Mails/Nachrichten vom 08.01.2003, Bernecker & Cie.
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Guten Morgen, meine Damen und Herren,
wenn Sie in diesem Jahr die Benchmark schlagen wollen, also die jeweiligen Indizes, müssen Sie völlig anders denken, als dies in den vergangenen Jahren üblich war. Ich habe dies schon gelegentlich so avisiert, aber gestern konnten Sie es insbesondere in New York nachvollziehen. Insofern ist es ein Beispiel, aber aussagefähig. Hauptthema des Tages war natürlich das neue Konjunkturprogramm der Amerikaner.
Ich fühle mich exakt 20 Jahre zurückversetzt. 1982/1983 diskutierten wir ebenso kontrovers die damaligen Steuerpakete von Präsident Reagan. Sie können es sogar noch in den alten ABs nachlesen. Die seit gestern laufende Diskussion hat die gleichen Ansätze. Ich hatte es schon im Brief Nr. 46 vorweggenommen. Worin liegt der entscheidende Ansatz?
Die Beseitigung der Doppelbesteuerung der Dividenden ist volkswirtschaftlich ein Teilaspekt. Das führt zwar für einzelne Branchen zu einer Veränderung der Dividendenpolitik der Unternehmen, nicht jedoch des Marktes. Der Anstieg des Utility-Index um 5,5 % ist ebenfalls ein Teilaspekt. Wenn Glenn Hubbart als Chefökonom des Weissen Hauses daraus einen möglichen Kursanstieg um 20 % konstruiert, geht dies wiederum zu weit.
In den verschiedenen Elementen erleichterter Steuerlast steckt mehr. Auch hier nur in der Summe. So sollen die bereits im Frühjahr 2001 beschlossenen Senkungen bei der Einkommenssteuer, die für 2004 und 2006 vorgesehen waren, vorgezogen werden. Dazu gehört auch die Kindergutschrift, die auf 1.000 $ verdoppelt wird, und ähnliches. Der Effekt ist der: Aus Steuersenkungen von heute entstehen zunächst Einnahmeausfälle des Staates, also ein Defizit im Haushalt, welches dadurch ausgeglichen wird, daß die Steuermehreinnahmen aus einer höheren Wirtschaftsleistung die Tilgung garantiert. Über die Zeitdauer dieses Vorganges wird demnächst gestritten werden. Den viel diskutierten Laffer-Effekt hatte ich Ihnen schon beschrieben. Er wird ein Thema werden. Klarer Sachverhalt:
Amerika gibt fiskalisch Gas und Europa steht fiskalisch auf der Bremse. Eine ideale Spielwiese für die Volkswirte, die sich zu diesem Thema in den nächsten Monaten allseits äußern können.
Zurück zur Börse. Die Eckwerte stehen. Allesamt in den verschiedenen Segmenten der Technologie. Darüber bin ich sehr erfreut und hoffe, Sie darauf gut vorbereitet zu haben. Denn darin liegt die Konjunkturindikation. Wie?
New York meldet - 0,38 % im Dow, aber + 0,98 % im Nasdaq. Das ergab gestern solide Kursgewinne in den wichtigsten Technologieaktien. An der Spitze zwei typische Aktien a) der Auftragsfertigung und b) der Hochtechnologie.
Alle drei Auftragsfertiger gestern zwischen + 7 und + 11 %. Lesen Sie den gestrigen Ticker nach. Bitte nicht hinterherlaufen und neue Käufe auf eine technische Korrektur abstellen. Hintergrund: IBM vergibt seine Produktion von Großrechnern an den Vertragshersteller SANMINA, woran die IBM-Aktie mit + 3 % profitierte. SANMINA + 10,3 %, FLEXTRONICS bis knapp 10 $ und SOLECTRON bis 4,48 $.
Die Großen ziehen mit. IBM am Schluß 86 $, HEWLETT PACKARD in der Spitze 20,16 $ und ich freue mich diesbezüglich besonders für Carly Fiorina als Chefin, mit der ich das Glück hatte, die HPQ-Strategie zu diskutieren. EMC setzte gestern einen weiteren Eckwert mit der verbesserten Gewinnprognose und mithin 7,56 $.
Dazu eine kleine Zwischenbilanz: EMC empfahl ich im Brief Nr. 41 bei damals 3,80 $. AMD übrigens am gleichen Tag bei 3,50 $. Rund 100 % in dreizehn Wochen sind doch nicht schlecht, siehe obigen Einleitungssatz. Es geht weiter:
Die Mobilfunker und Ausrüster zeigen relative Stärke. Alle zwei in gleicher Verfassung, nämlich AT+ T WIRELESS mit über 7 $ und SPRINT PCS mit 4,85 $ im Hoch. Dazu gehören die drei Ausrüster mit LUCENT bei 1,73 $, CORNING erstmals über 4 $ und NORTEL über 2 $. Bitte den gestrigen Bericht nachlesen.
Ferner: EASTMAN KODAK kratzt an der 40 $-Marke. Ziel sind 43/45 $ oder rund 60 % gegenüber dem Einstieg. Dann wird Kasse gemacht. XEROX hatte ich im Brief Nr. 43 letztmals bei 6,50 $ empfohlen, gestern 8,47 $ mit Ziel 10/11 $. Das hängt vom Quartalsbericht ab. SUN MICROSYSTEMS gestern 3,89 $, und jeder Kurs bis 4 $ ist akzeptabel. Zu den Mobilfunkern lesen Sie bitte Brief Nr. 44 noch einmal nach.
Bei Öl bleibe ich vorsichtig, gleiches gilt für Gold. Die Ölwerte verursachten gestern auch einen Teil der vorsichtigen Haltung in New York. Ich bleibe draußen.
Nebenbei: Bitte keine Luxusaktien kaufen. Verschiedene Studien dieser Art machen gegenwärtig die Runde. Absicht ist, die Kurse zu stützen. Das gilt sowohl in USA als auch in Europa.
Frankfurt: Wer liegt richtig, wer richtiger? Den Handelsblatt-Indikator hatte ich gestern zitiert und bilde ihn in der kommenden AB ab. Dazu nehmen Sie den Aufmacher im heutigen Teil der FAZ mit der deutschen Konjunkturprognose bis 2004, nachdem das Verbrauchervertrauen in der EU den niedrigsten Stand seit fünfeinhalb Jahren erreicht hat und der deutsche Einzelhandel ein desolates Resultat vorlegte. Ich bleibe draußen. Aktien dieses Umfeldes sind kein Thema. Ich würde sogar noch verkaufen, um Mittel frei zu bekommen für die besseren Gelegenheiten, siehe oben.
Eine große Investmentadresse hat es wohl schon begriffen. Lehman Brothers forciert Telekomaktien. Na also. Wer ist der nächste? Vor weniger als drei Monaten klang noch alles anders, wie Sie sich erinnern. Dafür erreichte Deutsche Telekom gestern erstmals 14,04 E. im Topkurs, und die Fortsetzung lesen Sie in der nächsten AB.
Auch wenn Sie es nicht mehr gern hören mögen: Meine Empfehlungen für die Finanzaktien bleiben bestehen. Ich weise jedoch darauf hin: Bei einer Marktvolatilität von über 40 schwanken diese Kurse locker um 10 % um den Mittelwert. Tagestrader können das nutzen, Investoren nicht. Vermeiden Sie lediglich den Fehler, an festen Tagen der Stimmung nachzulaufen. Was anderes kann ich Ihnen nicht raten.
Ein Finanzdienstleister bleibt auf der Abschußliste: MLP. Die Herausnahme aus dem DAX wäre richtig. Doch für Sie äußerst interessant: Wer ist dann der Aufsteiger, den eigentlich noch niemand kennt? Die ersten Überlegungen dieser Art lesen Sie auf S. 4 der nächsten AB.
Das wars für heute und hoffentlich der eine oder andere gute Anstoß. Morgen melde ich mich wieder.
Herzlichst Ihr
Hans A. Bernecker
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