Trout - zu # 110: Rational betrachtet hast Du Recht. Wieso sollte man eine Firma JETZT übernehmen (die man vor einem Jahr noch für die Hälfte bekommen hätte...), wenn es nicht noch weiter nach oben ginge?
Die Märkte sind aber, auch was Profis betrifft, irrational. Im Jahr 2000 war es genauso. Auch damals waren zu Zeiten der Index-Höchststände die Übernahmeaktivitäten am größten. Fast könnte man meinen, dass sich Firmenaufkäufer genauso dumm verhalten wie die Börsen-Lemminge, die am liebsten überteuert am Hoch kaufen.
Man denke nur an Ron Sommers unsäglichen "Voicestream"-Kauf für 50 Milliarden Euro (damals 40 Mrd. Dollar, EUR/USD stand bei 0,83) - eine Fehlentscheidung, die die Dt. Telekom in den Schulden-Abgrund stürzte. Heute ist Voicestream nur noch 8 Milliarden Euro wert - theoretisch, denn es gibt keine Kaufinteressenten... Damit hat Ron Sommer die Spar-Groschen aus den Oma-Schatullen, die diese in die "Volksaktie" gesteckt hatten, mit einer Riesendummheit kollektiv vernichtet, sozusagen stellvertretend für das ganze Volk. 42 Milliarden Euro sinnlos in den Sand gesetzt...
Damals wie heute kursierte der Spruch: "Diesmal ist alles anders. Ein solche Börsensituation gab es noch nie." (Ähnlich in # 107). Wenn solche Sprüche die Runde machen (1929 übrigens auch!), ist HÖCHSTE VORSICHT geboten.
2000 wurden die Aquisitionen mit Hilfe der aufgeblähten Aktienkurse gemacht, wobei die Aktien als Aquisitionswährung dienten. So übernahm etwa die Internetklitsche AOL, als die AOL-Aktie astronomisch hoch stand, den Medienriesen Time Warner mit Aktien. Doch als das Internet-Luftschloss zusammenfiel, stürzte der Wert von AOL ins Bodenlose. Der ursprüngliche "Übernahme-Riese" AOL schrumpfte zu einem fast wertlosen Teilgeschäft von Time Warner. Vor zwei Jahren hat "AOL Time Warner" - weil es peinlich wurde - AOL wieder aus dem Firmennamen gestrichen. Der Börsenticker ist nun wieder TWX statt AOL. So kann es gehen...
Die heutige Aquisitionswährung sind Cash aus Carry-Trades in Yen (rund 1 Billion Dollar aus Yen-Carrytrades im Umlauf) und Franken sowie "Leverage" aus wackeligen Kreditkonstruktionen, in denen undurchsichtige Hedgefonds den Kreditausfall mittels Credit Default Swaps (CDS) "garantieren". Die Zahl der US-Anleihen mit einer Bonität unter BBB (dem niedrigsten Investmentgrad) ist auf einem Höchststand, d. h. die Kreditqualität hat sich in USA deutlich verschlechtert. Gleichzeitig ist absurderweise - oder weil Risiken bewusst ignoriert werden - der Spread zwischen sicheren Staatsanleihen und wackeligen Junk-Bonds auf ein historisches Tief gefallen. Die FTD spricht in # 101 daher zur Recht von eine Überschussliquidität, die auf "Kreditexpansion und Vermögenspreisinflation" beruht.
Ich glaube, dass - so wie damals die "Aquisitionswährung Aktie" in Bodenlose fiel - diesmal die Kreditblase kollabieren wird. Anstoß könnte eine Geldmengenverknappung in Japan und China geben, aber auch faule Kredite im US-Hypotheken-Sektor, die zu einer Bond-Krise führen können. Es geht bereits los:
http://www.ariva.de/board/245194?pnr=3098211#jump3098211Dabei werden auch etliche Hedgefonds umfallen, weil sie "im Schadensfall", wenn Hypotheken-besicherte Anleihen aus dem Sub-Prime-Sektor reihenweise hopps gehen, nicht zahlen können.
Ganz unten in der Kette stehen die Sub-prime-Hauskäufer (Unterschichtler), die angeworben wurden, als es 2005 immer weniger Wohlhabende gab, die sonst noch die überteuerten Häuser kauften. Die Sub-Primer wurden mit Blenderverträgen, die extrem niedrige Kreditzinsen (option ARMs) vorgaukelten, zum Hauskauf animiert. Aber ihnen wurde nicht gesagt, dass diese niedrigen Zinsen nur für eine Schonfrist von 1 bis 3 Jahren gelten. Nach Ablauf dieser Zeit werden die Marktzinsen fällig. Diese Schonfrist ist nun bei vielen Option-ARMs-Verträgen abgelaufen, so dass die Käufer plötzlich die horrenden Marktzinsen zahlen müssen. Die übersteigen teils sogar das verfügbare Einkommen. Folglich stellen die Sub-Primer - notgedrungen - die Zahlungen ein, der Kreditvertrag platzt, das Haus wird zwangsversteigert. Da viele diese Sub-prime-Kredite zu 100 % fremdfinanziert sind (der Anteil an Hauskäufen ohne Eigenkapital lag 2005 bei 43 %), bekommen die Gläubiger (meist kleine Hypotheken-Verleiher/Broker) nur einen Teil der ursprünglich verliehenen Summe zurück. Auf der Differenz bleiben sie sitzen.
Ursache dafür ist zum einen, dass Erlöse bei Zwangsversteigerungen (Häuser oft "verwohnt" und in schlechtem Zustand) meist niedriger sind als bei normalen Verkäufen, bei denen die Häuser "rausgeputzt" werden. Zum anderen sind Hauspreise seit dem Höhepunkt des Booms im August 2005 ohnehin GEFALLEN - erstmals seit der großen Depression. US-Häuser sind einfach viel zu teuer, und dem Überangebot von Verkäufern, die noch günstig raus wollen, stehen kaum Käufer gegenüber, die die trotz der Rückgänge immer noch überhöhten Preise zu zahlen bereit sind. Selbst "schmucke" Häuser lassen sich heute - bei dem extremen Überangebot im Markt - nicht mehr zu den Blasenpreisen verkaufen, zu denen sie am Höhepunkt des Immo-Booms in 2005 gekauft wurden.
Die Hypothekenverleiher haben die Verträge meist gar nicht behalten, sondern an Banken weiterverkauft. Anschließend werden die Verträge gebündelt und finanziert, indem sie als investmentfähige Anleihe an Privatinvestoren weitergereicht werden (Hypotheken-besicherte Anleihen oder MBS für mortage-backed securities). Das Ausfallrisiko "garantieren" Hedgefonds mittels CDS. Werden die Hypo-Kredite aber nun reihenweise faul, nützt die Bündelung, die in Einzelfällen noch eine Risikoverteilung dargestellt hätte, nichts mehr. Den Krediten stehen keine ausreichenden Vermögenswerte mehr gegenüber, da die Erlöse aus den Zwangsversteigerungen die ursprünglichen Kosten nicht decken. Die MBS platzen. Die Hedgefonds können nicht "leisten", weil zuviele Schäden auf einmal auftreten. Hedgefonds gehen nun auch pleite.
Die Märkte bekommen es mit der Angst zu tun. Die Spreads zwischen Staatsanleihen und unsicheren Junk-Bonds schnellen in die Höhe. Kreditvergabestandards werden verschärft (geschieht im Sub-Prime-Sektor jetzt schon!). Geld wird knapper und teurer. Die Ära der Hyperliquidität endet. Auch normale Hypo-Kredite für Bauland und Eigentumswohnungen, die zu hohem Anteil fremdfinanziert sind, kommen in die Bredouille:
http://www.ariva.de/board/245194?pnr=3095727#jump3095727Mit Pech endet das Ganze dann in dem von Warren Buffett seit langem befürchteten Platzen der Derivateblase (auch CDS sind Derivat). Dies würde zur schwersten Finanzkrise aller Zeiten führen. Da könnte Bernanke den Kollaps nicht einmal mehr aufhalten, wenn er die Zinsen auf Null Prozent senkt wie in Japan.
Gut, das klingt alles überspitzt und muss so nicht kommen. Aber die Instabilitäten im System, die so etwas auslösen KÖNNTEN, sind jetzt schon zur Genüge vorhanden.
Eine Liquditätsverknappung - aus welchem Anlass auch immer - würde aus den in allen Asset-Klassen vorhanden Blasen die Luft lassen. US-Aktien könnten dabei 40 % verlieren - selbst ohne Derivate-Crash.