Hedgefonds :sollten sie verboten werden ?

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Hedgefonds :sollten sie verboten werden ? Kicky
Kicky:

Hedgefonds :sollten sie verboten werden ?

 
10.08.02 13:20
#1
Ungefähr weiss man natürlich, was Hedgefonds hinter ihren verschlossenen Türen treiben: Sie schließen Wetten ab. Herkömmliche Aktienfonds müssen überwiegend brav Aktien kaufen und auf die Wertsteigerung warten, aber Hedgefonds können in den kompletten Werkzeugkasten der modernen Finanzmärkte greifen. Noch nie war die Auswahl so groß: Derivate aller Art oder die beliebten "Leerverkäufe", bei denen Geld aus nichts entsteht. Wenn ein Hedgefonds-Händler zum Beispiel fallende Daimler-Chrysler-Kurse erwartet, kann er sich die Aktie einfach bei einem Wertpapierhaus ausleihen. Er verkauft sie, kauft sie später billiger wieder zurück und schickt sie mit Dank zurück an das Wertpapierhaus. Wie gemacht für Rezessions- und Terrorzeiten.
"Hedge"-Fonds - also Absicherungsfonds - heißt es, weil die meisten Fondsmanager ihre große Freiheit nicht ganz willkürlich nutzen. Sie reduzieren ihre Wetten auf winzige Spezialaspekte am Finanzmarkt und filtern andere Risiken heraus, eine Wissenschaft für sich. So könnte ein Hedgefonds-Manager zum Beispiel darauf wetten, dass die Aktien von Daimler-Chrysler im Vergleich zu anderen Autoaktien ein bisschen zu niedrig bewertet sind: Also kauft er Daimler-Aktien. Doch gegen unvorhergesehene Ereignisse - gegen einen Abschwung der Autobranche, ein Einknicken der Weltkonjunktur oder Durcheinander an den Finanzmärkten - sichert er sich durch andere Aktienverkäufe (zum Beispiel von BMW-Aktien) und durch Derivate ab. Die Methode geht auf den ersten Hedgefonds der Welt zurück, den von Alfred W. Jones aus dem Jahr 1949.

Ein solches System erlaubt präzises Spekulieren mit hohen Trefferquoten - im Prinzip. Doch es hat einen Haken: Die kleinen Arbitrage-Spekulationen mit Daimler-Aktien machen den Hedgefonds-Manager allein noch nicht reich. Also setzt er üblicherweise auch noch das Geld anderer Leute auf seine Wetten: Hedgefonds nehmen nicht selten gewaltige Kredite auf und investieren in Einzelfällen das 40fache ihres Anlagekapitals. Klar, dass das bei Erfolgen saftige Erträge bringt - und dass es bei einer Fehlspekulation steil bergab geht. Etliche große Hedgefonds wie zum Beispiel der Tiger-Fonds sind inzwischen sang- und klanglos untergegangen, zum Beginn dieses Jahres gab es erneut eine Welle von Schließungen. Und als sich 1998 der sagenumwobene Hedgefonds LTCM (Anlageberater: zwei Nobelpreisträger) kräftig verspekulierte, musste ihm die Federal Reserve Bank einen Notfallkredit von 3,6 Milliarden Dollar besorgen. LTCM hatte weltweit so viel Geld in Bewegung gebracht, dass die Zentralbankiers einen Zusammenbruch des ganzen Weltfinanzsystems befürchteten (der LTCM-Exchef hat übrigens inzwischen wieder einen neuen Fonds aufgelegt).
Noch riskanter wird die Sache, weil sich die reine Lehre des alten Jones inzwischen stark verwischt hat. Alle möglichen Anlagefirmen nennen sich heutzutage Hedgefonds, und sie wetten auf alle möglichen Dinge - Arbitrage zwischen Zinssätzen in aller Welt, feine Unterschiede in Aktien- oder Anleihenbewertungen, das Schwanken von Währungskursen, Unternehmen im Übernahmekampf, Rohstoffe und so weiter. Die einen beziehen ihre heißen Tipps aus hoch wissenschaftlicher Forschung, andere setzen auf die Intuition ihrer Händler; die einen sichern ihre Geschäfte ab und die anderen nicht. "Am besten beschreibt man Hedgefonds heute einfach als eine private, nicht eingetragene Investitionsgesellschaft", meint Glen Greenfelder, Präsident der Beratungsfirma CRS in Las Vegas. Mit einer Gemeinsamkeit: Sie sind so gut wie nicht reguliert, Händler und Strategen haben weitgehend freie Hand. "Ich könnte das Geld meiner Kunden auch auf Basketballspiele setzen", ließ sich kürzlich ein Hedgefonds-Manager im Wall Street Journal zitieren. Milliarden in den Händen entfesselter Händler?
In Deutschland ist das freilich noch anders. Das direkte Anlegen in Hedgefonds ist faktisch verboten: Deutsche Fondsgesellschaften dürfen nämlich weder Leerverkäufe tätigen noch Kredit aufnehmen - zwei wesentliche Voraussetzungen. Selbst Dachfonds, die in ausländische Hedgefonds investieren, gibt es nicht - denn die ausländischen Fonds gelten in Deutschland als "schwarze Fonds" und sind mit drakonischen Strafen belegt. Auf die Gewinne fallen 90 Prozent Steuern an. "Man muss kreativ sein, um das zu umgehen", sagt ein Berater.
Trotzdem kommt allmählich Bewegung in den Markt. Der gängige Trick ist im Augenblick, dass sich Investoren indirekt an den Hedgefonds beteiligen: Die Banken verkaufen ihnen eine Schuldverschreibung, die wie alle anderen Schuldscheine Zinsen abwirft - offiziell. Doch die Zinsen sind zufällig genauso hoch, wie das Hedgefonds-Portfolio Gewinne abwirft. 1997 hätten sich auf diese Weise deutsche Investoren erstmals an Hedgefonds beteiligt, sagt Michael Busack, Herausgeber der Fachpublikation Absolut Report. Inzwischen haben Deutsche 7,5 Milliarden Euro angelegt: 3 Milliarden von Großinvestoren und der Rest von Privatleuten.
Die an Schuldverschreibungen gekoppelten Hedge-Dachfonds mehrerer deutscher Finanzinstitute - jeweils aus 25 bis 40 einzelnen Hedgefonds zusammengesetzt - sind der letzte Schrei, seit die Deutsche Bank ihr Hedgefonds-Zertifikat (Xavex Hedge Select) im September 2000 zu vermarkten begann. Binnen Wochen sammelte sie 1,8 Milliarden Euro bei ihrer privaten Kundschaft ein, inzwischen gibt es am deutschen Markt 18 Produkte für Privatanleger. Zuletzt haben die Commerzbank (Comas Plus), die HypoVereinsbank (Value Vision II) und Barclays Bank (Barclays Diversified Alpha Index) neue Produkte vorgestellt.
Bloß haben die in Deutschland verkauften Produkte zwei Nachteile: Sie sind kompliziert und teuer - eben weil viel Aufwand betrieben wird, die staatlichen Bestimmungen zu umschiffen. Und es ist nicht mal entschieden, ob sie wirklich rechtens sind. "Es herrscht ein erhebliches Maß an Unsicherheit", sagt der Bonner Rechtsanwalt Achim Pütz. Der Spezialist für alternative Investitionen hält es für möglich, dass einige dieser Zertifikate eigentlich unter die harschen Regelungen für "schwarze Fonds" fallen. Die chronisch unterbesetzten Regulierer haben sich des Themas gerade erst angenommen, die Anbieter setzen auf Optimismus. "Es ist immer so", sagt Peter Neumayer, der bei der HypoVereinsbank für alternative Investitionen zuständig ist: "Die Banken preschen mit neuen Produkten voran, die Aufsicht folgt." Wie damals, als Derivate auf den Markt kamen.
Die große Hebelwirkung einiger Hedgefonds ermöglichte ihnen in den letzten Jahren "spekulative Angriffe". Massenweise konzertierte Leerverkäufe lösten mitunter ein massives Abrutschen einzelner Währungs- und Aktienkurse oder ganzer Aktienmärkte aus: "Wegelagerer der Globalisierung" nannte der malaysische Premier Mahathir Mohamad Hedgefonds - nachdem die Währung seines Landes durch Finanzmanipulationen des Großinvestors George Soros unter Druck kam. Soros wurde berühmt, als er 1992 mit seiner geballten Macht das britische Pfund aus dem europäischen Währungsmechanismus kegelte. Bis heute geraten Hedgefonds als Erste in Verdacht, wenn etwas Unappetitliches am Finanzmarkt passiert. Gleich nach den Terroranschlägen vom 11. September wurden sie für das besonders schnelle Purzeln der Notierungen verantwortlich gemacht; in Deutschland vermuteten Marktinsider spekulierende Hedgefonds als die Bösewichte, als im Juli der Finanzdienstleister MLP an die Börse ging und sein Kurs unerklärlich fiel.
Trotzdem fordern Finanzbehörden in aller Welt heute zumindest deutlich mehr Transparenz der Hedgefonds. Das Financial Stability Forum in Basel hat Richtlinien für die Banken erlassen, wie sie mit Hedgefonds umgehen sollten - nämlich sehr vorsichtig. Es gibt Überlegungen, Hedgefonds weltweit das Wasser abzugraben, indem man das Verleihen von Aktien oder die exzessive Kreditvergabe an solche Institute verbietet. Und die USA haben schon heute Regeln, die Leerverkäufe in Börsenabschwüngen verbieten
im internationalen Kampf gegen Geldwäscherei sind die Hedgefonds gerade wieder unter Beschuss geraten: Sie sollen besser kontrollieren, wer ihre Kunden sind.
So glauben einige Investitionsberater schon, dass nicht mehr Risiko das Problem der Hedgefonds sei - sondern Langeweile. Durch den Zustrom von Massenkapital könnten viele Fonds bald zu groß, zu zahm, zu überlaufen werden, und am Ende seien bloß noch mäßige Erträge zu exorbitanten Gebühren zu erwarten. Er sehe "die klassischen Zeichen einer Blase", polterte kürzlich der Stratege Barton M. Biggs bei Morgan Stanley in einem launischen Artikel und brachte damit viele in der Branche gegen sich auf.
Doch andere teilen seine Meinung. Je größer die Fonds - so das Argument -, desto kleiner würden die Chancen auf Arbitrage-Geschäfte.
aus der Zeit www.zeit.de/2002/02/Wirtschaft/200202_hegdefonds_ferti.html
Hedgefonds :sollten sie verboten werden ? knipser 2
knipser 2:

sag mal,glaubst du den shit??????? o.T.

 
10.08.02 15:44
#2
Hedgefonds :sollten sie verboten werden ? Kicky
Kicky:

da musste schon detaillierter werden knipser

 
11.08.02 15:33
#3
das mit Soros zumindest hab ich selber schon mal früher recherchiert,auch diesen berüchtigten LTCM Fonds,aber was ich besonders interessant fand ist der Unterschied zu USA.Hier spielt das shorten natürlich eine wesentlich grössere Rolle.Ob die Banken und Fonds  in Deutschland ein ähnliches Spiel treiben,kannst du wahrscheinlich besser beurteilen
Hedgefonds :sollten sie verboten werden ? Schnorrer
Schnorrer:

"Alles muß verboten werden". O-Ton Günther

 
11.08.02 15:38
#4
Beckstein nach der Bundestagswahl.
Hedgefonds :sollten sie verboten werden ? knipser 2
knipser 2:

@Kicky

 
11.08.02 18:21
#5
das mit soros u. dem LTCM fonds stimmt,auch dass hedgen/shorten in D offiziell verboten ist.nur,wer hält sich daran?
im prinzip kann jeder "depp" heute hedgen/shorten.
die finanzinstrumente u. der freie fluss des kapitals ermöglichen dies sehr einfach.siehe:OS-scheine,futures.
hinz u. kunz könnte heute,falls er wollte u. sich informiert/interessiert,seine aktien über futures abdecken.z.b.:du kaufst morgen aktien,dax=4000P,4000Px25€=100.000€
wenn du also den dax nachbildest,für 100.000€ werte hast,so kannst du mit dem shorten eines kontraktes auf den dax,deine aktien gegen wertverlust sichern,also hedgen!dies ist in D die bis dato einzige möglichkeit,direkt auf den markt durch shorten einfluss zu nehmen.
wer heute noch glaubt,dass die kurse durch käufer/verkäufer bestimmt werden,der kennt die macht der futures nicht.hier werden die kurse gemacht!nicht auf dem parkett!
alle grossen decke ihre aktienpakete über die futures ab(banken,versicherungen,fonds).die banken sind bei den futures stillhalter!
was früher bei den hedge-fonds lief kann ich nicht sagen.heute aber arbeiten diese fonds genau so,wie jeder andere auch,also auch mit absicherungsgeschäften.
z.b.:in den usa ist ein fond mit 3 grossen s&p kontrakten short.falls er befürchtet,dass irgendwie sich alles dreht,so kann er einem broker in europa die order geben,ab punkt x 5kontrakte im dax long zugehen.wenn er dann aufwacht,der markt sich gedreht hat,so kann er immer noch beruhigt kaffee trinken,da die verluste gleich null sind,wenn überaupt.
u. diese möglichkeit hat im prinzip JEDER,man muss sie nur nutzen!

in wie weit die grossen in hedge-fonds invollviert sind,bzw. diese selbst auflegen(durch zukäufe im ausland,o. töchter im ausland),kann ich nicht genau sagen.ich möchte es aber auch gar nicht genau wissen:-)))
nur noch eins:seit diesem jahr kann mann/frau über interactive brokers alle werte aus dem dax shorten.er kann dort alles traden,vom öl,über währungen,futures,soja,etc...........long sowie short!
wer heute noch nur auf aktien setzt,braucht sich nicht zu wundern,wenn er irgendwann pleite ist.aussitzen in dieser schnellen zeit,halte ich beinah für ausgeschlossen.
u. shorten/hedgen hat noch keinem geschadet.
also glaubt diese ammenmärchen über die bösen hedge-fonds endlich nicht länger!nehmt euch ein beispiel,u. handelt wie die!
zum schluss:natürlich können hedge-fonds "verfetten".es gibt aber auch fonds,die als hedger tituliert werden,obwohl diese fonds in allen möglichen märkten geld verdienen,egal ob short/long.schau dir mal ein paar dachfonds an,u. nimm sie genau unter die lupe.sehe dir genau deren portfolio an,u. du wirst feststellen,wie eng die verwoben sind,bzw. dass das geld im haus bleibt.denn wer den gesammten finanzablauf bereithält,kann den meisten rahm abschöpfen.ich glaube das ganze nennt man dann optimierung der
"wertschöpfungskette".
du siehst also,hedge/shorten kann jeder,falls er seine birne einschaltet.
die zeitungen sollte sich lieber mal mit den lebensversicherern en detail befassen.die haben nämlich die selben blöden fehler gemacht,wie die hedge-fonds in ihrer anfangszeit--handeln ohne absicherung!
gruss knipser

schau dir mal(falls noch nicht,was ich aber kaum glaub)interactive brokers.de an.




Hedgefonds :sollten sie verboten werden ? spucky
spucky:

:)

 
11.08.02 19:03
#6
keine Angst will nur schauen wie   dieser coole Smiley hier wirkt ^^

Hedgefonds :sollten sie verboten werden ? 747300
Hedgefonds :sollten sie verboten werden ? Kicky
Kicky:

den Hedgefonds die Daumenschrauben anlegen?

 
21.04.07 20:35
#7
naja es heisst einen Verhaltenskodex zusammen mit den Vertretern der Hedgefonds zu finden,so fordern es Vertreter Deutschlands und der EU,aber USA und England blocken ab
www.tagesspiegel.de/wirtschaft/nachrichten/...kodex/100195.asp
Die EU-Finanzminister wollen die deutsche Initiative zur Kontrolle der hoch spekulativen Hedgefonds unterstützen...Angestrebt sei eine Selbstverpflichtung der Hedgefonds zu einem verbindlichen Verhaltenskodex...Die hierzulange auch als Heuschrecken geschmähten Fonds verwalten enorme Summen: Zum Ende des vergangenen Jahres waren es geschätzte 1400 Milliarden Dollar. Fehlspekulationen könnten deshalb Dominoeffekte entfalten und schwere Finanzkrisen auslösen, argumentieren Befürworter einer stärkeren Kontrolle. Ein verbindlicher Verhaltenskodex für die Hedgefonds wäre ein "bedeutender Schritt", sagte Steinbrück. Um einen solchen Kodex zu erreichen, müssten die Vertreter der wichtigsten Fonds bei den Beratungen mit am Tisch sitzen. Keine "zufriedenstellende" Antwort gebe es allerdings bislang auf die Frage, wie Verhaltensvorschriften kontrolliert werden könnten.Unterstützung für die deutsche Initiative erhielt Steinbrück nach eigenen Angaben von der EU-Kommission, der Europäischen Zentralbank, den EU-Notenbankgouverneuren und dem Forum Finanzstabilität. Diese Arbeitsgruppe von Finanzministerien, Zentralbanken und Finanzaufsichtsbehörden der Industrieländer hatte in einem Zwischenbericht von Ende März mehr Transparenz für Hedgefonds empfohlen. Seinen fertigen Bericht soll das Forum beim Treffen der Finanzminister der sieben führenden Industriestaaten(G7) und Russlands Mitte Mai in Potsdam vorlegen.Vor allem die Amerikaner und Briten haben starke Vorbehalten gegen Regeln für die Hedgefonds, deren Manager überwiegend in den Finanzzentren New York und London arbeiten und Steuern zahlen. Beim Treffen am Samstag in Berlin habe sich der britische Finanzminister dafür ausgesprochen, dass ein intensiver Informationsaustausch der Aufsichtsbehörden von Hedgefonds nötig sei, sagte Steinbrück dazu ...
Hedgefonds :sollten sie verboten werden ? Kicky

Zeichen an der Wand

 
#8
WOZ die Wochenzeitung ,Schweiz
www.woz.ch/artikel/2007/nr24/wirtschaft/15077.html
Die Regeln und Mechaniken des Finanzkapitals herrschen zusehends über die gesamte Wirtschaft. Was geschieht da konkret?

Zu den alten, soliden Gewissheiten von Gewerkschaften und SP gehört es, «diese ganze absurde Finanzkapitalsphäre» als eigenen Zirkus zu sehen, der zwar die Konzentration der Unternehmen antreibt und als Shareholder-Value die Arbeit auspresst, aber doch meistens abgekoppelt von der realen Ökonomie funktioniere; spekulativ, als Blase, als krisenhafter Auswuchs des Kapitalismus. Irgendwann platzen Blasen immer, weiss die traditionelle Linke. Dabei werden fiktive Werte in Milliardenhöhe vernichtet. Auch Zehntausende von Arbeitsplätzen gehen kaputt, aber am Ende hat der gute alte warenproduzierende Kapitalismus, den wir kennen und auch zu bekämpfen glauben, doch weiter Bestand.......Plünderung oder Verkauf
Vermutlich haben das einige ArbeiterInnen der Swissmetal vor zwei Jahren auch gedacht. Nach der jüngsten Ankündigung von weiteren 208 Entlassungen wundern sie sich über die verbreitete Ahnungslosigkeit. Seit der Hedge­fonds Laxey Partners in Dornach und Reconvilier regiert, geht es bei Swissmetal nicht mehr um die Produktion, sondern allein darum, den Konzern so zurechtzuhauen, dass er mit Gewinn verscherbelt werden kann.

Industrielle Strategien sind für Hedge­fonds selten ein Thema. Nicht mehr die Produktion zählt, sondern der immer schnellere Umlauf von Wert, Geld, Kapital. Fonds plündern die wirtschaftliche Substanz - sie bauen keine langfris­tigen Unternehmensperspektiven auf.

Diesem Zusammenhang sehen sich auch die Belegschaften der Industriekonzerne Sulzer, Saurer, OC Oerlikon, Ascom, Implenia ausgesetzt. Ihre Arbeitsplätze hängen nicht mehr davon ab, wie gut ihre Produkte sind und ob sie sich verkaufen, sondern allein davon, welche Verwertungsstrategie die Fonds und die Banken wählen: Aufsplitterung? Plünderung der Reserven? Verkauf? Und in den Fällen Sulzer, Saurer, Oerlikon sind sie auch davon abhängig, ob die Finanzkonstruktion der Investoren - besser Desinvestoren - Georg Stumpf und Ronny Pecik hält. Die Banken haben ihrer Finanzgesellschaft Victory die halbe Schweizer Industrie zugehalten. Die Übernahme von Saurer durch Oerlikon geschah auf Pump. Dieser Tage musste die Citigroup, der Welt grösste Bank, mit einem 2,5-Milliarden-Kredit Oerlikon, also Stumpf/Pecik, zu Hilfe eilen.

Zehntausende von Arbeitenden versuchen nun, die Zeichen an der Wand zu lesen. Sie haben Grund zur Sorge. Sie wissen nicht, ob Victory ein Industriekonglomerat bauen will oder bloss beim grossen Firmenmonopoly kassiert. Leicht könnte eintreten, dass in wenigen Jahren diese Schweizer Industriekonzerne dem Finanzkapitalismus zum Opfer gefallen sind.

Tatsächlich abgekoppelt hat sich das Finanzkapital nur in zweierlei Hinsicht: Einerseits zirkuliert auf den Märk­ten für Aktien, Obligationen, Derivate, Währungen, Kredite, Schuldentitel aller Art bald achtzigmal mehr fiktives Geld, als die gesamte Weltökonomie an Leis­tung erwirtschaftet. Das versetzt die amtlich bestallten Finanzlenker in helle Panik. Kein Tag vergeht, ohne dass eine europäische, amerikanische oder globale Institution nicht eine besorgte Meldung über «Stabilitätsrisiken» (sprich: einen drohenden Crash) absetzt. Und weil dieses fiktive Geld nichts anderes ist als eine sich immer schneller drehende Kreditspirale, also eine Wette auf künftigen Mehrwert, baut das Finanzkapital andererseits an der Fiktion von einer Ökonomie mit Wertschöpfung durch reinen Geldtausch, also ohne Arbeit. Doch Arbeit in all ihren Formen ist die einzige Quelle von Mehrwert.

Daraus zu schliessen, die «Finanzkapitalsphäre» sei eine eigene Ökonomie, ist eine optische Täuschung oder, wie der linke Publizist Robert Kurz sagen würde, ein «Verblendungszusammenhang». Vielmehr hat sich der innere Aufbau des Wirtschaftssystems verändert, in dem wir leben: Herrschte zuvor das produktive Kapital, dominiert heute das Finanzkapital. In den USA kontrollieren Fonds schon mehr als die Hälfte, in Europa mehr als ein Drittel der Unternehmen. Schlimmer: Wir sind immer noch im Kapitalismus, aber zunehmend in einem Kapitalismus mit völlig neuen Regeln - Zirkulation hat die Produktion als dominierendes Mus­ter abgelöst.

Interessant ist, wie sehr dieses Zirkulationsmuster schon Mentalitäten und Verkehrsformen unter den Menschen verändert hat. Der Finanzkapitalismus baut den Kapitalismus um. So sind heute - banal - auch produzierende Unternehmen den Renditeerwartungen der Finanzmärkte unterworfen. Die Folgen sind weniger banal. Der Druck, die Arbeit zu reduzieren, drückt nicht nur auf die Löhne, sondern treibt Mechanismen wie Rationalisierung, Auslagerung und so weiter verschärft an. Unternehmen greifen zu neuen Strategien, etwa dem freiwilligen oder erzwungenen Aktienrückkauf aus der Substanz des Unternehmens. Die meisten Multis gebärden sich wie Finanzkonzerne - und verdienen mit Finanzgeschäften oftmals mehr als mit realer Produktion. Langfristig werden nur jene überleben, die selbst mit Derivaten, Devisen, Schuldentiteln handeln. Die Verschuldung der real produzierenden Unternehmen steigt explosionsartig.

Vor allem aber setzt die riesige Masse fiktiven Kapitals eine historische Übernahmewelle in Bewegung. Im ers­ten Quartal 2007 wurden allein in der Schweiz 99 Firmen für mehr als 30 Milliarden Franken aufgekauft - fast immer auf Pump. Global attackieren die Hedgefonds und Private-Equity-Fonds Unternehmen jeder Grösse - sogar die Citigroup selbst.Regulierung und Pensionskassen

Wie dieser epochale Umbau zu verstehen sei, darüber streiten sich gescheite Köpfe innerhalb der Linken. Klar ist nur, dass der Finanzkapitalismus ein mächtiger Hebel für die Konzentration des Kapitals ist - am Ende wird wohl ein globaler Konzern je Branche übrig bleiben. Drei Interpretationen lassen sich grob unterscheiden: Die einen sehen im Finanzkapitalismus eine noch ungelöste Langzeitkrise. Für Denker wie Michel Aglietta hingegen bildet sich da der Kern einer völlig neuen Gesellschaftsform heraus. Robert Kurz und andere denken, der Kapitalismus gerate nun an seine Systemgrenze.

Wie auch immer. Für jene, welche den Kapitalismus zähmen, die Ökonomie in den Dienst der Gesellschaft stellen, den ökologischen Umbau anpacken und den Bürgerkrieg verhindern wollen, stellt der Finanzkapitalismus die Frage nach der richtigen Strategie. Kampfmassnahmen, wie wir sie kennen, verfangen in vielen Fällen nicht mehr, die Sozialpartnerschaft wird durch das Finanzkapital ausgehebelt. «Was sollen wir jetzt tun», fragte ein Unia-Gewerkschafter, als der Hedgefonds Laxey den Baukonzern Implenia kaperte, «sollen wir etwa die ­NeatBaustelle per Streik lahmlegen?»
Die Industrie-Delegierten der Unia haben dieser Tage «Strategien für den Werkplatz» erarbeitet, ein Industriekonzept also, dessen Ko-Autor ich bin. Es verbindet traditionelle Strategien mit einem Pakt für den ökologischen Umbau und dem Kampf gegen den Finanzkapitalismus. Freilich sind die konkreten Formen des Widerstandes noch zu erfinden.

Ich habe vorgeschlagen, die Gewerkschaften sollten ihre paritätische Rolle in den Pensionskassen dazu nutzen, den Fonds den Zugriff auf die 650 Milliarden Vorsorgekapital zu entziehen. Gian Trepp, der wohl beste Kenner der Schweizer Finanzplatzes, beurteilte das skeptisch. Er meint, die Pensions­kassen seien treibende Kräfte des Finanz­kapitalismus. Trepp plädiert für eine starke politische Regulierung der Finanzmärkte.

Tatsächlich besteht viel Spielraum für Regulierungen. Das Aktienrecht könnte etwa das Stimmrecht der Raider einschränken, die Aktienausleihe verbieten, Optionen und andere Derivate könnten eingeschränkt werden, den Kantonalbanken müsste eine neue Rolle zugeschrieben werden, Hedgefonds und Finanzierungsgesellschaften könnten harten Transparenzregeln unterworfen werden und einiges mehr.
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