker warnt allerdings vor einem zu frühen Einstieg: „Derzeit sprechen alle Hinweise auf weiterhin fallende Kurse.“
HANDELSBLATT, Freitag, 09. März 2001
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Mit niedrigen Zinsen kommt die Kurswende
CHRISTIAN HALLERBERG
Die lang andauernde Korrekturphase an den Börsen hat vielen Anlegern den Spaß an Aktien verdorben. Doch Experten sehen Licht am Ende des Tunnels. Für die zweite Jahreshälfte erwarten sie ein freundlicheres Börsenklima, angeheizt durch sinkende Leitzinsen und eine wieder anziehende US-Konjunktur.
HANDELSBLATT, 9.3.2001
DÜSSELDORF. Seit nun fast einem Jahr ist an den Börsen der Schwung raus. Vor allem mit den Indizes, in denen viele Technologie-, Medien- und Telekommunikationaktien vertreten sind, ging es bergab. Diese Tendenz hat, wenn man den Hoffnungen der meisten Analysten glaubt, bald ein Ende. Sie erwarten, dass sich die Aktienmärkten zum Sommer hin erholen.
Michael Hartnett, Chefstratege für europäische Aktien bei der Investmentbank Merrill Lynch in London, macht zwei Voraussetzungen für eine Wende an den Börsen aus: Zum einen müssen die wichtigsten Notenbanken, die Europäische Zentralbank (EZB), die US-amerikanische Federal Reserve (Fed) und Bank von Japan die Zinsen weiter senken. Zum anderen muss sich die Wirtschaft in den USA stabilisieren.
Analysten warten auf
Zinsschritt der EZB
Die Notenbanken scheinen ihren Part erfüllen zu wollen: Die japanischen Zentralbanker haben erst Ende Februar ihre Sätze zum zweiten Mal in diesem Jahr gesenkt und sind mit den eher symbolischen Raten wieder fast zu ihrer Null-Zins-Politik zurückgekehrt. Und in den USA hat Fed-Chef Alan Greenspan Hoffnung auf weiter sinkende Zinsen gemacht.
Diesem Trend wird sich auch die EZB nicht widersetzen können. Die Anlagestrategen für Privatkunden der Deutschen Bank erwarten, dass die Euro-Bank ihren Refinanzierungssatz bis zum Sommer um 50 Basispunkte auf 4,25 % senken wird. Im Gegensatz zum vergangenen Jahr erwarten die Experten der Deutschen Bank für 2001 deswegen keine gewinninduzierte Aktienkursentwicklung sondern eine, die von den niedrigeren Zinsen beeinflusst wird.
Patrick Schmidtke, Aktienstratege bei der Commerzbank-Tochter Commerz-Asset-Managers, rechnet auch damit, dass die sich die Aktienmärkte im zweiten Quartal erholen werden. „Man sollte zyklische Werte im Auge behalten“, rät er. Als zyklisch gelten Aktien, die besonders stark von der wirtschaftlichen Entwicklung, dem Konjunkturzyklus, abhängen. „Wenn die Konjunktur, vor allem in den USA, wieder anzieht, dann reagieren die zyklischen Chipwerte am schnellsten“, empfiehlt Schmidtke. Er rät aber auch zu Chemie- und Automobilwerten. Mittelfristig sieht er auch die Technologiewerte positiv, Telekomtitel hat er weiterhin übergewichtet.
Aus defensiven Werten wie Pharma-Aktien ist er bereits herausgegangen. Zwar rechnet er dort mit weiterem Wachstum, aber der „Sichere-Hafen-Effekt“ werde künftig bei diesen Werten keine große Rolle mehr spielen. Der Hintergrund: In unsicheren Börsenzeiten waren defensive Titel gesucht, da diese wertstabilen Aktien Schutz vor allzu großen Kursverlusten boten.
Verhaltener schätzt Aktienstratege Klaus Schlote von Dresdner Kleinwort Wasserstein die Lage ein. „Die Situation ist unsicher, es gibt noch Revisionsbedarf bei den Gewinnerwartungen, besonders mit Blick auf 2002.“ Zwar rechnet auch er damit, dass die EZB im Verlauf des zweiten Quartals die Zinsen senken wird, das werde aber eher nur stabilisierend wirken. Vor einer nachhaltigen Kurssteigerung müssten erst strukturelle Defizite wie Überkapazitäten behoben werden.
Mit Rückenwind für die US-Wirtschaft rechnen die Aktienstrategen Neil Williams und Alain Kerneis von Goldman Sachs in ihrer Studie von Mitte Februar. Die Geldpolitik habe mittlerweile die Liquiditätsbremsen spürbar gelockert. Sie empfehlen Anlagen in Techwerte – allerdings außerhalb Europas, denn dort erwarten sie noch Gewinnwarnungen.
Interessant sei auch die Finanzbranche. Bei zyklischen Werten, die sie ebenfalls empfehlen, legen die Goldman-Sachs-Experten ihren Schwerpunkt auf Europa. Defensive Titel und Energieaktien gewichten Williams und Kerneis unter.
Dass die zyklischen Werte die Profiteure der Börsenwende sind, glaubt auch Merrill Lynch Spezialist Hartnett. Dabei unterscheidet er in Zykliker der New und der Old-Economy. Die TMT-Aktien der New-Economy werden seiner Meinung nach besonders kurzfristig von den gesunkenen Zinsen und einer stabilen Nachfrage in den USA profitieren, schließlich haben sie in der Vergangenheit am meisten von ihren Kurshöchstständen abgeben müssen. Die Zykliker der Old-Economy werden dagegen eher mittel bis langfristig von den besseren Rahmenbedingungen profitieren, dafür aber nachhaltiger. „Es hat bei den zyklischen Werten der Old-Economy einen stillen Umstrukturierungsprozess gegeben, der es ihnen ermöglicht, zu profitieren, wenn die Weltnachfrage steigt“, meint Hartnett. Die Überkapazitäten sieht der Merrill Lynch-Stratege eher bei den TMT’s: „Wir brauchen nicht mehr Mobiltelefone als wir Ohren haben.“
HANDELSBLATT, Freitag, 09. März 2001