Hätte das Bundesfinanzministerium die akute Krise bei der Hypo Real Estate (HRE) abwenden können?
report MÜNCHEN liegt ein interner Prüfbericht der Bankenaufsicht BaFin vor, in dem spätestens im August 2008 auf hohe Risiken bei der irischen HRE-Tochter Depfa Bank hingewiesen wurde. In Berlin hat man die Warnhinweise laut den report-Recherchen angeblich einfach abgeheftet.
Die erste Nachricht über die Fast-Pleite des Münchner Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate hatte das Finanzministerium am 29. September 2008 veröffentlicht. Seitdem musste die HRE mit staatlichen Garantien und Geld in Höhe von insgesamt 92 Milliarden Euro vor dem Kollaps bewahrt werden, nachdem die Tochter Depfa infolge der US-Immobilienkrise und der Pleite der US-Bank Lehman Brothers in massive Zahlungsschwierigkeiten geraten war.
Besorgte Prüfer in Irland
Nach Recherchen von report München waren bereits am 27. Februar 2008 Bundesbanker der Außenstelle München im Auftrag der Bankenaufsicht ins irische Dublin gereist, um dort die Depfa unter die Lupe zu nehmen. Wie es im Abschlussbericht der Prüfer heißt, wurden bei der irischen Bank eine "umfangreiche, kurzfristige unbesicherte Refinanzierung" festgestellt und auf die daraus resultierenden "schwerwiegenden Folgen" hingewiesen. Im Klartext: Bei der Depfa gab es hohe Risiken bei wenig Sicherheiten. Das abschließende Ergebnis der Prüfer war dem Bundesfinanzministerium am 18. August mitgeteilt worden.
Die Risiko-Einschätzung der Irland-Besucher ist nach Ansicht von Professor Udo Reifner vom Hamburger Institut für Finanzdienstleistungen (iff) ein klarer Hinweis auf die spätere Krise bei der Depfa: "Wenn die kurzfristige Refinanzierung plötzlich ins Stocken kommt, dann ist man insolvent".
"Ein Skandal sondergleichen"
Bildunterschrift: Volker Wissing (FDP) wirft Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) "totale Desinformation" vor.
Die alarmierenden Prüfberichte wurden nach Angaben des Bundesfinanzministeriums beim zuständigen Fachreferat abgeheftet - "aufgrund einer anfangs missverständlichen Information der Leitung durch die Fachebene", wie report München auf Nachfrage erfuhr. Die Leitung des Ministeriums sei mit dem Vorgang nicht befasst worden, hieß es weiter. Der FDP-Obmann im Finanzausschuss des Bundestags, Volker Wissing, hält dies jedoch für eine "totale Desinformation des Bundesfinanzministers". Es sei absurd, dass "man erst die Deutsche Bundesbank nach Irland schickt, die Depfa zu prüfen, dann dort große systematische Risiken feststellt, dieses dann dem Bundesfinanzminister mitteilt - und das dann angeblich abgeheftet wird". Und selbst wenn dies zuträfe, "wäre das ein Skandal sondergleichen".
Alte Ansprüche verjährt
Hintergrund
Pfandbriefe
Ein Zusammenbruch des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate würde den weltweit sehr renommierten deutschen Pfandbriefmarkt beschädigen. Bei Pfandbriefen handelt es sich um festverzinsliche Wertpapiere, die von dazu berechtigten Banken ausgegeben werden. Neben Hypothekenpfandbriefen gibt es Schiffspfandbriefe und Öffentliche Pfandbriefe. Falls eine Pfandbriefbank insolvent wird, steht den Wertpapier-Inhabern eine sogenannte Deckungsmasse zur Verfügung. Bei Hypothekenpfandbriefen besteht diese Deckungsmasse aus den Darlehensforderungen, die durch die Grundschulden auf die Grundstücke abgesichert sind.
Dass das Bundesfinanzministerium die Beinahe-Pleite der HRE erst Ende September bekanntgab, ist für den Finanzrechtsexperten Professor Hans Peter Schwintowski vermutlich kein Zufall. Just an jedem 29. September 2008 verjährten die Schadensersatzansprüche der Altgläubiger der aus der HypoVereinsbank hervorgegangenen HRE. "Es ist schon erstaunlich, dass man es ausgerechnet an dem Tag tut, an dem diese Frist abgelaufen ist", so Schwintowski.
Auf Nachfrage von report MÜNCHEN zu diesem Stichtag teilte das Bundesfinanzministerium mit: "Zur Frage, ob die Geschäftsleitung der HRE der Öffentlichkeit bewusst Informationen zurückgehalten hat, kann das BMF - auch mit Hinweis auf das laufende Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft München gegen ehemalige Mitglieder der Geschäftsführung der HRE - nicht Stellung nehmen."
Weitere HRE-Vorstände müssen gehen
Bei der Hypo Real Estate geht unterdessen das Stühlerücken weiter. Die früheren Vorstandsmitglieder mussten bis auf wenige Ausnahmen die Bank bereits verlassen, jetzt nehmen auch die drei letzten Manager, die aus der Zeit vor der Krise noch übrig waren, ihren Hut. Bettina von Österreich, bisher zuständig fürs Risiko-Management, geht nach Angaben der HRE aus persönlichen Gründen. Ende Januar werden auch Robert Grassinger und Cyril Dunne ihre Vorstandssessel bei der HRE räumen. Dunne wird sich aber nicht ganz vom Unternehmen zurückziehen: Wie ein Sprecher mitteilte, soll er weiterhin die irische Tochter Depfa führen.