Gut analysiert Herr Arbeter !
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Technische Analyse Wall Street
Eine Erholung wird nur ein Strohfeuer sein
Von Mark Arbeter
15. Januar 2008 Nach und nach brechen alle den Bullenmarkt tragenden Säulen ein und sorgen für einen langsamen Niedergang der Hausse. Nachdem in den vergangenen sechs Monaten die Aktien der Sektoren Finanzdienstleistungen, dauerhafte Konsumgüter und Transportwesen unter die Räder kamen, trifft es nun auch die Nebenwerte.
Nach unserer Ansicht ist es nur eine Frage der Zeit, bevor die Standardwerte-Indizes einbrechen. Der S&P-500, der Dow Jones Industrial Average und der Nasdaq wandeln nahe am Abgrund, und nach unserer Auffassung bedarf es nicht mehr viel, um einen Sturz in die Tiefe auszulösen.
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Der S&P-MidCap-400-Index in der Defensive
Der S&P-MidCap-400 fiel in der vergangenen Woche auf neue Korrekturtiefs, nachdem er einige Zeit an den als Unterstützung dienenden August- und Novembertiefs um Halt gekämpft hatte. Die Kurse durchbrachen die jüngsten Tiefs der Chartunterstützung im Bereich um 820 Zähler und schließlich auch die Augusttiefs bei 797 Punkten. Ausgehend von seinem Höchststand im Juli hat der Index bis zu seinem Schlusstief am Dienstag vergangener Woche 14 Prozent an Wert eingebüßt und seit Oktober eine Reihe niedriger Tiefs und Hochs ausgebildet. Erstmals seit 2002 kreuzte der exponentiell gleitende 17-Wochen-Durchschnitt sein 43-Wochen-Pendant minimal von oben nach unten, womit er ein längerfristiges Verkaufssignal auslöste und den möglichen Beginn eines Baissemarktes andeutete. Der S&P-MidCap-400 durchbrach außerdem eine aus den Tiefs seit 2004 herrührende maßgebliche Trendlinienunterstützung. Diese Trendlinie kann nach unserer Auffassung als Hausseunterstützung betrachtet werden; sollte sie nachgeben, hätte dies bärische Konsequenzen.
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Auf Basis relativer Performance übertraf die Wertentwicklung des MidCap-Index zwischen April 1999 und April 2006 jene des S&P-500. Die Linie der relativen Performance ist in Gefahr, die seit September 2006 markierten Tiefs nach unten zu durchbrechen, was auf Grundlage relativer Stärke den langfristigen Topping-Prozess abschließen würde.
Der auf kleine Aktienwerte spezialisierte Russell 2000 Index, der den S&P-500 zwischen 1999 und 2006 ebenfalls überflügelte, zeigt sich in noch schlechterer Verfassung als die mittelgroßen Aktienwerte. Seit seinem Höhepunkt im Juli 2007 verlor er annähernd 18 Prozent an Wert. In nur sechs Monaten hat der Index ein Retracement von fast 29 Prozent des Haussemarktes von 2002 bis 2007 vollzogen. Am 4. Januar sank er auf neue Tiefs, wobei er die August-Tagestiefs und die November-Schlusstiefs im Bereich um 735 Punkte durchbrach. Am vergangenen Dienstag fiel der Russell 2000 auf seinen niedrigsten Stand seit August 2006. In der zweiten Novemberhälfte kreuzte der exponentiell gleitende 17-Wochen-Durchschnitt erstmals seit 2002 den exponentiell gleitenden 43-Wochen-Durchschnitt von oben nach unten, was den möglichen Beginn eines Baissemarktes oder einer langfristigen Korrektur signalisiert.
Die von den Tiefs seit 2004 abgeleitete Haussetrendlinie wurde klar durchbrochen, was eine Ansammlung von Widerständen oberhalb des aktuellen Kursniveaus zurückließ. Die nächste maßgebliche Chartunterstützung für den Index kommt bei 670 Zählern ins Spiel, was einem weiteren Kursrückgang von sechs Prozent entspricht.
Am vergangenen Dienstag markierte der S&P-500 mit 1.390 Punkten ein neues Schlusstief und hat seit seinem Höchststand im Oktober eine Reihe niedrigerer Hochs und Tiefs ausgeformt. Bislang hält das August-Tagestief bei 1.371 Punkten, wenn auch nur knapp: In der vergangenen Woche legte der Index ein Tief bei 1.379 Punkten ein. Neben dieser letzten aus den Augusttiefs herrührenden Chartunterstützung wurde der Index nach unserer Ansicht in der vergangenen Woche von der Haussetrendlinie gestützt, die sich aus den Tiefs seit 2004 ableitet. Diese Unterstützungslinie kommt nur einige Punkte unterhalb des in der zurückliegenden Woche notierten Tagestiefs in Sicht, und könnte einige Leerverkäufer zur Abdeckung ihrer Positionen animiert haben.
Zusätzlich zu dieser kritischen langfristigen Unterstützungslinie ist der S&P-500 - wie die meisten anderen Indizes auch - stark überverkauft, und wir gehen davon aus, dass der marktbreite Standardwerte-Index trotz der auf mittlere Sicht überwältigenden Negativfaktoren eine kurzfristige Trendumkehr einleiten könnte. Nach unserer Meinung hat die Abwärtsbewegung auf sehr kurze Sicht übertriebene Ausmaße angenommen und wir halten es daher für gut möglich, dass der Index zu einer Gegenbewegung bis hinauf in den Bereich zwischen 1.445 und 1.470 Punkten ausholen könnte, wo eine größere Ansammlung von Widerständen angesiedelt ist. Neben Chartwiderständen liegen in diesem Bereich auch zahlreiche gleitende Durchschnitte und fallende Trendlinien.
Sobald dieser kurzfristigen Erholung die Puste ausgegangen ist, rechnen wir damit, dass der S&P-500 schließlich deutlich durch die starke Unterstützungszone zwischen 1.370 und 1.407 Zählern brechen und damit der Entwicklung vieler anderer eingebrochener Indizes und Aktien folgen wird. Dieser Durchbruch wird eine große Doppeltop-Formation vollenden, wodurch wir ein potentielles Szenario einer Abwärtsbewegung auf 1.249 Punkte erhalten. Dies entspricht fast genau einem zwanzigprozentigen Rückgang vom Allzeithoch am 9. Oktober 2007 bei 1.565 Zählern. Zugleich befinden wir uns damit in der Nähe eines Retracements von 38,2 Prozent des gesamten Haussemarktes, das den Bereich von 1.264 Punkten anvisieren würde.
Vorhersagen eines Übergangs vom Hausse- zum Baissemarkt oder vom Haussemarkt zu einer langfristigen Korrektur können eine äußerst heikle Angelegenheit sein. Einer der Gründe hierfür liegt darin, dass in einem Haussemarkt die auf eine überverkaufte Situation hindeutenden Kurse und internen Daten häufig die besten Kaufgelegenheiten darstellen, da sie das Ende mittelfristiger Rücksetzer und Korrekturen markieren. In einem Baissemarkt jedoch schließen sich an die auf eine überverkaufte Situation hinweisenden Kurse und internen Daten infolge der sich verschlechternden Kursentwicklung weitere überverkaufte Werte an. In einem Baissemarkt kann mitunter eine Gegenbewegung oder bisweilen auch eine starke Rally einsetzen, die Stärke ist jedoch lediglich kurzfristiger Natur.
Liquidität entscheidend - Blick auf die Margin Debts
Einige der von uns beobachteten internen Werte befinden sich auf Niveaus, die während des Haussemarktes für gute Erholungsbewegungen sorgten. Am Dienstag vergangener Woche erreichte beispielsweise die 10-Tages-Summe des Volumens steigender Aktien dividiert durch das Volumen fallender Aktien an der Nasdaq einen Wert von 0,46 und befindet sich damit unweit des Bereichs, in dem in den zurückliegenden Jahren passable Rallys ausgelöst wurden. Der fünftägige TRIN-Index an der NYSE (der das Verhältnis von Kursgewinnern zu Kursverlierern in Relation zu dem Volumenverhältnis steigender und fallender Aktien setzt) stieg am Dienstag vergangener Woche auf 11,69 - ein extrem überverkaufter Wert und eines der höchsten Niveaus der zurückliegenden zehn Jahre. Wir sind daher der Ansicht, dass überverkaufte Werte zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein Zeichen der Schwäche und kein Signal zur Rückkehr in den Markt darstellen.
Nach unserer Überzeugung ist die Liquidität die entscheidende Kraft, die über die Richtung des Aktienmarktes entscheidet. Die Verfügbarkeit finanzieller Mittel sowie der Wunsch und die Möglichkeit zur Investition in die Kapitalmärkte kann nach unserer Ansicht nahezu jede Anlageklasse nach oben treiben, selbst wenn dies durch die Konjunktur oder die Fundamentaldaten nicht gerechtfertigt ist. Das Problem mit der Liquidität und ihren Auswirkungen auf den Aktienmarkt ist jedoch ihre Messbarkeit.
Wir haben keine Lösung für dieses Problem parat. Es besteht jedoch die Möglichkeit, einen aggressiveren Umgang der Investoren mit ihren Geldmitteln in Gestalt des von Investoren an der NYSE für Wertpapiertransaktionen aufgenommenen Kreditvolumens (Margin Debt) zu beobachten. Einige Marktteilnehmer beschweren sich zwar über die jüngsten Allzeithochs der Margin Debt, wir sind jedoch der Auffassung, dass es weniger auf deren absoluten Wert, sondern eher auf ihre Richtung und ihren Neigungswinkel ankommt. Zwischen 1991 und 1999 entwickelte sich die Margin Debt an der NYSE ziemlich gleichmäßig.
Gegen Ende 1999 versteilte sich ihr Neigungswinkel sehr stark, da Investoren massenweise Geld in den Markt warfen. Im Mai 2000 erreichte sie ihren Zenit und ging dann bis November 2002 - dem Ende des Baissemarktes - zurück. Seit Ende 2002 kletterte die Margin Debt wieder und heizte den Haussemarkt an.
Es gibt jedoch Anzeichen, dass der Trend der Margin Debt und damit auch der Aktienmarkt einen Höchststand erreicht hat. Der Anstiegswinkel verlief bis Ende 2006 sehr gleichmäßig und stieg infolge eines aggressiveren Verhaltes der Investoren an. Mitte September schien die Margin Debt ihren Höhepunkt erreicht zu haben, nachdem die Versteilung nicht mehr aufrechtzuerhalten war. Wir befinden uns nun kurz davor, den exponentiell gleitenden 40-Wochen-Durchschnitt zu durchbrechen, ein in unseren Augen weiteres Zeichen einer Topbildung (der ersten seit November 2000). Eine hieran anschließende Schrumpfung .......................
(Text gekürzt)
Mark Arbeter ist Charttechniker und technischer Chefstratege bei Standard & Poor's
Text: Standard & Poor's Equity Research
Bildmaterial: FAZ.NET