Dr. Bernd Niquet bei boerse.de
Endlich gibt es Entwarnung für unsere geschundenen Anlegerseelen! Natürlich haben wir alle ein bisschen übertrieben, ein wenig überspekuliert in den goldenen Jahren vor der Jahrtausendwende, doch im Endeffekt sind wir gar nicht die Schuldigen der gegenwärtigen Malaise! Denn überall – und natürlich auch auf dieser Internetseite – wird uns gegenwärtig von prominenter Seite die Lektion übermittelt, der wahre Schuldige der gegenwärtigen Börsenkrise säße in den USA und hieße Alan Greenspan. Nur durch seine „unverantwortliche Geldpolitik“, so die Auguren, hat es nämlich die Spekulationsblase gegeben, an deren Platzen wir derzeit alle so zu knabbern haben.
„Juchhu!“ können wir nun alle laut herausschreien. Die Entwarnung ist da! „Ich bin´s nicht, Alan Greenspan ist es gewesen.“
Doch wie kommt man eigentlich auf eine derartige These? Finden wir hier eine völlig neuartige ökonomische Theorie? Gar eine neue Form des Antiamerikanismus? Oder etwa noch viel Schlimmeres? Ich bin´s nicht, Alan Greenspan ist es gewesen. Haben wir das nicht schon einmal ganz woanders gehört?
Vor der theoretischen Debatte sollten wir auf jeden Fall erst einmal ausgiebig jubeln:
Haben wir uns nicht vielleicht alle fürchterlich dämlich verhalten, uns von den Gegebenheiten, den Bankanalysten und Medien in so schlimmer Weise missbrauchen zu lassen? Aber Nein: Ich bin´s nicht, Alan Greenspan ist es gewesen.
Sind wir nicht alle kollektiv in die Falle getappt, die uns unsere Gier des schnellen Reichwerdens selbst gestellt hat? Aber nein: Ich bin´s nicht, Alan Greenspan ist es gewesen.
Unter ökonomischen Laien, die niemals eine Universität besucht haben, sowie im Kreise derjenigen, die solche Grenzfächer wie „Betriebswirtschaftslehre“ studiert haben, kursiert eine Theorie, die etwa folgendermaßen lautet: Ist viel Geld auf der Suche nach wenig Gütern, dann gibt es Inflation – entweder in den Finanzmärkten oder in der Realwirtschaft. Ist hingegen wenig Geld auf der Suche nach vielen Gütern, dann beobachten wir das umgekehrte Phänomen, nämlich sinkende Preise in mindestens einem der beiden Bereiche.
Diese „Theorie“ Theorie zu nennen, ist nun bereits ein unverdientes Kompliment. Denn hier wird nur die Quantitätsgleichung (nach der alle Umsätze in einer Volkswirtschaft stets der Geldmenge multipliziert mit der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes), die eine immer geltende Identität darstellt, durch Konstantsetzung der Umlaufsgeschwindigkeit zur Schmalspur-„Theorie“ umfunktioniert. Auf unser normales Leben übertragen, bedeutet diese „Theorie“ in etwa das Gleiche, als wenn ich sagen würde: Da morgens stets die Sonne aufgeht, ist auf der ganzen Welt immer Vormittag.
Ich weiß, dass diese Ausführungen arrogant klingen. Doch die Wahrheit tut manchmal fürchterlich weh. Und so müssen sich denn auch die Kritiker von Alan Greenspan einmal im Ernst fragen, ob sie mit ihrer schönen „Theorie“, die tatsächlich nur einen kleinen Teil der Wirtschaftswirklichkeit abbildet – nämlich den „Vormittag“ – tatsächlich die Weltgeschichte richten wollen.
Der ökonomische Mittag, Nachmittag, Abend, wie auch die ökonomische Nacht, sehen nämlich völlig anders aus. Um es in der gebotenen Kürze ganz einfach auszudrücken: Durch eine expansive Geldpolitik kann man zwar in Not geratene Marktteilnehmer – im Rahmen von neuen Notenbankkrediten – vor der Pleite schützen, doch mit einer expansiven Geldpolitik kann man niemals eine Hausse initiieren. Denn die Geldpolitik wirkt in den Finanzmärkten ebenso wie in der Realwirtschaft stets nur wie ein Faden, an dem man zwar ziehen, mit dem man jedoch nichts und niemanden anschieben kann. Alan Greenspan hätte die Börsenkrise also immens verschlimmern können, eine Urheberschaft ist ihm jedoch nur von den Anhängern der Flat-Earth-Society nachzuweisen.
Doch was rege ich mich eigentlich auf? Vielleicht sollte ich mich daher lieber an die Weisheit des größten Geldtheoretiker der Neuzeit, John Maynard Keynes, halten und mit den Wölfen heulen. Denn „konventionelle Weisheit rät uns“, so Keynes, „dass es besser für den Ruf ist, konventionell zu versagen, als unkonventionell erfolgreich zu sein.“ Also: Auch ich bin´s nicht, Alan Greenspan ist es gewesen. Und schon sind auch meine eigenen Verluste gleichsam in der selben Art und Weise wie diejenigen der Fondsmanager plötzlich „sozialisiert“. Zumindest mental. Aber das ist doch immerhin schon etwas.
Bernd Niquet, im November 2002
Lesen Sie zu diesem Thema auch Bernd Niquets aktuellen Roman "Der Zauberberg des Geldes". Darin fuhrwerkt Alan Greenspans Alter Ego mit Namen „Abraham Grünspan“ tatsächlich in wilder Manier wie ein Berserker durch die Weltgeschichte. Überall im Buchhandel, FinanzBuch Verlag, München 2002, 208 Seiten, Euro 17, ISBN 3-932114-69-8.
uf wiedrluagn jack
Endlich gibt es Entwarnung für unsere geschundenen Anlegerseelen! Natürlich haben wir alle ein bisschen übertrieben, ein wenig überspekuliert in den goldenen Jahren vor der Jahrtausendwende, doch im Endeffekt sind wir gar nicht die Schuldigen der gegenwärtigen Malaise! Denn überall – und natürlich auch auf dieser Internetseite – wird uns gegenwärtig von prominenter Seite die Lektion übermittelt, der wahre Schuldige der gegenwärtigen Börsenkrise säße in den USA und hieße Alan Greenspan. Nur durch seine „unverantwortliche Geldpolitik“, so die Auguren, hat es nämlich die Spekulationsblase gegeben, an deren Platzen wir derzeit alle so zu knabbern haben.
„Juchhu!“ können wir nun alle laut herausschreien. Die Entwarnung ist da! „Ich bin´s nicht, Alan Greenspan ist es gewesen.“
Doch wie kommt man eigentlich auf eine derartige These? Finden wir hier eine völlig neuartige ökonomische Theorie? Gar eine neue Form des Antiamerikanismus? Oder etwa noch viel Schlimmeres? Ich bin´s nicht, Alan Greenspan ist es gewesen. Haben wir das nicht schon einmal ganz woanders gehört?
Vor der theoretischen Debatte sollten wir auf jeden Fall erst einmal ausgiebig jubeln:
Haben wir uns nicht vielleicht alle fürchterlich dämlich verhalten, uns von den Gegebenheiten, den Bankanalysten und Medien in so schlimmer Weise missbrauchen zu lassen? Aber Nein: Ich bin´s nicht, Alan Greenspan ist es gewesen.
Sind wir nicht alle kollektiv in die Falle getappt, die uns unsere Gier des schnellen Reichwerdens selbst gestellt hat? Aber nein: Ich bin´s nicht, Alan Greenspan ist es gewesen.
Unter ökonomischen Laien, die niemals eine Universität besucht haben, sowie im Kreise derjenigen, die solche Grenzfächer wie „Betriebswirtschaftslehre“ studiert haben, kursiert eine Theorie, die etwa folgendermaßen lautet: Ist viel Geld auf der Suche nach wenig Gütern, dann gibt es Inflation – entweder in den Finanzmärkten oder in der Realwirtschaft. Ist hingegen wenig Geld auf der Suche nach vielen Gütern, dann beobachten wir das umgekehrte Phänomen, nämlich sinkende Preise in mindestens einem der beiden Bereiche.
Diese „Theorie“ Theorie zu nennen, ist nun bereits ein unverdientes Kompliment. Denn hier wird nur die Quantitätsgleichung (nach der alle Umsätze in einer Volkswirtschaft stets der Geldmenge multipliziert mit der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes), die eine immer geltende Identität darstellt, durch Konstantsetzung der Umlaufsgeschwindigkeit zur Schmalspur-„Theorie“ umfunktioniert. Auf unser normales Leben übertragen, bedeutet diese „Theorie“ in etwa das Gleiche, als wenn ich sagen würde: Da morgens stets die Sonne aufgeht, ist auf der ganzen Welt immer Vormittag.
Ich weiß, dass diese Ausführungen arrogant klingen. Doch die Wahrheit tut manchmal fürchterlich weh. Und so müssen sich denn auch die Kritiker von Alan Greenspan einmal im Ernst fragen, ob sie mit ihrer schönen „Theorie“, die tatsächlich nur einen kleinen Teil der Wirtschaftswirklichkeit abbildet – nämlich den „Vormittag“ – tatsächlich die Weltgeschichte richten wollen.
Der ökonomische Mittag, Nachmittag, Abend, wie auch die ökonomische Nacht, sehen nämlich völlig anders aus. Um es in der gebotenen Kürze ganz einfach auszudrücken: Durch eine expansive Geldpolitik kann man zwar in Not geratene Marktteilnehmer – im Rahmen von neuen Notenbankkrediten – vor der Pleite schützen, doch mit einer expansiven Geldpolitik kann man niemals eine Hausse initiieren. Denn die Geldpolitik wirkt in den Finanzmärkten ebenso wie in der Realwirtschaft stets nur wie ein Faden, an dem man zwar ziehen, mit dem man jedoch nichts und niemanden anschieben kann. Alan Greenspan hätte die Börsenkrise also immens verschlimmern können, eine Urheberschaft ist ihm jedoch nur von den Anhängern der Flat-Earth-Society nachzuweisen.
Doch was rege ich mich eigentlich auf? Vielleicht sollte ich mich daher lieber an die Weisheit des größten Geldtheoretiker der Neuzeit, John Maynard Keynes, halten und mit den Wölfen heulen. Denn „konventionelle Weisheit rät uns“, so Keynes, „dass es besser für den Ruf ist, konventionell zu versagen, als unkonventionell erfolgreich zu sein.“ Also: Auch ich bin´s nicht, Alan Greenspan ist es gewesen. Und schon sind auch meine eigenen Verluste gleichsam in der selben Art und Weise wie diejenigen der Fondsmanager plötzlich „sozialisiert“. Zumindest mental. Aber das ist doch immerhin schon etwas.
Bernd Niquet, im November 2002
Lesen Sie zu diesem Thema auch Bernd Niquets aktuellen Roman "Der Zauberberg des Geldes". Darin fuhrwerkt Alan Greenspans Alter Ego mit Namen „Abraham Grünspan“ tatsächlich in wilder Manier wie ein Berserker durch die Weltgeschichte. Überall im Buchhandel, FinanzBuch Verlag, München 2002, 208 Seiten, Euro 17, ISBN 3-932114-69-8.
uf wiedrluagn jack