An der Wall Street verderben Quartalszahlen die Chancen auf rasche Erholung
Trotz starker Kursrückgänge sind viele US-Aktien immer noch ambitioniert bewertet. Die Gewinne der Unternehmen gehen rasant zurück.
NEW YORK. Marktstratege Alan Ackerman vom Brokerhaus Fahnestock & Co. hat in 40 Jahren Wall Street schon viel erlebt. Doch so eine vertrackte Phase wie jetzt hatten wir noch nie, meint er. Viele Unwägbarkeiten hätten die Anleger vollkommen verunsichert. Es gebe jetzt nicht mehr nur the bulls and bears die Bullen und Bären , sondern vor allem the bewildered: die Gruppe der Verwirrten.
Der US-Aktienmarkt ist für Anleger nicht mehr das, was er einmal war. Seit nunmehr zwei Jahren bewegt sich der Dow-Jones-Index der 30 wichtigsten Industriewerte seitwärts. Seit Anfang des Jahres hat der Dow unter dem Strich etwa 2 % abgegeben, der breiter gefasste Standard& Poors -500-Index hat 8% verloren und der Technologie lastige Nasdaq-Index hat nach dem Platzen der Blase noch einmal 15% eingebüßt. Die Leute brauchen jetzt eine handfeste langfristige Strategie, glaubt Ackerman.
Kurzfristig, wird sich nicht allzu viel bewegen, fürchten Experten. Der Dow schafft bis zum Jahresende allenfalls wieder die 11 100-Marke, der Nasdaq Composite bleibt im Wesentlichen wo er ist, schätzt Ackermans Kollege Ed Yardeni von der Deutschen Bank in New York. Die neunziger Jahre mit ihren 20%igen Kurssteigerungen seien vorbei. Die Märkte werden ab dem nächsten Jahr wieder zum langfristigen Durchschnitt von 7 % im Jahr zurückkehren, schätzt er.
Gewinneinbrüche auch bei defensiven Unternehmen
Hin- und hergezogen zwischen den potenziell positiven Effekten der drastischen Zinssenkungen durch die US-Notenbank und den schlechten Nachrichten aus den Unternehmen stecken die US-Aktien fest. Selbst ehemals solide Standardwerte wie der Pharmakonzern Merck, der Einzelhandelskonzern Federated Express, dem das Kaufhaus Macy's gehört, oder der Elektrokonzern Emerson haben starke Gewinneinbrüche gemeldet und für neue Schockwellen gesorgt. Bis auf wenige Ausnahmen wie Microsoft und IBM ist die Lage im gesamten Technologie-Sektor desolat. Die Gewinne dürften im vergangen Quartal um 18 % gesunken sein, schätzen Analysten nach Berechnung des Finanz-Informationsdienstes Thomson Financial/First Call. Im gesamten Jahr gehen sie vermutlich um 7 % zurück. Doch selbst diese Schätzungen könnten noch zu positiv sein.
Hoffnung macht lediglich die unerschütterliche Konsumfreude der Amerikaner und die Aussicht, dass Steuererleichterungen von insgesamt 44 Mrd. $ bis Jahresende für einen neuen Ausgabeschub sorgen. Außerdem dürften die Zinssenkungen mit zeitlicher Verzögerung letztendlich doch noch Wirkung zeigen.
Anlegern verspricht der US-Markt derzeit nicht das schnelle Geld. Doch wer auf die richtigen Werte setzt, könnte trotzdem Kursgewinne erzielen. Technologie-Aktien sind immer noch hoch bewertet, doch die übrigen Werte haben inzwischen wieder realistische Kurs-Niveaus erreicht. Während die im Standard & Poors-500-Index notierten Technologie-Aktien immer noch ein durchschnittliches Kurs-Gewinnverhältnis von 30 aufweisen, beträgt es bei den übrigen Werten nur 15. Vor allem Nebenwerte und preisgünstige Standard-Werte (Value Stocks) haben in der ersten Jahreshälfte ansehnliche Kursgewinne erzielt. Der Trend dürfte noch andauern.
Industrie-Anleihen und Renten werden favorisiert
Alan Ackerman empfiehlt angesichts der andauernden ökonomischen Flaute, auf defensive Werte zu setzen. Dazu gehöre etwa der Lebensmittelkonzern General Mills, der in seinem jüngsten Quartalsbericht positiv überraschte. Preisgünstig seien außerdem der Mischkonzern Tyco, der Hersteller von medizinischen Geräten Tenet Health Care, der auf Tiefsee-Bohrungen spezialisierte Technologie-Konzern Transocean und die Erdölraffinerien Occidental Petroleum. Sinkende Ölpreise brauchten bei vielen Unternehmen im Energie-Sektor nicht zu beunruhigen, weil der Preisrückgang in den Kalkulationen berücksichtigt sei.
Ed Yardeni empfiehlt, auf den Konsumgüterbereich und die positive demographische Entwicklung zu setzen. In den USA wachse nicht nur die Zahl der Älteren. Die Zuwanderer sorgten dafür, dass immer mehr Kinder geboren werden. Yardeni favorisiert Aktien wie den auf Jugendmode spezialisierten Bekleidungshersteller Abercrombie & Fitch, Budweiser. Außerdem rät er zu den Hypotheken-Finanzierungsgesellschaften Fannie Mae und Freddy Mac. Damit könne der Anleger vom Eigenheim-Boom profitieren.
Chefökonom Jim Paulsen von der Wells Capital Vermögensverwaltung in Minneapolis ist auf der vorsichtigen Seite. Er hält es angesichts der vielen Entlassungen in den USA für möglich, dass die Konsumfreude nachlässt und es zu einer Rezession kommt. Er empfiehlt, Industrie-Anleihen und Staatspapiere mit in das Portfolio aufzunehmen. Wenn der Aufschwung weiter auf sich warten lässt, könnte die Zentralbank wie Notenbankchef Alan Greenspan zuletzt andeutete zu neuen Zinsschritten gezwungen sein. Damit würden die Kurse der Bonds weiter steigen. Festverzinsliche haben schon seit vielen Monaten eine bessere Kursentwicklung als Aktien, sagt Paulsen.
Und wie hoch ist für deutsche Anleger das Währungsrisiko? Der Dollar bleibt weiter stark, glaubt Paulsen, denn wenn die Weltkonjunktur lahmt, flüchtet das Kapital stets in die USA.
HANDELSBLATT
Trotz starker Kursrückgänge sind viele US-Aktien immer noch ambitioniert bewertet. Die Gewinne der Unternehmen gehen rasant zurück.
NEW YORK. Marktstratege Alan Ackerman vom Brokerhaus Fahnestock & Co. hat in 40 Jahren Wall Street schon viel erlebt. Doch so eine vertrackte Phase wie jetzt hatten wir noch nie, meint er. Viele Unwägbarkeiten hätten die Anleger vollkommen verunsichert. Es gebe jetzt nicht mehr nur the bulls and bears die Bullen und Bären , sondern vor allem the bewildered: die Gruppe der Verwirrten.
Der US-Aktienmarkt ist für Anleger nicht mehr das, was er einmal war. Seit nunmehr zwei Jahren bewegt sich der Dow-Jones-Index der 30 wichtigsten Industriewerte seitwärts. Seit Anfang des Jahres hat der Dow unter dem Strich etwa 2 % abgegeben, der breiter gefasste Standard& Poors -500-Index hat 8% verloren und der Technologie lastige Nasdaq-Index hat nach dem Platzen der Blase noch einmal 15% eingebüßt. Die Leute brauchen jetzt eine handfeste langfristige Strategie, glaubt Ackerman.
Kurzfristig, wird sich nicht allzu viel bewegen, fürchten Experten. Der Dow schafft bis zum Jahresende allenfalls wieder die 11 100-Marke, der Nasdaq Composite bleibt im Wesentlichen wo er ist, schätzt Ackermans Kollege Ed Yardeni von der Deutschen Bank in New York. Die neunziger Jahre mit ihren 20%igen Kurssteigerungen seien vorbei. Die Märkte werden ab dem nächsten Jahr wieder zum langfristigen Durchschnitt von 7 % im Jahr zurückkehren, schätzt er.
Gewinneinbrüche auch bei defensiven Unternehmen
Hin- und hergezogen zwischen den potenziell positiven Effekten der drastischen Zinssenkungen durch die US-Notenbank und den schlechten Nachrichten aus den Unternehmen stecken die US-Aktien fest. Selbst ehemals solide Standardwerte wie der Pharmakonzern Merck, der Einzelhandelskonzern Federated Express, dem das Kaufhaus Macy's gehört, oder der Elektrokonzern Emerson haben starke Gewinneinbrüche gemeldet und für neue Schockwellen gesorgt. Bis auf wenige Ausnahmen wie Microsoft und IBM ist die Lage im gesamten Technologie-Sektor desolat. Die Gewinne dürften im vergangen Quartal um 18 % gesunken sein, schätzen Analysten nach Berechnung des Finanz-Informationsdienstes Thomson Financial/First Call. Im gesamten Jahr gehen sie vermutlich um 7 % zurück. Doch selbst diese Schätzungen könnten noch zu positiv sein.
Hoffnung macht lediglich die unerschütterliche Konsumfreude der Amerikaner und die Aussicht, dass Steuererleichterungen von insgesamt 44 Mrd. $ bis Jahresende für einen neuen Ausgabeschub sorgen. Außerdem dürften die Zinssenkungen mit zeitlicher Verzögerung letztendlich doch noch Wirkung zeigen.
Anlegern verspricht der US-Markt derzeit nicht das schnelle Geld. Doch wer auf die richtigen Werte setzt, könnte trotzdem Kursgewinne erzielen. Technologie-Aktien sind immer noch hoch bewertet, doch die übrigen Werte haben inzwischen wieder realistische Kurs-Niveaus erreicht. Während die im Standard & Poors-500-Index notierten Technologie-Aktien immer noch ein durchschnittliches Kurs-Gewinnverhältnis von 30 aufweisen, beträgt es bei den übrigen Werten nur 15. Vor allem Nebenwerte und preisgünstige Standard-Werte (Value Stocks) haben in der ersten Jahreshälfte ansehnliche Kursgewinne erzielt. Der Trend dürfte noch andauern.
Industrie-Anleihen und Renten werden favorisiert
Alan Ackerman empfiehlt angesichts der andauernden ökonomischen Flaute, auf defensive Werte zu setzen. Dazu gehöre etwa der Lebensmittelkonzern General Mills, der in seinem jüngsten Quartalsbericht positiv überraschte. Preisgünstig seien außerdem der Mischkonzern Tyco, der Hersteller von medizinischen Geräten Tenet Health Care, der auf Tiefsee-Bohrungen spezialisierte Technologie-Konzern Transocean und die Erdölraffinerien Occidental Petroleum. Sinkende Ölpreise brauchten bei vielen Unternehmen im Energie-Sektor nicht zu beunruhigen, weil der Preisrückgang in den Kalkulationen berücksichtigt sei.
Ed Yardeni empfiehlt, auf den Konsumgüterbereich und die positive demographische Entwicklung zu setzen. In den USA wachse nicht nur die Zahl der Älteren. Die Zuwanderer sorgten dafür, dass immer mehr Kinder geboren werden. Yardeni favorisiert Aktien wie den auf Jugendmode spezialisierten Bekleidungshersteller Abercrombie & Fitch, Budweiser. Außerdem rät er zu den Hypotheken-Finanzierungsgesellschaften Fannie Mae und Freddy Mac. Damit könne der Anleger vom Eigenheim-Boom profitieren.
Chefökonom Jim Paulsen von der Wells Capital Vermögensverwaltung in Minneapolis ist auf der vorsichtigen Seite. Er hält es angesichts der vielen Entlassungen in den USA für möglich, dass die Konsumfreude nachlässt und es zu einer Rezession kommt. Er empfiehlt, Industrie-Anleihen und Staatspapiere mit in das Portfolio aufzunehmen. Wenn der Aufschwung weiter auf sich warten lässt, könnte die Zentralbank wie Notenbankchef Alan Greenspan zuletzt andeutete zu neuen Zinsschritten gezwungen sein. Damit würden die Kurse der Bonds weiter steigen. Festverzinsliche haben schon seit vielen Monaten eine bessere Kursentwicklung als Aktien, sagt Paulsen.
Und wie hoch ist für deutsche Anleger das Währungsrisiko? Der Dollar bleibt weiter stark, glaubt Paulsen, denn wenn die Weltkonjunktur lahmt, flüchtet das Kapital stets in die USA.
HANDELSBLATT