Hans Bernecker: Nicht nur auf Technologie schauen


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jack303:

Hans Bernecker: Nicht nur auf Technologie schauen

 
25.04.02 11:23

Mails/Nachrichten vom 25.04.2002, Bernecker & Cie.

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Guten Morgen, meine Damen und Herren,
gestern setzte sich die Tendenz fort, die schon in den Vortagen gegeben war. Ein paar Konjunkturzahlen, ein paar Firmendaten, aber große Sensationen (positiv wie negativ) sind nicht drin. Ich glaube auch nicht, daß heute oder morgen noch Wesentliches zu erwarten ist, welches den Gesamteindruck verändern könnte. Dieser ist:

Der Markt findet langsam Boden, und zwar für jede einzelne Aktie. Die apokalyptischen Verlustzahlen sind verkraftet. Sie kamen von AOL Time Warner mit dem Rekordverlust von 54 Mrd $, was ungefähr 150 % mehr ist als der Jahresumsatz. Man muß sich diese Zahl einmal vorstellen. Natürlich ist es kein Betriebsverlust, sondern eine Goodwill-Abschreibung. Sie zeigt aber, in welchen Dimensionen vor weniger als 4 Jahren die Akteure gedacht haben, um dem Markt die These zu verkaufen, sie würden strategisch richtig investieren. Ist damit das Risiko in der AOL-Bilanz beseitigt? Wo liegt der faire Wert für den weltgrößten Kommunikationskonzern? Ich meine, er müßte eher bei 14/15 $ liegen. Restrisiko also noch immer 20 - 25 %. Ob dieses Niveau erreicht wird, hängt allerdings davon ab, wie die allgemeine Meinung bzgl. solcher Titel sich demnächst entwickelt. Ich bleibe vorerst auf der vorsichtigen Seite und sehe keinen Grund für Investments. Die großen Weltmarktführer bauen langsam eine solide Basis. Nach Lucent (die Zahlen kennen Sie) war gestern Xerox dran. Rückwirkend die Abschlüsse korrigiert, aber dies ist nicht mehr entscheidend. Wichtiger ist, wie Xerox sich künftig entwickelt. Voraussichtlich 18,5 Mrd $ Umsatz und 60 - 70 Cents Gewinn je Aktie in diesem Jahr mit einer ersten Perspektive bis 1,60 $ je Aktie in 2004. Das ist natürlich etwas mutig, aber logisch: Xerox hat a) seine Krise überwunden, b) seine Finanzierung weitgehend im Griff und c) läßt sich daraus eine relativ sichere Ertragstendenz hochrechnen. Bei Lucent gilt das gleiche: Nachdem diese Aktie von 99 % aller Marktteilnehmer pausenlos heruntergestuft wurde, darf gerechnet werden: Rückläufiger Umsatz, aber Margenverbesserung. Auch das ist der klassische Fall einer „Sanierung“. Für viele kurzatmige Investoren ist dies schwer verständlich, aber in solchen Aktien verdient man über Jahre sehr viel Geld. Selbst dann, wenn man im Moment schief liegt.

Yahoo ist die andere Seite dieser Betrachtung. Gestern + 3,11 % auf 14,60 $. Hier geht es ausschließlich um die langfristige Perspektive einer völlig neuen Technologie, wie Sie wissen. Zahlen sind dabei unwichtiger als die Frage, ob es Yahoo gelingt, von der Werbung unabhängiger zu werden und eine bleibende Basis aus dem laufenden Geschäft (Nutzer-Entgelt) zu gewinnen. Das ist ebenso langfristig, aber natürlich mit dem Handicap stark schwankender Notierungen.

Meine Meinung: Lesen Sie die morgige AB bitte etwas sorgfältiger. Eher zufällig ergeben sich eine Menge äußerst lukrativer Gewinne, die alle dadurch entstanden sind, daß sie in Qualitätsaktien entstanden sind und noch entstehen und nichts mit den Lieblingen der Technologie zu tun haben. Mein dringender Rat: Schauen Sie nicht nur auf die Technologie, sondern auf die Aktien, mit denen Sie jetzt Geld verdienen.

Frankfurt hat heute die Siemens-Zahlen und die von Daimler zu verarbeiten. Sie werden das im TV bereits verfolgen. Mir sind die aktuellen Halbjahreszahlen weniger wichtig als das, was Siemens im nächsten halben Jahr daraus macht. Denn selbstverständlich konnte sich Siemens den Einbrüchen ebenso wenig entziehen wie die Konkurrenz. Charttechnisch sieht Siemens allerdings nicht sehr gut aus. Deshalb bitte keine vorschnellen Entscheidungen in Sachen Kauf.

Bei Dt. Telekom laufen die vorsichtigen Abgaben einiger Altaktionäre von Voicestream immer noch. Ich habe versucht, darüber Näheres zu erfahren. Mir wird angedeutet: Noch etwa 2 - 2,4 % der ausstehenden Telekom-Aktien dürften zur Disposition stehen. So lange die auf den Markt drücken, kommt die Aktie nicht von der Stelle. Das hat aber nichts mehr mit den Fakten zu tun, sondern mit dem Geldbedarf der Verkäufer. So lange in diesem Umfeld 16 E. im Wesentlichen gehalten werden können, bin ich zufrieden.

Die Mittelklasse der deutschen Pharmazeutik lege ich Ihnen erneut nahe. Auch das ist ein Thema in der AB seit über 5 Wochen. Ich registriere heute 2 weitere Hochstufungen von Fresenius Medical und bleibe beim Kursziel von 90 bis sogar 92 E. gegen akt. um 70/72 E. Das wäre die potentiell größte Kurschance in diesen Titeln. Altana bleibt wie in der AB eingeschätzt. Hier ist allerdings das Potential geringer. Schwarzpharma erhält einen neuen Kursschub, wenn 40 E. überschritten werden. Dazu liegen mir aber die Quartalszahlen noch nicht vor. Ich komme darauf noch zurück. Das leicht verschlechtert erscheinende Ergebnis für Merck wurde gestern mit 0,8 % Abschlag im Markt bewertet. 35 E. sind ein Kauf, wie kürzlich begründet.

Eine alte Vokabel wärme ich wieder auf: German Tech. Sie werden sich vielleicht erinnern. Darunter verstand man vor Jahren die qualifizierten Maschinentitel in Deutschland. Allesamt zeigen eine überzeugende Markttechnik, die durchweg mit soliden Zahlen unterlegt ist, aber auch dazu führt, daß eine Reihe sog. Spezialfonds Bestände aufbauen. Favorit ist gegenwärtig noch immer Krones mit neuem Höchstkurs und erweitertem Kursziel bis zunächst 35 E.

Die Sneaker-Spekulation erhält heute einen neuen Akzent. Puma legt heute die Zahlen auf und sagt 30 % Wachstum in diesem Jahr voraus. Das ist natürlich enorm. Der Kurs hat aber schon 64 % Gewinn in diesem Jahr hinter sich. Aufgrund der Zahlen können Sie mit neuen Hochstufungen der Analysten rechnen. Eine alte Börsenregel heißt aber: „sell on good news“. Ich hatte kürzlich die Frage diskutiert: Die Hälfte bei Puma nach gutem Gewinn realisieren und auf Adidas umsteigen? Puma seitdem nochmals + 15 %, Adidas aber nur verhalten bei 77 E. Puma-Börsenwert nun aber fast doppelt so hoch wie der Umsatz. Bei Adidas ist es umgekehrt. Jedenfalls: Wer Puma mitten im Boom kauft, lebt gefährlich. Wer Adidas in der Flaute kauft, hat längerfristig die größere Chance. Ich könnte mir Puma-Kurse von 60 E. auch noch vorstellen, aber es sind letztlich sehr hohe Kurse. Beide werden übrigens im KGV fast gleichartig bewertet.

Nicht vergessen: Die Bauspekulation läuft weiter, wie seit Wochen an dieser Stelle kommentiert. Bei Buderus kommt es nicht auf die Zahlen an, sondern auf die Verwertung des Paketes von Bilfinger & Berger, und ich rechne mit einem Gebot noch in diesem Quartal. Dazu auch die nächste AB abwarten. Das wär’s für heute, bis morgen.

Herzlichst Ihr

Hans A. Bernecker
 




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