15.07.2004 09:48:27
In Indien boomt die Wirtschaft. Die Experten rechnen in den kommenden Jahren mit Wachstumsraten von sechs bis sieben Prozent. Und wie in China wächst auch in Indien die kaufkräftige Mittelschicht. Das indische Wirtschaftsforschungsinstitut National Council of Applied Economic Research schätzt, dass aktuell 300 Millionen Inder ein jährliches Einkommen zwischen 2000 und 4000 Dollar beziehen. Bis 2006 soll die Zahl auf 445 Millionen anwachsen.
Schere zwischen Arm und Reich
Die steigenden Gehälter eröffnen zum Beispiel der Automobilbranche allgemein und speziell Unternehmen wie Tata Motors riesige Chancen. Denn bislang kommen im Schnitt auf 1000 Inder nur sechs Autos. Doch nach wie vor klaffen die Einkommen weit auseinander. So müssen immer noch 40 Prozent der Bevölkerung mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen. Auf der anderen Seite gibt es einen immensen Reichtum.
Stahlbaron Lakshmi Mittal richtet Hochzeit für 64 Millionen Euro aus
So sorgte der indische Stahlbaron Lakshmi Mittal jüngst für Aufsehen. Er ließ für die sechs Tage dauernden Hochzeitsfeiern seiner Tochter Vanisha rund 64 Millionen Euro springen. Die 6000 Gäste wurden unter anderem von der Sängerin Kylie Minogue unterhalten. Zur Erinnerung: Die Kosten der spanischen Traumhochzeit von Kronprinz Felipe beliefen sich lediglich auf 24 Millionen Euro.
Wipro-Chef Azim Premji tritt bescheiden auf
Deutlich bescheidener als Lakshmi Mittal tritt dagegen Azim Premji auf. Trotz eines geschätzten Vermögens von rund sieben Milliarden Dollar fliegt der Chef des Software-Konzerns Wipro Economy-Class und steigt bevorzugt in Mittelklassehotels ab. Nur wenn er nicht abhebe, könne er die Jugend motivieren, ihm nachzueifern und selbst unternehmerisch tätig zu werden.
Neuer Haushalt von Ministerpräsident Manmohan Singh
Doch vielen Menschen in Indien fehlen hierfür die Grundvoraussetzungen wie Lesen und Schreiben. Die durchschnittliche Analphabetenrate liegt bei Männern bei 24 Prozent und bei Frauen bei 45 Prozent. Die im Mai neu an die Macht gekommene Regierung von Ministerpräsident Manmohan Singh will dies nun ändern. Der am Donnerstag vergangener Woche vorgestellte Haushalt sieht Milliardenausgaben für die Armutsbekämpfung, für die Gesundheit und die Bildung vor.
Kein Beifall der Anleger
Bei den Anlegern stoßen die Pläne nur bedingt auf Beifall. Sie fürchten zum einen eine Ausweitung der Verschuldung. Mit einem Haushaltsdefizit von fast zehn Prozent liegt Indien im internationalen Vergleich an der Spitze. Zum anderen plant Singh, sowohl die Einkommens- als auch die Unternehmenssteuern zu erhöhen.
Regierung will die Liberalisierungspolitik fortsetzen
Dennoch: Die Pläne der Regierung gehen in die richtige Richtung. Zwar werden die Steuern auf Dienstleistungen um ein Fünftel erhöht. Doch ein großer Teil der Mittel wird zum Ausbau der Infrastruktur verwendet. Zudem will die Regierung die Liberalisierungspolitik fortsetzen. So werden die Höchstgrenzen für Beteiligungen von Auslandsinvestoren im Telekom- und im Versicherungsbereich kräftig angehoben. Und trotz des Widerstands der Kommunisten will die Regierung weiter Privatisierungsvorhaben durchsetzen. Fünf Prozent des Stromkonzerns National Thermal Power sollen demnächst an die Börse in Bombay gebracht werden.
"Das Budget Singhs zielt auf sozialen Ausgleich. Die Notwendigkeit weiterer Wirtschaftsreformen hat man aber erkannt"
Auch die Sozialprogramme liefern den Investoren keinen Grund, sich vom indischen Aktienmarkt zurückzuziehen. "Das Budget Singhs zielt auf sozialen Ausgleich. Die Notwendigkeit weiterer Wirtschaftsreformen hat man aber erkannt", sagt Monika Stärk, Geschäftführerin des Ostasiatischen Vereins. Politische Stabilität, mehr Chancen für die Jugend Indiens und der angestrebte Ausgleich mit dem Nachbarn Pakistan schaffen also gute Voraussetzungen für einen lang anhaltenden Aufschwung in Indien.
Die Börsenschwäche dürfte nur vorübergehend sein
Zudem gibt es viele indische Unternehmen, die kräftig wachsen. Vor allem im Software-Bereich, der von den Outsourcing-Tendenzen des Westens profitiert. Auch die indische Biotech-und Pharmaindustrie boomt. Die durch Chinas Abkühlung und Indiens neue Regierung ausgelöste Schwäche der Börsen in Hongkong und Bombay dürfte daher nur vorübergehend sein. Auch der Blick auf andere Länder des Kontinents lohnt. Der mögliche Gewinner der Präsidentenwahl in Indonesien, Ex-General Bambang Yudhoyono, tritt an, den Reformstau in seinem Land aufzulösen.
Anmerkung: Eine Übersicht mit Indien- und Asien (ex Japan)-Fonds finden Sie als PDF im Dateianhang.
www.fundresearch.de/startseite/pdf/...04_Asien%20Indien%20.pdf
Quelle: www.finanzen.net