Quelle: Spiegel-Online. vom 04.Aug. 2001 (www.spiegel.de)
Berichte über eine Crash-Warnung des Chefstrategen von Dresdner
Kleinwort Wasserstein sorgten am Freitag für reichlich Wirbel. Nun
dementiert die Bank.
Hamburg - Ein Zeitungsartikel machte kurz vor dem Wochenende die
Hoffnungen auf eine baldige Erholung an den Börsen wieder zunichte.
Am Freitag-Morgen berichtete "Die Welt", der globale Chefstratege bei
Dresdner Kleinwort Wasserstein, Albert Edwards, habe für die kommende
Woche einen Crash an der Wall Street prophezeit. Die Meldung sorgte
für erhebliche Unruhe. Nachdem die Prognose den ganzen Tag über
heftig diskutiert worden war, sah sich die Bank am Abend zu einer
Stellungnahme veranlasst. Tenor: Alles falsch, Edwards sei falsch
zitiert worden.
Wörtlich heißt es in der Mitteilung des Investmenthauses: "Unsere
Bank sagt ihren Kunden nicht, dass wir einen Crash von 20 Prozent in
der nächsten Woche vorhersagen. Wir haben keinen 20-prozentigen
Einbruch an den Märkten vorher gesagt. Es gab kein Statement von uns,
dass wir einen Crash prognostizieren." Insofern sei die Aussage des
Artikels falsch.
Diesen Vorwurf allerdings weist der Verfasser des inkriminierten
Berichtes entschieden zurück. "Welt"-Redakteur Holger Zschäpitz
gegenüber manager-magazin.de: "Dieses Dementi geht völlig an der
Sache vorbei. Wir haben nie behauptet, die Bank hätte ihren Kunden
gesagt, dass sie einen 'Crash von 20 Prozent' vorhersagt. Daher
erübrigt sich diese Richtigstellung. Ich habe lediglich die
Äusserungen Albert Edwards' wiedergegeben , und diese Zitate sind
absolut korrekt."
Neue Berechnung des Wachstums
Nach Darstellung des Redakteurs stützt sich sein Artikel im
wesentlichen auf ein Begleitschreiben, das Edwards einer Studie
beigefügt hatte. Sie befasst sich mit den am 7. August zur
Veröffentlichung anstehenden US-Produktivitätskennziffern ex agrar.
Eine neue Berechnungsmethode, so die Kernaussage des Textes, werde zu
dem erschreckenden Resultat führen, dass es doch nicht so weit her
ist mit dem amerikanischen Produktivitätswunder. Das
Potenzialwachstum, in dem die Wirtschaft zulegen könne, ohne eine
Inflation zu produzieren, werde nicht wie bisher angenommen bei 3,5
Prozent liegen, sagte Edwards. "Es dürfte nur 2,5 Prozent ausmachen."
"Das Risiko eines Wertpapiercrashs ist hoch"
Die zu erwartende Revision bestehenden Zeitreihe kommentierte Edwards
mit den Worten: "Das 'Neue Paradigma' der USA wird an diesem Tag
offiziell wegrevidiert. Das Risiko eines Wertpapiercrashs ist hoch."
Zschäpitz dazu: "Das Entscheidende war das interne Begleitschreiben,
das der Studie beilag. In diesem Brief, der unserer Redaktion schwarz
auf weiss vorliegt, bringt Edwards klar zum Ausdruck, dass seiner
Meinung nach ein Crash zu erwarten ist." Dafür spricht die
Schlussfloskel, mit der das Schreiben endete. Edwards, so Holger
Zschäpitz, verabschiedete sich nach seiner düsteren Prognose mit den
Worten: "Good Night".
War alles nur ein Mißverständnis?
Fachleute schliessen inzwischen nicht mehr aus, dass es sich bei der
Angelegenheit um ein Missverständnis ganz besonderer Art handelt.
Albert Edwards ist für seinen eigenwilligen Humor bekannt. 1996
taufte er in einer Länderstudie die Wirtschaftspolitik des
malaysischen Ministerpräsidenten Mohamad Mahathir in "Noddy-nomics"
um - in Anspielung auf eine britische Cartoon-Figur der
prä-Tele-Tubby-Ära.
Dieser Scherz kam bei den Betroffenen gar nicht gut an. Die Malaysier
waren außerordentlich ungehalten, und Dresdner Kleinwort Benson
musste hektisches Krisenmanagement betreiben. Am Ende wurde sämtliche
Kopien der Studie aus dem Verkehr gezogen und vernichtet.
Clemens von Frentz