Von Achim Küssner, Geschäftsführer von Merrill Lynch Investment Managers

25. Mai 2004 Bis vor wenigen Jahren gab es in der deutschen Fondsindustrie noch zwei Welten, die in der Praxis keine allzu großen Gemeinsamkeiten hatten: In der einen Welt positionierten sich die Gesellschaften für institutionelle Anleger, die für jeden Kunden individuell zugeschnittene Spezialfonds auflegten.
In der anderen Welt standen die Fondsgesellschaften für private Anleger, denen Publikumsfonds angeboten wurden. Beide Bereiche waren mitunter strikt getrennt. Sowohl bei der Produktion als auch im Vertrieb arbeiteten Publikums- und Spezialfondsanbieter - die häufig zum selben Mutterkonzern gehören - wenig zusammen.
Neue Rechnungslegungsvorschriften sorgen für wachsendes Interesse
Dieses Bild hat sich in jüngster Zeit deutlich gewandelt. Publikumsfonds gewinnen gerade für institutionelle Anleger immer mehr an Bedeutung, während bei herkömmlichen Spezialfonds der Trend eher nach unten zeigt. Ursache sind nicht zuletzt die Internationalen Rechnungslegungsvorschriften (IFRS), die für etliche institutionelle Investoren - insbesondere für zahlreiche börsennotierte Unternehmen - ab 2005 gelten. Denn nach IFRS bilanzierende Unternehmen müssen ihre Gewinne und Verluste aus einem Spezialfonds künftig detailliert in der Bilanz zeigen, sobald der Anteil an diesem Fonds 50 Prozent oder mehr beträgt.
Gerade hier sehen institutionelle Anleger - wie unter anderem Versicherungen - Probleme: Um starke Schwankungen der Anlagen zu vermeiden, sind sie mittelfristig eher an einer Glättung der Gewinne interessiert. Die Alternative sind speziell für Institutionelle aufgelegte Publikumsfonds, an denen kein einzelner Investor einen Anteil von weniger als 50 Prozent hält, oder reine Publikumsfonds.
In anderen Ländern wie beispielsweise in Nordeuropa sind institutionelle Investoren traditionell stark in Publikumsfonds investiert. Nur weil das Konstrukt Spezialfonds bisher buchhalterische und steuerliche Vorteile hatte, blühte dieses in Deutschland so auf. Je mehr diese Vorteile aber im Zuge einer zunehmenden europäischen und internationalen Angleichung der buchhalterischen und steuerlichen Bestimmungen schwinden, desto stärker dürfte der Trend auch bei institutionellen Investoren in Richtung Publikumsfonds gehen.
Publikumsfonds sind oft kostengünstiger
Dafür spricht auch, daß der Einsatz von Publikumsfonds gerade für Institutionelle etliche andere Vorzüge aufweist. Sie sind im Vergleich zu Spezialfonds, die extra für einen einzelnen Kunden aufgelegt und verwaltet werden müssen, vergleichsweise kostengünstig. Sie eröffnen zudem institutionellen Kunden die Möglichkeit, sich gezielt in interessanten Nischen zu engagieren. Bei Merrill Lynch Investment Managers werden beispielsweise die Gold- und Mining-Fonds stark nachgefragt.
Publikumsfonds eröffnen zudem ein hohes Maß an Transparenz. Wertentwicklung sowie Zusammensetzung können ohne großen Aufwand nachvollzogen werden. Es besteht in der Regel eine mehrjährige Historie, welche die Kaufentscheidung erleichtert. Alles in allem ist der institutionelle Investor hier also stets bestens informiert.
Da herkömmliche Publikumsfonds zunächst einmal mit höheren Gebühren belastet sind, weil sie sich an Anleger richten, die relativ kleine Summen investieren, könnte manch einer meinen, solche Produkte seien für institutionelle Anleger teuer. Doch ist eher das Gegenteil der Fall. Denn je nach Anlagevolumen bieten die meisten Gesellschaften zwei Varianten an: Sogenannte „I-Shares“, bei denen eine jährliche, prozentuale Managementgebühr anfällt, die aber deutlich niedriger liegt als diejenige für das breite Publikum. Und sogenannte „X-Shares“, ohne direkte Management-Gebühr, bei denen der Kunde pro Quartal eine Rechnung mit einer individuell ausgehandelten Management-Fee erhält.
Effizienz in der Investmentindustrie steigt
Und noch ein wichtiger Punkt: Legt ein institutioneller Kunde ein größeres Vermögen in einem Publikumsfonds an, so erhält er, wenn er dies wünscht, dieselbe Betreuung und denselben Service wie bei der Anlage in einem Spezialfonds.
Das Zusammenwachsen von institutionellem und Privatkundengeschäft erhöht nicht zuletzt die Effizienz der Investmentindustrie. Beispielsweise wird dadurch die Produktion günstiger. Früher hatten viele Fondsgesellschaften jeweils zwei separate Manager oder Analyse-Spezialisten für ein bestimmtes Aufgabengebiet, getrennt nach Publikums- und Spezialfondsgeschäft. Nun läßt sich mit einer Einheit kostengünstiger produzieren.
Außerdem wachsen Publikumsfondsvertrieb und institutioneller Vertrieb zusammen, werden doch schon heute zum Teil die gleichen Produkte verkauft. Dies erhöht nicht zuletzt die Schlagkraft des Vertriebs - und läßt die Mitarbeiter viele neue Möglichkeiten entdecken, die bei einem starren Tunnelblick unbeachtet geblieben wären.
Der Text entstammt der Verlagsbeilage „Investmentfonds“ der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 25. Mai 2004.
Text: @JüB
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