HV-Bericht Netlife AG
Zur zweiten ordentlichen Hauptversammlung des Softwareanbieters Netlife AG fanden sich am 22. Mai 2001 etwa 150 Aktionäre, Aktionärsvertreter und Gäste, darunter auch Jens Gibbels als Berichterstatter für GSC Research im Hamburger SAS Radisson Hotel ein.
Nachdem vor allem wegen der gescheiterten Expansion ins Ausland die Ergebnisprognosen des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Claus Müller erneut nicht eingehalten werden konnten, stürzte der Kurs, der am Neuen Markt notierten Netlife-Aktie, von 22 Euro zum Zeitpunkt der letzten Hauptversammlung im Juni 2000 bis auf ein All-Time-Low von 2 Euro Anfang April 2001 ab. Bis zur diesjährigen Hauptversammlung stieg der Kurs dann wieder auf über 7 Euro an.
Nachdem bis auf die Vorstandsvorsitzende Frau Christel Feederle alle Vorstandsmitglieder ausgetauscht wurden, auch der Aufsichtsrat mit einem entsprechenden Beschluss zur Neuwahl auf der Hauptversammlung neu besetzt werden sollte und die Netlife AG einen neuen Mehrheitsaktionär bekommen hatte, konnten die gebeutelten Aktionäre gespannt sein, ob nach dem personellen auch ein geschäftlicher Neuanfang in Aussicht stand.
Der Aufsichtsratsvorsitzende Herr Wolfgang Dernbach eröffnete die Versammlung um kurz nach 10.00 Uhr und übergab das Wort nach Abhandlung der üblichen Formalien an die Vorstandsvorsitzende Frau Christel Feederle.
Bericht des Vorstands
Frau Feederle begann ihren freie vorgetragenen Bericht mit einer Vorstellung ihres Unternehmens. Die Netlife AG sei 1996 gegründet worden und am 1. Juni 1999 an den Frankfurter Neuen Markt gegangen. Der neue Mehrheitsaktionär sei Herr Hans-Werner Maas. Die Netlife AG sei der Partner für Softwarelösungen "rund ums Konto", "rund ums Depot" und "rund um die Finanzierung". Man unterstütze Finanzdienstleister mit Multikanalvertriebsstrategie, das heißt vor allem Banken, die ihren Kunden mehrere Möglichkeiten des Zugangs, wie Filiale, Telefon oder Handy, Internet oder SB-Terminal bieten wollen.
Eine Fußballtrainerweisheit laute "Jedes Spiel ist schwierig", so Frau Feederle, dies gelte auch für jedes Geschäftsjahr. Nicht nur das abgelaufene sondern auch das Geschäftsjahr 2001 werde schwierig, das heiße aber nicht unmöglich. Der Umsatz sei im Geschäftsjahr 2000 gegenüber dem Jahr 1999 um das 2,5-fache auf 19,428 Millionen Euro gestiegen, davon seien 14,6 Millionen Euro in Zentraleuropa, der Rest international erzielt worden. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung, Vertrieb und Marketing und die allgemeine Verwaltung seien sehr hoch gewesen, dies habe zu einem Betriebsergebnis von -15,544 Millionen Euro geführt.
Vor allem die Auslandsniederlassungen in USA, Asien, im Mittleren Osten und Südafrika sowie in West- und Südeuropa hätten hohe Kosten verursacht und seien teilweise an das lokale Management verkauft, teilweise geschlossen worden. Die Bilanz würde jetzt aber keine versteckten Risiken mehr enthalten. Nach wie vor habe man keine Bankkredite.
In der AG habe man bei der Netlife Internet Consulting und Software GmbH, in der neben drei verbliebenen Auslandstöchtern das operative Geschäft von Netlife gebündelt ist, eine Wertberichtigung von knapp 38 Millionen Euro durchführen müssen. Die Zahl der Mitarbeiter habe 244 betragen, davon waren 92 bei den Auslandstöchtern beschäftigt gewesen, zum Jahresende, das heißt nach Abgabe der Auslandstöchter, hätte die Netlife AG noch 130 Mitarbeiter gehabt.
Wichtige Kennzahlen zum 1. Januar 2001 seien die Liquidität mit 4,9 Millionen Euro, der Auftragsbestand mit 5,66 Millionen Euro und die "Hot Prospects", das heißt angekündigte Aufträge, die mit mehr als 90 Prozent Wahrscheinlichkeit auch erteilt werden, mit 6 Millionen Euro. Namhafte Kunden seien die Deutsche Postbank AG mit ihrer Direct Brokerage-Sparte easytrade, die dvg Hannover, eines der größten Rechenzentren der Sparkassenorganisation, die Bankgesellschaft Berlin, die Stadtsparkasse Hannover und die Hamburgische Landesbank.
Zusammengefasst habe Netlife im Geschäftsjahr 2000 in Zentraleuropa eine gute Ausgangsposition geschaffen, große Online-Institute, wie Postbank und dvg, als Referenzkunden gewonnen, die Netlife Direct Brokerage-Software beim Börsengang der Post im November 2000 "leistungsgeprüft", Folgeaufträge für 2001 seien bereits erteilt worden. Außerdem habe man die Re- und Umstrukturierungsmaßnahmen bis Ende 2000 fast abgeschlossen und nahezu sämtliche Auslandsaktivitäten verkauft oder geschlossen.
Der Geschäftsverlauf im ersten Quartal 2001, so die Vorstandsvorsitzende, sei mit 44 Prozent Umsatzwachstum gegenüber dem Vorjahreszeitraum und dem Erreichen des Break Even erfolgreich gewesen. Frau Feederle bedankte sich an dieser Stelle bei ihren Mitarbeiter, von denen wohl einige nicht an den Break Even bereits im ersten Quartal geglaubt, die aber trotzdem mitgemacht hätten.
Bei einem Rohertrag von 2 Millionen Euro im ersten Quartal 2001 sei der Aufwand für Forschung/Entwicklung, Vertrieb/Marketing und allgemeine Verwaltung stark reduziert worden. In Folge dessen habe Netlife ein EBIT von 78.000 Euro und ein Konzernergebnis von 15.000 Euro erzielt. In der Bilanz habe sich die Liquidität weiter auf 2,431 Millionen Euro reduziert, dabei seien aber "sehr werthaltige" bereits fakturierte Forderungen in Höhe von 4,166 Millionen Euro zu berücksichtigen. Zum Teil hätten Aufträge erst zum Ende des ersten Quartals fakturiert werden können. Der Auftragsbestand betrage 5,111 Millionen Euro, die "Hot Prospects" 6,215 Millionen Euro. Zum 31. März 2001 würde Netlife 133 Mitarbeiter beschäftigen.
Das Ziel für das gesamte Geschäftsjahr 2001 sei ein Umsatz von knapp 20 Millionen Euro, entsprechend einer Steigerung um 30 Prozent gegenüber dem Umsatz im Jahr 2000 ohne die abgegebenen Auslandstöchter. Für das Konzernergebnis rechne man mit 120.000 Euro. Das Wachstum wolle man durch den direkten Vertrieb der eigenen Produkte, insbesondere im Ausland aber auch durch die Zusammenarbeit mit Partnern erzeugen. Die Gründung neuer Auslandstöchter sei nicht vorgesehen.
Die Produkte würden auf die Multikanalvertriebsstrategie der Banken ausgerichtet, die Produktivität solle deutlich erhöht werden, so dass bei gleichbleibender Kostenstruktur 2001 ein ausgeglichenes Ergebnis erreicht werden könne. Die Anzahl der Mitarbeiter solle auf 150 aufgestockt werden, dies sei eine Anzahl von neuen Mitarbeitern, die das Unternehmen zusätzlich verkraften könne. Mit der dvg Hannover werde die Zusammenarbeit nach Abschluss eines Rahmenvertrags intensiviert.
Bereits am Montag, dem 21. Mai 2001, sie die geplante Zusammenarbeit mit der Signal Iduna Venture Capital GmbH bekannt gegeben worden. In einem "Letter of Intent" sei festgelegt worden, dass gemeinsam eine Plattform für Bankgeschäfte des Signal Iduna-Konzern erarbeitet werden solle, der genaue Auftragsumfang müsse noch bestimmt werden.
Frau Feederle übergab dann das Wort an ihren im Vorstand für Technologie zuständigen Kollegen Wolfgang Ahrens, der die Versammlung über die Produktstrategie der Netlife AG informieren wollte. Die bisherigen Kunden und Interessenten an der Netlife-Software, so Herr Ahrens, wollten ihren Kunden den Zugang über das Internet anbieten (Direkt- und Retailbanken, Vermögensverwalter/Privatbanken) oder ihre Produkte über das Internet vertreiben (Kapitalanlagegesellschaften, Hypothekenbanken). Netlife habe aber rechtzeitig auf die Multikanalstrategie gesetzt und konsequent dafür Produkte entwickelt, im Gegensatz zur Konkurrenz, deren Angebote sich teilweise nur an Direktbanken richtet oder eine reine M-Commerce-Lösung (Zugang über mobile Endgeräte, wie Handy oder PDA) sei.
Die Tendenz zum "Multikanalkunden" begründete Herr Ahrens damit, dass die Bankkunden immer anspruchsvoller würden und zum Beispiel einen Scheck in der Filiale einlösen, eine Überweisung über das Internet beauftragen, aktuelle Börsenkurse über Handy abfragen und Bargeld am Automaten holen wollten. Langfristig würden nur 20 Prozent der Bankkunden, die besonders preisbewusst seien, reine Direktbankkunden werden, 20 Prozent würden wegen der "sozialen Komponente" alle Bankgeschäfte in der Filiale erledigen wollen, die Mehrzahl würden zukünftig aber zu "Multikanal-Kunden".
So würden Direktbanken zunehmend Beratungscenter in großen Städten eröffnen, für die Netlife die entsprechende Software biete. Die Retailbanken Sparkassen und Volksbanken würden eine Internetpräsenz häufig nur als Abwehrstrategie nutzen. Netlife biete ihnen eine Software für Internet und Filiale. Vermögensverwalter, wie Privatbanken, würden die Kundenaufträge auch zukünftig persönlich oder telefonisch entgegennehmen, deren Kunden könnten das Internet aber für Statusauskünfte nutzen. Produktanbieter, wie Kapitalanlagegesellschaften, könnten über das Internet einen Direktvertrieb aufbauen. All diese Finanzdienstleister seien potentielle Kunden von Netlife.
Ein wichtiges Produkt von Netlife sei der Netlife HBCI-Client, der die Kontoführung per Internet "reinrassig" über den Browser des Kunden, also ohne zusätzliche Software erlaube. Die Hamburger und die Bremer Sparkasse würden diese Software einsetzen. Ziel sei ein "Multibank-Client", mit dem der Kunde Konten bei verschiedenen Banken führen könne.
Der Netlife Direct Brokerage Server habe seine "Feuertaufe" beim Börsengang der Deutschen Post AG bei der Postbank easytrade gehabt. Der Netlife Banking Server werde ebenfalls von der Postbank eingesetzt. Mit diesen beiden Produkten könne die Postbank die "gesamte Bandbreite des Bankings" im Internet anbieten. In der Entwicklung seien derzeit das Portofoliemanagement für den Direct Brokerage Server und der Vertrieb von Allzweckkrediten und Baufinanzierungen mit dem Banking Server.
Mit diesen Produkten könne man die potentiell sehr große neue Kundengruppe der Bankgründungen von Nicht-Banken, wie zum Beispiel Automobilkonzerne, erschließen. Mit der Netlife-Software sei der schnelle Aufbau einer "sehr schlanken Bank" möglich. Die "Middle Ware" kaufe man von BEA Systems ein, statt selbst etwas zu entwickeln , wie dies zum Beispiel Brokat täte. Außerdem verwende man mit EJB ("Enterprise Java Beans") und XML die modernsten Technologieen, was von den Kunden "hoch honoriert" würde.
Der Aufsichtsratsvorsitzende Herr Dernbach trug dann die weiteren Tagesordnungspunkte vor und stellte die unter Tagesordnungspunkt 5 zur Wahl in den Aufsichtsrat aufgestellten Kandidaten vor. Herr Hans-Werner Maas berate die Hamburger Raffay-Unternehmensgruppe und habe persönlich die Mehrheit an der Netlife AG übernommen. Herr Helmut Landwehr sei Vorstand der Hamburger Conrad Hinrich Donner Bank, die zum Signal Iduna-Konzern gehöre.
Allgemeine Aussprache
Herr Dr. Jens-Uwe Nölle, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), erinnerte als erster Redner der Aussprache an die Hauptversammlung des vergangenen Jahres. Damals habe der ehemalige Vorstandsvorsitzende Claus Müller noch Optimismus verbreitet, obwohl das Scheitern seiner Vision schon im vollen Gange gewesen sei. Missmanagement und Selbstüberschätzung hätten das Unternehmen fast zugrunde gerichtet.
Die heutige Vorstandsvorsitzende Frau Feederle beweise immerhin "SteHauptversammlungsVermögen", sie versuche den Karren aus dem Dreck zu ziehen, während die Hauptverantwortlichen nicht mehr vorhanden seien. Herr Dr. Nölle begrüßte die Trennung von den Verlustbringern im Ausland und die Restrukturierung.
Ihn interessierte zunächst , ob mit der Trennung von den Auslandstöchtern und der Wertberichtigung auf die Netlife Internet Consulting und Software GmbH nun alle Risiken beseitigt seien oder noch weitere Belastungen ausstünden. Außerdem fragte er nach den Kosten der Trennung von den alten Vorständen, ob gegen diese Ersatzansprüche geltend gemacht würden und ob bei dem geringen Liquiditätsbestand zum 31. März 2001 der Fortbestand des Unternehmens gesichert sei.
Herr Dr. Nölle würdigte die Offenheit, mit der Frau Feederle die Situation der Netlife AG beschrieben habe und wollte wissen, ob die ausführliche Darstellung der Risiken und der vergleichsweise kleine Raum, der der Beschreibung der Chancen gegeben wurde, Absicht gewesen sei. Er bat um Nennung der großen Netlife-Kunden, die im Geschäftsbericht nur mit den Buchstaben A bis D gekennzeichnet würden und fragte, wie Forderungen gegen diese Kunden besser einzubringen seien.
Ferner interessierte ihn, ob der Break Even nunmehr nachhaltig erreicht sei, oder ob von dem geringen Auftragsbestand, der nur ein Drittel des Vorjahresbestands betrage, Risiken ausgingen. Weiter bat er um genaue Beschreibung der neuen Aktionärsstruktur und fragte nach dem Sinn der unter Tagesordnungspunkt zu beschließenden 150 Millionen Euro auszugebenden Wandelschuldverschreibungen.
Die Veröffentlichung über den "Letter of Intent" mit der Signal Iduna Venture Capital GmbH am Montag vor der Hauptversammlung habe den Kurs der Netlife-Aktie "gepusht", so Herr Dr. Nölle. Ihn erinnerte das an die Praktiken einer Metabox oder Intershop, er hoffe, dass da ein Insider nicht die "schnelle Mark" machen wollte.
Der nächste Redner stellte sich als Herr Denecke aus Langenhagen vor. Er bat um nähere Angaben zur Trennung vom früheren Vorstandsvorsitzenden Claus Müller und kritisierte den häufigen Personalwechsel in Vorstand und Aufsichtsrat. Er fragte, welche Auslandsbeteiligungen an wen verkauft worden seien und wie der Personalabbau angelaufen sei. Zum Schluss appellierte er an die Verwaltung "mit Treue und Ehrlichkeit" zum Unternehmen zu stehen.
Herr Julian Falkenberg, der sich als Privatanleger bezeichnete, interessierte sich für den Verkauf der Auslandstöchter. Zunächst wollte er wissen, warum die verkauften Tochterunternehmen so günstig angegeben, laut Geschäftsbericht sogar "verschenkt" worden seien. Weiter fragte er, ob es Abwanderungen von Mitarbeitern zu den Auslandstöchtern gegeben habe ("Brain Drain") und ob die verkauften Tochterunternehmen zu einer Konkurrenz von Netlife werden könnten. Vom Technologievorstand Herrn Ahrens wollte er wissen, ob sich Netlife auch auf andere Protokolle außer HBCI, wie das derzeit von Microsoft entwickelte vorbereite, da seiner Ansicht nach ansonsten das Kerngeschäft wegbrechen könne.
Antworten
Die Vorstandsvorsitzende Frau Feederle bezifferte die Kosten der Restrukturierung mit 2,4 Millionen Euro Restrukturierungskosten sowie 7 Millionen Euro Verlust aus den ausländischen Töchtern. Etwa 95 Prozent der notwendigen Bereinigungen und Restrukturierungen sei inzwischen durchgeführt, allerdings müsse die Organisation ständig auf sich verändernde Gegebenheiten angepasst werden, so das man nie ganz fertig sei.
Zu dem Ausscheiden ehemaliger Vorstandsmitglieder sagte der Aufsichtsratsvorsitzende Herr Dernbach, dass die finanziellen Regelungen sich in Grenzen halten würden. Das Ausscheiden von Herrn Müller sei auf unterschiedliche Vorstellungen über die Strategie des Unternehmens zurückzuführen gewesen.
Netlife schwimme sicher nicht im Geld , so Frau Feederle, aber wegen der ausstehenden fakturierten Forderungen sei kein Liquiditätsengpass zu befürchten. Der Durchlauf der Rechnungen durch die Buchhaltung eines Großunternehmens dauere nun mal häufig länger als 20 bis 30 Tage. Man habe aber noch keine dieser Forderungen abschreiben müssen. Zum Verhältnis Risiken / Chancen sagte sie, dass die positive Seite nicht überbewertet werden solle, dem Vorstand käme es auf Klarheit an, er sei aber vom Unternehmen überzeugt.
Trotz des im Vergleich zum Vorjahr niedrigen Auftragsbestandes im ersten Quartal 2001 sei sie überzeugt, dass das Umsatzziel von 20 Millionen Euro erreicht werde. Wünschenswerter wäre natürlich ein Auftragsbestand von 20 bis 30 Millionen Euro, das gebe es aber nicht immer. Die Vereinbarung mit der Signal Iduna Venture Capital sei als Ad-hoc-Mitteilung veröffentlicht worden, vor allem um die beteiligten Mitarbeiter vor Insidervorwürfen zu schützen, eine Kursmanipulation sei damit nicht beabsichtigt gewesen.
Hinsichtlich der beantragten Ermächtigung zur Ausgabe von Wandelschuldverschreibungen an Dritte unter Tagesordnungspunkt 9 habe man keine konkreten Akquisitionsabsichten, so Herr Dernbach. Der genaue Anteilsbesitz von Herrn Maas würde im Falle seiner Wahl in der Aufsichtsrat sowieso veröffentlicht werden.
Frau Feederle meinte, sie wolle die im Geschäftsbericht mit Kunde A bis D gekennzeichneten Firmen nicht nennen, da es sich um solche handele, die zum Rechnungen bezahlen etwas länger bräuchten. Herr Dernbach ergänzte, dass es mit den Kunden keinen Streit über Forderungen von Netlife gebe. Die Neubesetzung der Organe habe Leute, die die notwendige Kompetenz besäßen, in den Vorstand gebracht. In den Aufsichtsrat solle Herr Maas als Mehrheitsaktionär und Herr Landwehr als Bankvorstand gewählt werden.
Die Vorstandsvorsitzende erläuterte, dass die Auslandsbeteiligungen in Singapur, USA und Südafrika an das dortige Management verkauft worden seien, die anderen Beteiligungen seien geschlossen worden. Die verkauften Tochterunternehmen hätten die dort beschäftigten Mitarbeiter auch übernommen, von einigen Mitarbeitern habe man sich unter Beachtung sozialer Aspekte in gegenseitigem Einvernehmen getrennt. Diese Mitarbeiter seien aber keine "Sozialfälle", sondern gesuchte Fachleute, die leicht wieder einen Arbeitsplatz finden würden.
Auf die Nachfrage von Herrn Denecke, wer sich im Fall Claus Müller nun von wem getrennt habe, und ob man nach dem Wechsel des Mehrheitsaktionärs auch wieder mit einem Wechsel im Vorstand rechnen müsse, wiederholte der Aufsichtsratsvorsitzende, dass man sich von Herrn Müller wegen unterschiedlicher Auffassungen getrennt habe. Die Absichten des zukünftigen Aufsichtsrates kenne er auch noch nicht, er halte aber einen Wechsel im Vorstand angesichts des erfolgreichen Turnarounds des Unternehmens für unwahrscheinlich.
Der neue Mehrheitsaktionär Herr Maas ergriff darauf das Wort und erklärte, er sei vom Unternehmen Netlife und dessen Alleinstellungsmerkmal, wie von Herrn Ahrens in seinem Vortrag dargestellt worden sei, überzeugt und habe deshalb die Mehrheit erworben. Mindestens ebenso überzeugt sei er aber auch vom Vorstand, Frau Feederle und Herr Ahrens hätten sein uneingeschränktes Vertrauen. Er selbst wolle sein Kontaktnetzwerk in der Finanz- und Automobilbranche dem Unternehmen zur Verfügung stellen.
Auf die Nachfrage einer Aktionärin, wieso er "plötzlich" die Mehrheit habe kaufen könne, sagte Herr Maas, er habe den Kauf nicht langfristig mit Blick auf die Kursentwicklung geplant. Warum die Altaktionäre verkaufen wollten, müsse man diese fragen.
Zum Verkauf der Auslandstöchter ergänzte Frau Feederle dann, dass das Ziel dabei nicht der Erlös eines Gewinns sondern das Überleben der Töchter, das bei Netlife nicht möglich gewesen wäre, gewesen sei. Statt eigener Tochterunternehmen wolle man zukünftig im Ausland mit Partnern zusammenarbeiten. Herr Ahrens bestätigte, dass Netlife sich nicht nur auf den "germanischen Standard" HBCI stützen würde, sondern die Produkte auch auf den internationalen Standard OFX anzupassen seien, zumal sich die beiden Standards sehr ähnelten.
Nach der Unterstützung von Microsoft Netprodukten gebe es derzeit bei den Kunden keine Nachfrage, falls dies gewünscht werde, könne man aber auch Content-Managementsysteme von Microsoft unterstützen. Herrn Dernbach bestätigte zum Thema "Brain Drain", dass man einige Mitarbeiter an die Auslandsbeteiligungen verloren habe, dies sei aber durch die Einstellung von Herrn Ahrens wieder wettgemacht worden. Die Motivation der verbliebenen Mitarbeiter sei nach seiner Einschätzung außerdem sehr hoch. Die Gefahr der Konkurrenz durch die ehemaligen Tochterunternehmen schätzte Herr Dernbach als nicht sehr hoch ein, da die Kunden zunehmend auf die "Überlebensfähigkeit" der Zulieferer achteten und es Start Up`s daher heute schwer hätten.`
Abstimmungen
Der Aufsichtsratsvorsitzende stellte die Präsenz mit 5.54.614 Stimmen oder 60,19 Prozent des Grundkapitals fest. Den Verwaltungsvorschlägen zu allen Tagesordnungspunkten wurde mit mehr als 99-prozentiger Mehrheit zugestimmt, wobei es bei der Entlastung des Aufsichtsrates 34.300 Gegenstimmen und 24.430 Enthaltungen, bei der Entlastung des Vorstands 1.030 Gegenstimmen und 24.030 Enthaltungen gab.
Im Einzelnen wurden Vorstand und Aufsichtsrat entlastet, die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen, Hamburg, zum Abschlussprüfer für das Geschäftsjahr 2001 bestimmt, die Herren Maas und Landwehr als Ersatz für die ausscheidenden Herren Barke und Lillig in den Aufsichtsrat gewählt, die Aufsichtsratvergütung neu geregelt und dem Abschluss der üblichen Haftpflicht- und Rechtschutzversicherung zugunsten der Aufsichtsratsmitglieder zugestimmt.
Darüber hinaus wurde das genehmigte Kapital von knapp 2 Millionen Euro auf 2,75 Millionen Euro, davon 857.000 Euro mit der Möglichkeit des Bezugsrechtsausschlusses, aufgestockt, die Ermächtigung zur zusätzlichen Ausgabe von Wandelschuldverschreibungen im Rahmen des Mitarbeiterbeteiligungsprogramms im Gesamtnennbetrag von 107.000 Euro erteilt und der Vorstand zur Begebung von Options- oder Wandelschuldverschreibungen zur Ausgabe an Dritte im Gesamtnennbetrag von 150 Millionen Euro ermächtigt. Unter dem letzten Tagesordnungspunkt 10 stimmten die Aktionäre schließlich einigen redaktionellen Satzungsänderungen zu. Nach der Abarbeitung dieser umfangreichen Tagesordnung schloss Herr Dernbach die Versammlung um 12.45 Uhr und bat die Aktionäre zu einem anschließenden Imbiss.
Fazit
Nachdem die Anleger inzwischen zum zweiten Mal, allerdings vom ausgeschiedenen Vorstand, durch viel zu optimistische Prognosen und eine verfehlte Strategie enttäuscht wurden, wird es die neue Vorstandsvorsitzende Frau Christel Feederle schwer haben, den Beweis für einen nachhaltigen Turnaround zu führen. Das Management und die Aktionäre der Netlife AG müssen wohl einen sehr langen Atem haben, bis ein dauerhaft zweistelliger Aktienkurs, geschweige denn der Emissionskurs von 25,50 Euro wieder erreichbar erscheint.
Da der personelle Neuanfang und auch der Einstieg des neuen Mehrheitsaktionärs grundsätzlich positiv erscheinen, sollten bereits investierte Aktionäre aber jetzt nicht mehr verkaufen.
Kontaktadresse
Netlife AG
Millerntorplatz 1
20359 Hamburg
Tel.: 040/28415-0
Fax: 040/28415-999
Email: info@netlife.de
Internet: www.netlife.de
Zur zweiten ordentlichen Hauptversammlung des Softwareanbieters Netlife AG fanden sich am 22. Mai 2001 etwa 150 Aktionäre, Aktionärsvertreter und Gäste, darunter auch Jens Gibbels als Berichterstatter für GSC Research im Hamburger SAS Radisson Hotel ein.
Nachdem vor allem wegen der gescheiterten Expansion ins Ausland die Ergebnisprognosen des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Claus Müller erneut nicht eingehalten werden konnten, stürzte der Kurs, der am Neuen Markt notierten Netlife-Aktie, von 22 Euro zum Zeitpunkt der letzten Hauptversammlung im Juni 2000 bis auf ein All-Time-Low von 2 Euro Anfang April 2001 ab. Bis zur diesjährigen Hauptversammlung stieg der Kurs dann wieder auf über 7 Euro an.
Nachdem bis auf die Vorstandsvorsitzende Frau Christel Feederle alle Vorstandsmitglieder ausgetauscht wurden, auch der Aufsichtsrat mit einem entsprechenden Beschluss zur Neuwahl auf der Hauptversammlung neu besetzt werden sollte und die Netlife AG einen neuen Mehrheitsaktionär bekommen hatte, konnten die gebeutelten Aktionäre gespannt sein, ob nach dem personellen auch ein geschäftlicher Neuanfang in Aussicht stand.
Der Aufsichtsratsvorsitzende Herr Wolfgang Dernbach eröffnete die Versammlung um kurz nach 10.00 Uhr und übergab das Wort nach Abhandlung der üblichen Formalien an die Vorstandsvorsitzende Frau Christel Feederle.
Bericht des Vorstands
Frau Feederle begann ihren freie vorgetragenen Bericht mit einer Vorstellung ihres Unternehmens. Die Netlife AG sei 1996 gegründet worden und am 1. Juni 1999 an den Frankfurter Neuen Markt gegangen. Der neue Mehrheitsaktionär sei Herr Hans-Werner Maas. Die Netlife AG sei der Partner für Softwarelösungen "rund ums Konto", "rund ums Depot" und "rund um die Finanzierung". Man unterstütze Finanzdienstleister mit Multikanalvertriebsstrategie, das heißt vor allem Banken, die ihren Kunden mehrere Möglichkeiten des Zugangs, wie Filiale, Telefon oder Handy, Internet oder SB-Terminal bieten wollen.
Eine Fußballtrainerweisheit laute "Jedes Spiel ist schwierig", so Frau Feederle, dies gelte auch für jedes Geschäftsjahr. Nicht nur das abgelaufene sondern auch das Geschäftsjahr 2001 werde schwierig, das heiße aber nicht unmöglich. Der Umsatz sei im Geschäftsjahr 2000 gegenüber dem Jahr 1999 um das 2,5-fache auf 19,428 Millionen Euro gestiegen, davon seien 14,6 Millionen Euro in Zentraleuropa, der Rest international erzielt worden. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung, Vertrieb und Marketing und die allgemeine Verwaltung seien sehr hoch gewesen, dies habe zu einem Betriebsergebnis von -15,544 Millionen Euro geführt.
Vor allem die Auslandsniederlassungen in USA, Asien, im Mittleren Osten und Südafrika sowie in West- und Südeuropa hätten hohe Kosten verursacht und seien teilweise an das lokale Management verkauft, teilweise geschlossen worden. Die Bilanz würde jetzt aber keine versteckten Risiken mehr enthalten. Nach wie vor habe man keine Bankkredite.
In der AG habe man bei der Netlife Internet Consulting und Software GmbH, in der neben drei verbliebenen Auslandstöchtern das operative Geschäft von Netlife gebündelt ist, eine Wertberichtigung von knapp 38 Millionen Euro durchführen müssen. Die Zahl der Mitarbeiter habe 244 betragen, davon waren 92 bei den Auslandstöchtern beschäftigt gewesen, zum Jahresende, das heißt nach Abgabe der Auslandstöchter, hätte die Netlife AG noch 130 Mitarbeiter gehabt.
Wichtige Kennzahlen zum 1. Januar 2001 seien die Liquidität mit 4,9 Millionen Euro, der Auftragsbestand mit 5,66 Millionen Euro und die "Hot Prospects", das heißt angekündigte Aufträge, die mit mehr als 90 Prozent Wahrscheinlichkeit auch erteilt werden, mit 6 Millionen Euro. Namhafte Kunden seien die Deutsche Postbank AG mit ihrer Direct Brokerage-Sparte easytrade, die dvg Hannover, eines der größten Rechenzentren der Sparkassenorganisation, die Bankgesellschaft Berlin, die Stadtsparkasse Hannover und die Hamburgische Landesbank.
Zusammengefasst habe Netlife im Geschäftsjahr 2000 in Zentraleuropa eine gute Ausgangsposition geschaffen, große Online-Institute, wie Postbank und dvg, als Referenzkunden gewonnen, die Netlife Direct Brokerage-Software beim Börsengang der Post im November 2000 "leistungsgeprüft", Folgeaufträge für 2001 seien bereits erteilt worden. Außerdem habe man die Re- und Umstrukturierungsmaßnahmen bis Ende 2000 fast abgeschlossen und nahezu sämtliche Auslandsaktivitäten verkauft oder geschlossen.
Der Geschäftsverlauf im ersten Quartal 2001, so die Vorstandsvorsitzende, sei mit 44 Prozent Umsatzwachstum gegenüber dem Vorjahreszeitraum und dem Erreichen des Break Even erfolgreich gewesen. Frau Feederle bedankte sich an dieser Stelle bei ihren Mitarbeiter, von denen wohl einige nicht an den Break Even bereits im ersten Quartal geglaubt, die aber trotzdem mitgemacht hätten.
Bei einem Rohertrag von 2 Millionen Euro im ersten Quartal 2001 sei der Aufwand für Forschung/Entwicklung, Vertrieb/Marketing und allgemeine Verwaltung stark reduziert worden. In Folge dessen habe Netlife ein EBIT von 78.000 Euro und ein Konzernergebnis von 15.000 Euro erzielt. In der Bilanz habe sich die Liquidität weiter auf 2,431 Millionen Euro reduziert, dabei seien aber "sehr werthaltige" bereits fakturierte Forderungen in Höhe von 4,166 Millionen Euro zu berücksichtigen. Zum Teil hätten Aufträge erst zum Ende des ersten Quartals fakturiert werden können. Der Auftragsbestand betrage 5,111 Millionen Euro, die "Hot Prospects" 6,215 Millionen Euro. Zum 31. März 2001 würde Netlife 133 Mitarbeiter beschäftigen.
Das Ziel für das gesamte Geschäftsjahr 2001 sei ein Umsatz von knapp 20 Millionen Euro, entsprechend einer Steigerung um 30 Prozent gegenüber dem Umsatz im Jahr 2000 ohne die abgegebenen Auslandstöchter. Für das Konzernergebnis rechne man mit 120.000 Euro. Das Wachstum wolle man durch den direkten Vertrieb der eigenen Produkte, insbesondere im Ausland aber auch durch die Zusammenarbeit mit Partnern erzeugen. Die Gründung neuer Auslandstöchter sei nicht vorgesehen.
Die Produkte würden auf die Multikanalvertriebsstrategie der Banken ausgerichtet, die Produktivität solle deutlich erhöht werden, so dass bei gleichbleibender Kostenstruktur 2001 ein ausgeglichenes Ergebnis erreicht werden könne. Die Anzahl der Mitarbeiter solle auf 150 aufgestockt werden, dies sei eine Anzahl von neuen Mitarbeitern, die das Unternehmen zusätzlich verkraften könne. Mit der dvg Hannover werde die Zusammenarbeit nach Abschluss eines Rahmenvertrags intensiviert.
Bereits am Montag, dem 21. Mai 2001, sie die geplante Zusammenarbeit mit der Signal Iduna Venture Capital GmbH bekannt gegeben worden. In einem "Letter of Intent" sei festgelegt worden, dass gemeinsam eine Plattform für Bankgeschäfte des Signal Iduna-Konzern erarbeitet werden solle, der genaue Auftragsumfang müsse noch bestimmt werden.
Frau Feederle übergab dann das Wort an ihren im Vorstand für Technologie zuständigen Kollegen Wolfgang Ahrens, der die Versammlung über die Produktstrategie der Netlife AG informieren wollte. Die bisherigen Kunden und Interessenten an der Netlife-Software, so Herr Ahrens, wollten ihren Kunden den Zugang über das Internet anbieten (Direkt- und Retailbanken, Vermögensverwalter/Privatbanken) oder ihre Produkte über das Internet vertreiben (Kapitalanlagegesellschaften, Hypothekenbanken). Netlife habe aber rechtzeitig auf die Multikanalstrategie gesetzt und konsequent dafür Produkte entwickelt, im Gegensatz zur Konkurrenz, deren Angebote sich teilweise nur an Direktbanken richtet oder eine reine M-Commerce-Lösung (Zugang über mobile Endgeräte, wie Handy oder PDA) sei.
Die Tendenz zum "Multikanalkunden" begründete Herr Ahrens damit, dass die Bankkunden immer anspruchsvoller würden und zum Beispiel einen Scheck in der Filiale einlösen, eine Überweisung über das Internet beauftragen, aktuelle Börsenkurse über Handy abfragen und Bargeld am Automaten holen wollten. Langfristig würden nur 20 Prozent der Bankkunden, die besonders preisbewusst seien, reine Direktbankkunden werden, 20 Prozent würden wegen der "sozialen Komponente" alle Bankgeschäfte in der Filiale erledigen wollen, die Mehrzahl würden zukünftig aber zu "Multikanal-Kunden".
So würden Direktbanken zunehmend Beratungscenter in großen Städten eröffnen, für die Netlife die entsprechende Software biete. Die Retailbanken Sparkassen und Volksbanken würden eine Internetpräsenz häufig nur als Abwehrstrategie nutzen. Netlife biete ihnen eine Software für Internet und Filiale. Vermögensverwalter, wie Privatbanken, würden die Kundenaufträge auch zukünftig persönlich oder telefonisch entgegennehmen, deren Kunden könnten das Internet aber für Statusauskünfte nutzen. Produktanbieter, wie Kapitalanlagegesellschaften, könnten über das Internet einen Direktvertrieb aufbauen. All diese Finanzdienstleister seien potentielle Kunden von Netlife.
Ein wichtiges Produkt von Netlife sei der Netlife HBCI-Client, der die Kontoführung per Internet "reinrassig" über den Browser des Kunden, also ohne zusätzliche Software erlaube. Die Hamburger und die Bremer Sparkasse würden diese Software einsetzen. Ziel sei ein "Multibank-Client", mit dem der Kunde Konten bei verschiedenen Banken führen könne.
Der Netlife Direct Brokerage Server habe seine "Feuertaufe" beim Börsengang der Deutschen Post AG bei der Postbank easytrade gehabt. Der Netlife Banking Server werde ebenfalls von der Postbank eingesetzt. Mit diesen beiden Produkten könne die Postbank die "gesamte Bandbreite des Bankings" im Internet anbieten. In der Entwicklung seien derzeit das Portofoliemanagement für den Direct Brokerage Server und der Vertrieb von Allzweckkrediten und Baufinanzierungen mit dem Banking Server.
Mit diesen Produkten könne man die potentiell sehr große neue Kundengruppe der Bankgründungen von Nicht-Banken, wie zum Beispiel Automobilkonzerne, erschließen. Mit der Netlife-Software sei der schnelle Aufbau einer "sehr schlanken Bank" möglich. Die "Middle Ware" kaufe man von BEA Systems ein, statt selbst etwas zu entwickeln , wie dies zum Beispiel Brokat täte. Außerdem verwende man mit EJB ("Enterprise Java Beans") und XML die modernsten Technologieen, was von den Kunden "hoch honoriert" würde.
Der Aufsichtsratsvorsitzende Herr Dernbach trug dann die weiteren Tagesordnungspunkte vor und stellte die unter Tagesordnungspunkt 5 zur Wahl in den Aufsichtsrat aufgestellten Kandidaten vor. Herr Hans-Werner Maas berate die Hamburger Raffay-Unternehmensgruppe und habe persönlich die Mehrheit an der Netlife AG übernommen. Herr Helmut Landwehr sei Vorstand der Hamburger Conrad Hinrich Donner Bank, die zum Signal Iduna-Konzern gehöre.
Allgemeine Aussprache
Herr Dr. Jens-Uwe Nölle, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), erinnerte als erster Redner der Aussprache an die Hauptversammlung des vergangenen Jahres. Damals habe der ehemalige Vorstandsvorsitzende Claus Müller noch Optimismus verbreitet, obwohl das Scheitern seiner Vision schon im vollen Gange gewesen sei. Missmanagement und Selbstüberschätzung hätten das Unternehmen fast zugrunde gerichtet.
Die heutige Vorstandsvorsitzende Frau Feederle beweise immerhin "SteHauptversammlungsVermögen", sie versuche den Karren aus dem Dreck zu ziehen, während die Hauptverantwortlichen nicht mehr vorhanden seien. Herr Dr. Nölle begrüßte die Trennung von den Verlustbringern im Ausland und die Restrukturierung.
Ihn interessierte zunächst , ob mit der Trennung von den Auslandstöchtern und der Wertberichtigung auf die Netlife Internet Consulting und Software GmbH nun alle Risiken beseitigt seien oder noch weitere Belastungen ausstünden. Außerdem fragte er nach den Kosten der Trennung von den alten Vorständen, ob gegen diese Ersatzansprüche geltend gemacht würden und ob bei dem geringen Liquiditätsbestand zum 31. März 2001 der Fortbestand des Unternehmens gesichert sei.
Herr Dr. Nölle würdigte die Offenheit, mit der Frau Feederle die Situation der Netlife AG beschrieben habe und wollte wissen, ob die ausführliche Darstellung der Risiken und der vergleichsweise kleine Raum, der der Beschreibung der Chancen gegeben wurde, Absicht gewesen sei. Er bat um Nennung der großen Netlife-Kunden, die im Geschäftsbericht nur mit den Buchstaben A bis D gekennzeichnet würden und fragte, wie Forderungen gegen diese Kunden besser einzubringen seien.
Ferner interessierte ihn, ob der Break Even nunmehr nachhaltig erreicht sei, oder ob von dem geringen Auftragsbestand, der nur ein Drittel des Vorjahresbestands betrage, Risiken ausgingen. Weiter bat er um genaue Beschreibung der neuen Aktionärsstruktur und fragte nach dem Sinn der unter Tagesordnungspunkt zu beschließenden 150 Millionen Euro auszugebenden Wandelschuldverschreibungen.
Die Veröffentlichung über den "Letter of Intent" mit der Signal Iduna Venture Capital GmbH am Montag vor der Hauptversammlung habe den Kurs der Netlife-Aktie "gepusht", so Herr Dr. Nölle. Ihn erinnerte das an die Praktiken einer Metabox oder Intershop, er hoffe, dass da ein Insider nicht die "schnelle Mark" machen wollte.
Der nächste Redner stellte sich als Herr Denecke aus Langenhagen vor. Er bat um nähere Angaben zur Trennung vom früheren Vorstandsvorsitzenden Claus Müller und kritisierte den häufigen Personalwechsel in Vorstand und Aufsichtsrat. Er fragte, welche Auslandsbeteiligungen an wen verkauft worden seien und wie der Personalabbau angelaufen sei. Zum Schluss appellierte er an die Verwaltung "mit Treue und Ehrlichkeit" zum Unternehmen zu stehen.
Herr Julian Falkenberg, der sich als Privatanleger bezeichnete, interessierte sich für den Verkauf der Auslandstöchter. Zunächst wollte er wissen, warum die verkauften Tochterunternehmen so günstig angegeben, laut Geschäftsbericht sogar "verschenkt" worden seien. Weiter fragte er, ob es Abwanderungen von Mitarbeitern zu den Auslandstöchtern gegeben habe ("Brain Drain") und ob die verkauften Tochterunternehmen zu einer Konkurrenz von Netlife werden könnten. Vom Technologievorstand Herrn Ahrens wollte er wissen, ob sich Netlife auch auf andere Protokolle außer HBCI, wie das derzeit von Microsoft entwickelte vorbereite, da seiner Ansicht nach ansonsten das Kerngeschäft wegbrechen könne.
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Die Vorstandsvorsitzende Frau Feederle bezifferte die Kosten der Restrukturierung mit 2,4 Millionen Euro Restrukturierungskosten sowie 7 Millionen Euro Verlust aus den ausländischen Töchtern. Etwa 95 Prozent der notwendigen Bereinigungen und Restrukturierungen sei inzwischen durchgeführt, allerdings müsse die Organisation ständig auf sich verändernde Gegebenheiten angepasst werden, so das man nie ganz fertig sei.
Zu dem Ausscheiden ehemaliger Vorstandsmitglieder sagte der Aufsichtsratsvorsitzende Herr Dernbach, dass die finanziellen Regelungen sich in Grenzen halten würden. Das Ausscheiden von Herrn Müller sei auf unterschiedliche Vorstellungen über die Strategie des Unternehmens zurückzuführen gewesen.
Netlife schwimme sicher nicht im Geld , so Frau Feederle, aber wegen der ausstehenden fakturierten Forderungen sei kein Liquiditätsengpass zu befürchten. Der Durchlauf der Rechnungen durch die Buchhaltung eines Großunternehmens dauere nun mal häufig länger als 20 bis 30 Tage. Man habe aber noch keine dieser Forderungen abschreiben müssen. Zum Verhältnis Risiken / Chancen sagte sie, dass die positive Seite nicht überbewertet werden solle, dem Vorstand käme es auf Klarheit an, er sei aber vom Unternehmen überzeugt.
Trotz des im Vergleich zum Vorjahr niedrigen Auftragsbestandes im ersten Quartal 2001 sei sie überzeugt, dass das Umsatzziel von 20 Millionen Euro erreicht werde. Wünschenswerter wäre natürlich ein Auftragsbestand von 20 bis 30 Millionen Euro, das gebe es aber nicht immer. Die Vereinbarung mit der Signal Iduna Venture Capital sei als Ad-hoc-Mitteilung veröffentlicht worden, vor allem um die beteiligten Mitarbeiter vor Insidervorwürfen zu schützen, eine Kursmanipulation sei damit nicht beabsichtigt gewesen.
Hinsichtlich der beantragten Ermächtigung zur Ausgabe von Wandelschuldverschreibungen an Dritte unter Tagesordnungspunkt 9 habe man keine konkreten Akquisitionsabsichten, so Herr Dernbach. Der genaue Anteilsbesitz von Herrn Maas würde im Falle seiner Wahl in der Aufsichtsrat sowieso veröffentlicht werden.
Frau Feederle meinte, sie wolle die im Geschäftsbericht mit Kunde A bis D gekennzeichneten Firmen nicht nennen, da es sich um solche handele, die zum Rechnungen bezahlen etwas länger bräuchten. Herr Dernbach ergänzte, dass es mit den Kunden keinen Streit über Forderungen von Netlife gebe. Die Neubesetzung der Organe habe Leute, die die notwendige Kompetenz besäßen, in den Vorstand gebracht. In den Aufsichtsrat solle Herr Maas als Mehrheitsaktionär und Herr Landwehr als Bankvorstand gewählt werden.
Die Vorstandsvorsitzende erläuterte, dass die Auslandsbeteiligungen in Singapur, USA und Südafrika an das dortige Management verkauft worden seien, die anderen Beteiligungen seien geschlossen worden. Die verkauften Tochterunternehmen hätten die dort beschäftigten Mitarbeiter auch übernommen, von einigen Mitarbeitern habe man sich unter Beachtung sozialer Aspekte in gegenseitigem Einvernehmen getrennt. Diese Mitarbeiter seien aber keine "Sozialfälle", sondern gesuchte Fachleute, die leicht wieder einen Arbeitsplatz finden würden.
Auf die Nachfrage von Herrn Denecke, wer sich im Fall Claus Müller nun von wem getrennt habe, und ob man nach dem Wechsel des Mehrheitsaktionärs auch wieder mit einem Wechsel im Vorstand rechnen müsse, wiederholte der Aufsichtsratsvorsitzende, dass man sich von Herrn Müller wegen unterschiedlicher Auffassungen getrennt habe. Die Absichten des zukünftigen Aufsichtsrates kenne er auch noch nicht, er halte aber einen Wechsel im Vorstand angesichts des erfolgreichen Turnarounds des Unternehmens für unwahrscheinlich.
Der neue Mehrheitsaktionär Herr Maas ergriff darauf das Wort und erklärte, er sei vom Unternehmen Netlife und dessen Alleinstellungsmerkmal, wie von Herrn Ahrens in seinem Vortrag dargestellt worden sei, überzeugt und habe deshalb die Mehrheit erworben. Mindestens ebenso überzeugt sei er aber auch vom Vorstand, Frau Feederle und Herr Ahrens hätten sein uneingeschränktes Vertrauen. Er selbst wolle sein Kontaktnetzwerk in der Finanz- und Automobilbranche dem Unternehmen zur Verfügung stellen.
Auf die Nachfrage einer Aktionärin, wieso er "plötzlich" die Mehrheit habe kaufen könne, sagte Herr Maas, er habe den Kauf nicht langfristig mit Blick auf die Kursentwicklung geplant. Warum die Altaktionäre verkaufen wollten, müsse man diese fragen.
Zum Verkauf der Auslandstöchter ergänzte Frau Feederle dann, dass das Ziel dabei nicht der Erlös eines Gewinns sondern das Überleben der Töchter, das bei Netlife nicht möglich gewesen wäre, gewesen sei. Statt eigener Tochterunternehmen wolle man zukünftig im Ausland mit Partnern zusammenarbeiten. Herr Ahrens bestätigte, dass Netlife sich nicht nur auf den "germanischen Standard" HBCI stützen würde, sondern die Produkte auch auf den internationalen Standard OFX anzupassen seien, zumal sich die beiden Standards sehr ähnelten.
Nach der Unterstützung von Microsoft Netprodukten gebe es derzeit bei den Kunden keine Nachfrage, falls dies gewünscht werde, könne man aber auch Content-Managementsysteme von Microsoft unterstützen. Herrn Dernbach bestätigte zum Thema "Brain Drain", dass man einige Mitarbeiter an die Auslandsbeteiligungen verloren habe, dies sei aber durch die Einstellung von Herrn Ahrens wieder wettgemacht worden. Die Motivation der verbliebenen Mitarbeiter sei nach seiner Einschätzung außerdem sehr hoch. Die Gefahr der Konkurrenz durch die ehemaligen Tochterunternehmen schätzte Herr Dernbach als nicht sehr hoch ein, da die Kunden zunehmend auf die "Überlebensfähigkeit" der Zulieferer achteten und es Start Up`s daher heute schwer hätten.`
Abstimmungen
Der Aufsichtsratsvorsitzende stellte die Präsenz mit 5.54.614 Stimmen oder 60,19 Prozent des Grundkapitals fest. Den Verwaltungsvorschlägen zu allen Tagesordnungspunkten wurde mit mehr als 99-prozentiger Mehrheit zugestimmt, wobei es bei der Entlastung des Aufsichtsrates 34.300 Gegenstimmen und 24.430 Enthaltungen, bei der Entlastung des Vorstands 1.030 Gegenstimmen und 24.030 Enthaltungen gab.
Im Einzelnen wurden Vorstand und Aufsichtsrat entlastet, die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen, Hamburg, zum Abschlussprüfer für das Geschäftsjahr 2001 bestimmt, die Herren Maas und Landwehr als Ersatz für die ausscheidenden Herren Barke und Lillig in den Aufsichtsrat gewählt, die Aufsichtsratvergütung neu geregelt und dem Abschluss der üblichen Haftpflicht- und Rechtschutzversicherung zugunsten der Aufsichtsratsmitglieder zugestimmt.
Darüber hinaus wurde das genehmigte Kapital von knapp 2 Millionen Euro auf 2,75 Millionen Euro, davon 857.000 Euro mit der Möglichkeit des Bezugsrechtsausschlusses, aufgestockt, die Ermächtigung zur zusätzlichen Ausgabe von Wandelschuldverschreibungen im Rahmen des Mitarbeiterbeteiligungsprogramms im Gesamtnennbetrag von 107.000 Euro erteilt und der Vorstand zur Begebung von Options- oder Wandelschuldverschreibungen zur Ausgabe an Dritte im Gesamtnennbetrag von 150 Millionen Euro ermächtigt. Unter dem letzten Tagesordnungspunkt 10 stimmten die Aktionäre schließlich einigen redaktionellen Satzungsänderungen zu. Nach der Abarbeitung dieser umfangreichen Tagesordnung schloss Herr Dernbach die Versammlung um 12.45 Uhr und bat die Aktionäre zu einem anschließenden Imbiss.
Fazit
Nachdem die Anleger inzwischen zum zweiten Mal, allerdings vom ausgeschiedenen Vorstand, durch viel zu optimistische Prognosen und eine verfehlte Strategie enttäuscht wurden, wird es die neue Vorstandsvorsitzende Frau Christel Feederle schwer haben, den Beweis für einen nachhaltigen Turnaround zu führen. Das Management und die Aktionäre der Netlife AG müssen wohl einen sehr langen Atem haben, bis ein dauerhaft zweistelliger Aktienkurs, geschweige denn der Emissionskurs von 25,50 Euro wieder erreichbar erscheint.
Da der personelle Neuanfang und auch der Einstieg des neuen Mehrheitsaktionärs grundsätzlich positiv erscheinen, sollten bereits investierte Aktionäre aber jetzt nicht mehr verkaufen.
Kontaktadresse
Netlife AG
Millerntorplatz 1
20359 Hamburg
Tel.: 040/28415-0
Fax: 040/28415-999
Email: info@netlife.de
Internet: www.netlife.de
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