Mit 3,5 Milliarden Asiaten steuert die Welt auf einen Rohstoff-Nachfrageschock zu
Der Energiehunger in Fernost wächst mit zunehmendem Wohlstand. Energie- und Rohstoffwerte sind auf Dauer eine Anlageformen, die ins Portfolio gehören.
Von Erwin Grandinger
Am besten sollte man eine Investition am Kapitalmarkt aufbauen, wenn alle anderen Marktteilnehmer kapituliert haben. So lautet eine Grundregel in der verhaltensorientierten Vermögensverwaltung. Und es gibt momentan einige Sektoren, wo Anleger augenscheinlich deprimiert das Handtuch geworfen haben. Die Kosten für Erdgas in den USA sind regelrecht eingebrochen. Seit Anfang August sanken die Preise für leichtes Rohöl von 78 auf 57 Dollar pro Fass. Viele Investoren und Spekulanten, die nicht investiert waren und denen die Preise im Energiesektor wegliefen, versuchen noch immer Rohöl auf 50 oder gar 40 Dollar, herunterzureden. Und jetzt, wo die Preise im Energiebereich innerhalb weniger Monate über 25 Prozent gefallen sind, reden viele in Panik vom Platzen der Rohstoffblase.
Privatinvestoren, die jetzt ihre Energie- und Minentitel verkaufen, werden sich schwer ärgern. Zum einen scheint der Markt, nach einer kurzen aber heftigen Korrektur, von der technischen Seite zu drehen. Zum anderen, doch weit wichtiger, sind die langfristigen, fundamentalen Faktoren unverändert. Man muss sich nur Energiewerte, Edelmetalle und andere Rohstoffe preisbereinigt für die letzten 20 Jahre oder länger anschauen. Gold sollte etwa bei 2000 Dollar stehen, nicht bei 600 Dollar. Der CRB Raw Industrial Index (etwa 23 Rohstoffe wie Zink, Baumwolle, Butter, Soja, Kautschuk) steigt seit Jahren stetig, beharrlich und nahezu korrekturlos. Dieser Index enthält weder Energiewerte (Öl, Erdgas) noch Edelmetalle (Gold, Silber) die wohl momentan den größten Teil einer mittelfristigen Korrektur gesehen haben.
Und wer Mattew R. Simmons "Twilight in the Desert" gelesen hat, gewinnt langsam eine Ahnung davon, welche Angebotsverknappung im Rohölmarkt dank Investitionsstau und fragwürdiger Rohölreserven noch auf uns zukommen wird. Andere Industriemetalle wie Nickel und Kupfer sind auf oder nahe am Rekordniveau. Energie- und Minenunternehmen haben 20 Jahre lang Ausrüstungsinvestitionen vernachlässigt und sehen trotz Nachfrageschocks keinen Grund, ihre Gewinne durch massive Investitionen zu schmälern. Das heißt auf Dauer, wir denken ein bis zwei Jahrzehnte, wird das Angebot von Rohstoffen aller Art den globalen Nachfragestau nicht lösen können.
Und die Musik spielt nicht im Westen, sondern im Osten. Etwa 3,5 Milliarden Menschen in China, Indien und Asien wollen so wohlhabend werden wie die 1,5 Milliarden Konsumenten in den westlichen Industriestaaten. Noch 1992 konnte sich China mit 1,3 Milliarden Einwohnern mit eigenen Rohölreserven versorgen. Heute muss das Land bereits 40 Prozent seines Ölbedarfs importieren. Und wer mit offenen Augen durch die Welt geht, sieht wie chinesische Mittelsmänner weltweit Rohstoffversorger und Rohstoffvorkommen aufkaufen. Das Hauptaugenmerk gilt hier insbesondere Afrika und Ländern wie Iran. Die derzeitige chinesische Mittelklasse umfasst etwa 50 Millionen Menschen mit rund 300 000 Millionären (in Deutschland leben etwa 770 000 Millionäre) und wächst mit rund zwölf Prozent jährlich. Diese neue Mittel- und Oberschicht sind Konsumenten mit ungeheurem Nachfragehunger. So gibt es momentan 31 Millionen Autos in China und im Jahre 2013 wird es wohl über 100 Millionen Pkws und Lkws geben. Um diese Autos zu bauen und die wachsende Mittelschicht mit allen Annehmlichkeiten des täglichen Lebens zu versorgen (vom Kühlschrank bis zum Einfamilienhaus), werden Rohstoffe ungeahnten Ausmaßes benötigt. Und was China nicht kauft, besorgt sich natürlich Indien. Es stellt sich nicht die Frage ob, sondern wie viel China, Indien und Asien mehr an Öl und Rohstoffen brauchen.
Insofern, von heftigen zyklischen Korrekturen abgesehen die völlig normal sind, sind Energie- und Rohstoffwerte auf Dauer eine Anlageform, die ins Portfolio gehören. Von einer Blase zu sprechen ist somit absolut unangebracht und zeugt nur davon, dass dieser Investor zu spät gekommen ist.
Der Autor ist Politischer Analyst und Partner bei EPM Group in Berlin
Artikel erschienen am 21.10.2006