In einem anderen Forum wurde zu Hypoport infrage gestellt, warum sie sich mit ihren Neuinvestitionen in "fintechferne" Bereiche wie Immobilienvaluierung begeben, wo auch viel "manuell" gemacht werden muss.
Tatsächlich muss man sich bei solchen Akquisitionen in benachbarte Bereiche die Frage stellen, ob hier "horizontale" Erweiterungen als sinnloses Empirebuilding genutzt werden. (Angebliche Motivation meistens "Diversifizierung").
Ich denke diese Sichtweise auf die Immobilienvaluierung verkennt hier jedoch die wahre strategische Intention. Hypoport geht es in meinen Augen nicht darum, wahllos in benachbarte Produktmärkte einzusteigen um sein Cash loszuwerden. Vielmehr sind dies in meinen Augen "vertikale" Investitionen, um einen größeren Teil der Wertschöpfungskette zu erobern.
Diese Vermutung lässt sich durch die Struktur der neuen Europace Version untermauern, die gerade in der Entwicklung ist. Europace 3 wird deutlich tiefer in die Kerngeschäfte der Banken einsteigen und damit Schalterbeamten immer mehr obsolet machen. Ich zitiere aus der letzten Roadshow mit Oddo Seydler:
"Europace 3: Hypoport is currently developing the third version of Europace, which will replace Europace 2 in about 5 years. In particular, the focus of Europace 3 will be (1) predicting credit scores of customers with a high reliability, and (2) estimating the probability of a closing with a particular customer to support the sales force to allocate its resources accordingly. Europace 3 will also likely have the option to close a mortgage contract purely online, i.e. without human-to-human interaction." (Quelle: www.hypoport.de/hypoport/uploads/2016/11/...r_HypoportAG.pdf)
Mit anderen Worten: der Zukauf im Bereich Valuierung (der noch durch einen weiteren ergänzt werden soll) ist keine "Diversifizierung" außerhalb des eigentlichen Geschäfts. Vielmehr ist das Kerngeschäft und erlaubt es Hypoport, Prozesse zu automatisieren und in seiner Software abzubilden, die heute noch manuell durch Kundenberater stattfinden. So kommt man immer tiefer in die Prozesse der Banken rein.
Da Immobilienbewertung eine "big data" Kernanwendung ist und Hypoport mit Europace auf dem größten Datenpool Deutschlands sitzt, werden es Mitbewerber schwer haben, da mitzuhalten. Rein "manuelle" Valuierung (die bankeninterne Lösung) wird da schon gar nicht mitstinken können.
Wie weit Europace in die Prozesse eindringen kann, wird man sehen. Aber die Strategie ist in meinen Augen ganz klar: Am Ende des Tages will man mit Europace das "Frontend" der Kreditvergabe fast komplett automatisieren (genauso wie das Onlinebanking bereits den Bankschalter ersetzt hat). Sprich: man will Banken für das Massengeschäft langfristig auf die Rolle eines reinen Kapitalgebers zurückstutzen.
Ob das so weit gehen wird, wird man sehen. Mein persönlicher Investmentcase beruht jedenfalls nicht auf einem solch optimistischen Szenario. Denn dann würde Europace nicht nur wie jetzt 0,1% der Wertschöpfung für sich vereinnahmen, sondern wäre ein dickes Milliardenunternehmen im DAX.
Aber jedenfalls ist das meine persönliche Interpretation, warum Hypoport in die Immobilienbewertung und andere scheinbar nicht zur Software passende klassische Bankfelder eintritt.