Mails/Nachrichten vom 05.03.2002, Bernecker & Cie.
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Guten Morgen, meine Damen und Herren,
die Frühjahrs-Rally 2002 ist eröffnet. Sechs Börsentage vor dem zweiten Geburtstag der Baisse, die am 8. bzw. 10. März 2000 begann. Gestern wurden alle um etwa 3 % reicher. Mit Glück waren es auch 8 %, mit Pech ein Null-Spiel, aber wenigstens kein Minus. Würde es aber so weitergehen, läge der Jahresgewinn bei über 320 %, was unmöglich ist. Doch selbst dann wären viele Kurse der Technologie noch längst nicht da, von wo sie herkommen. Diese Zahlenspiele zeigen Ihnen den Rahmen:
Was jetzt begonnen hat, ist eine Konjunkturbörse. Die erste Phase war die Erholungsbörse nach dem Schock von New York. Dem folgte die Konsolidierung, die immer eines der schwierigsten Abläufe darstellt. Mit dem Handelsblatt-Frühindikator, den Sie heute im Handelsblatt lesen, erhalten Sie die Ergänzung zu den anderen Indikatoren, die ich schon zitiert hatte. Das wiederum ist deckungsgleich mit denjenigen in den USA. Das bedeutet: Es zeichnet sich eine Börsentendenz ab, die weitgehend von soliden Fakten begleitet oder untermauert sein wird. Darin stecken weniger Sensationen, aber eine Menge Solidität.
Klare Linie für Sie: Konzentrieren Sie sich auf die gängigen, liquiden, fundamental sicheren Titel und auf keine ehemaligen Lieblinge. Seit Wochen schreibe ich darüber und unterstreiche dies. Die Barliquidität der Fonds geht in diese Titel und nicht in fragwürdige 'Highflyer'. Leider. Eine ganze Reihe guter mittlerer Titel wird jetzt ebenfalls im Schatten stehen. Macht nichts. Sie kommen später. Ich habe deshalb in den letzten Briefen auf diese Blue Chips besonders aufmerksam gemacht. Sämtliche diesbezüglichen Empfehlungen gelten auch jetzt noch. Andererseits:
Es gibt eine Reihe von Technikaktien, die echte Spielpapiere darstellen. Das sind im deutschen Markt Epcos und Infineon, wo man mit großen Summen schnell 2 - 4 E. machen kann, was die Fondsmanager natürlich nutzen. Das sieht reizvoll aus, ist aber ein gefährliches Spiel. Hier spiele ich nicht mit, auch wenn meine kürzlichen Abstauberlimits sehr wahrscheinlich zu tief liegen. Die Spanne beträgt jetzt fast 10 E. und dürfte wohl nicht mehr realisiert werden.
Wall Street konkret: Der Dow schaffte gestern fast in einem Zug den Marsch bis an die gestern beschriebene einstweilige Grenze. In der Spitze 10.600. Das ist m. E. ein Schritt zu weit, aber unabhängig von technischen Rückschlägen stimmt das Bild. Noch in diesem Monat geht es um die nächste Hürde, die bei 11.000 liegt und erst ab 11.400 wäre der Weg frei, was bedeutet: Der Dow ist der erste Index der Welt, der einen neuen Rekord anstrebt. Warten wir's ab. Die Markttechnik hat sich natürlich entsprechend verbessert.
Auch hier verweise ich auf meine letzten Empfehlungen. Bauen Sie die Blue-Chip-Positionen aus. Eastman Kodak gestern 34,30 $. General Motors erreichte 59,19 $ und das bedeutet, daß Sie heute in Ford investieren, die als einzige Autoaktie der Welt nur 2 $ über dem Tief notiert. Dazu die nächste AB beachten. Im übrigen bleibt es bei allen anderen Empfehlungen. Aber:
Oracle absolvierte gestern schon das, was ich avisiert hatte. Diese Hightechs sind das schwierigste Feld, regelrecht ein Minenfeld. Oracle ist frühestens bei 11 oder auch 10,50 $ ein Kauf, gestern im Tief 12,95 $. Wie das geht, zeigte zuvor Sun M. mit 9,11 $ gestern und damit +30 % über dem zweiten Tief, sowie EMC, die bis 12,10 $ anzog. Beide machten ein Doppeltief, wie beschrieben. Bei Cisco bleiben Sie draußen, bis die Gerüchte um Bilanzmanipulationen einwandfrei dementiert werden können.
Frankfurt vollzieht New York nach. Ergänzend zu oben gilt auch hier: Diejenigen, die die deutsche Konjunktur am besten abbilden, sind die aktuellen Favoriten. Vielleicht nicht immer in Prozent gerechnet, dafür aber am besten zu kalkulieren. Die schweren Chemietitel legten gestern zwischen 2,4 und 2,7 % zu. Bei Henkel wird es nun spannend. Die Familie Herz verkauft die Reemstma-Beteiligung für über 6 Mrd E. Damit ist das Rennen um Beiersdorf eröffnet. Für wen entscheidet sich die Allianz? Es gibt aber noch eine interessantere Pharmaaktie im DAX 100, die im Moment eine noch größere Chance hat. Das beschreibe ich in der AB. Im übrigen: MAN hat die kürzliche Verkaufsempfehlung einer Investmentbank, die ich als falsch bezeichnet hatte, glänzend überwunden. Gestern sogar 29,05 E. Ich setze weiter darauf, was ich bereits beschrieben habe, und erhöhe das Kursziel auf zunächst 34 E.
Zu den kleineren Titel meiner Empfehlungsliste: SGL Carbon gestern schon 24,40 E. Werden 26 E. überschritten, müßte es schneller gehen. Schauen Sie sich dazu die letzte Beschreibung in der AB an. Hier laufen weitere Käufe bei stark schwankenden Notierungen. Deshalb ist es möglich, daß diese plötzlich aussetzen und dann fällt der Kurs um 2 - 2,50 E. zurück. Das wäre der neue Einstieg.
Zum Terminkalender: Heute ist Dt. Telekom dran, und ich wage eine erste neue Berechnung für diese Aktie, die sich an etwas anderen Zahlen orientiert, als sie gewöhnlich benutzt werden. Das ergibt fast eine ganze Seite in der AB, aber Sie sollten das Ganze sorgfältig lesen. Denn: Dieser Titel ist derjenige, der in Prozent gerechnet das größte Erholungspotential im DAX hat. Anschließend kommen Henkel, Escada und Fresenius Medical bzw. die Mutter Fresenius. Ich hatte darauf schon aufmerksam gemacht. Auch dies vorab: Am Donnerstag ist Celanese dran. Ferner Adidas und Balda sowie Aegon und Ahold in Amsterdam bzw. Agfa-Gevaert in Brüssel. Bei Volkswagen erwarte ich in der Pressekonferenz zum Sektor Nutzfahrzeuge einen Hinweis darauf, wie Wolfsburg im Sektor Lkw mit dem Problem Scania umgehen will, nachdem MAN ein Interesse signalisiert hatte.
Neues Ärgernis bei Software. Gewinnwarnung. Ich zeichne kurz nach: Vor drei Wochen hatte eine Investmentbank eine Verkaufsempfehlung gegeben. Das stand gegen meine Kaufempfehlung. Drei Fonds schütteten und der Kurs fiel auf rd. 25 E. zurück. In mehreren Interviews widersprach der Vorstand der negativen Einschätzung, worauf sich der Kurs wieder auf 32 E. erholte. Das entsprach meiner Kaufbasis. Jetzt dies! Das mache ich nicht mit. Was im Hause von Software läuft, weiß ich nicht. Aber so geht's nicht. Ich ziehe die Empfehlung mit sofortiger Wirkung zurück und betrachte dies als eine Unverschämtheit in der Öffentlichkeitsarbeit von Software.
Apropos DAX: 5.250/5.300 ist die Trendlinie für den Abwärtstrend seit April 2000. Das wäre der erste Break. Die zweite wichtige Marke sind dann 5.450 als letzter Widerstand auf der Waagerechten. Erst danach beginnt der Beschleunigungseffekt. Der Stochastik zeigt in dieser Lage genügend Spielraum, um diesen Break zu packen. Dann ergäbe sich ein Erholungspotential für den DAX im Laufe der nächsten 2 bis 2 ½ Monate von bis zu 6.200/6.400. Es geht also in Stufen. Diese Indikation wird noch mehrfach zu überprüfen sein. Sie ist deshalb eine erste Leitlinie für Sie.
Herzlichst Ihr
Hans A. Bernecker
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