Gott oder Mammon


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Nassie:

Gott oder Mammon

 
01.06.03 17:38
Auf diesem Kirchentag hat Sonja Gebhard ihre eigene Mission. Keines dieser orangefarbenen Tücher hängt um den Hals der jungen Frau, wie es bei vielen anderen der Teilnehmern Mode ist. Keines dieser lilafarbenen Bändchen mit der Aufschrift "Berlin 2003" schmückt ihre Tasche. Die junge Frau betreibt in dem Gewirr zurückhaltend, aber sehr effizient Kundenpflege.

"Meine Aufgabe ist es, nachhaltige Kapitalanlagen zu verkaufen", sagt sie zwischen zwei Terminen. Sonja Gebhard ist bei dem Schweizer Bankhaus Sarasin für den Kontakt zu den kirchlichen institutionellen Kunden in Deutschland zuständig. Der ökumenische Kirchentag ist für sie eine ideale Möglichkeit, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Zum einen fühlt sich die aus dem katholischen Fulda stammende frühere Meßdienerin durchaus persönlich von der Veranstaltung angesprochen. Zum anderen findet sie hier ihre Ansprechpartner aus den Finanzreferaten der Bistümer in einem Umfeld, welches einen eher ungezwungenen Zugang zu ihnen ermöglicht.

Bei der sogenannten nachhaltigen Geldanlage kommt den Kirchen eine Schlüsselrolle zu. Während das seit drei Jahren von zahlreichen Fondsgesellschaften verstärkt betriebene Geschäft mit dem guten Anlegergewissen die hohen Erwartungen bei weitem noch nicht erfüllt, stehen gerade die Kirchen unter permanentem Rechtfertigungsdruck von seiten bestimmter Interessengruppen.

Legen sie ihr Geld auch wirklich ethisch unbedenklich an? Unter nachhaltiger Geldanlage versteht zwar immer noch jeder etwas anderes. In der Praxis geht es jedoch den Kirchen vor allem darum, daß beispielsweise keine Aktien von Rüstungsunternehmen oder ähnlich bedenkliche Werte im Portfolio auftauchen. Anbieter wie Sarasin, das Bankhaus bezeichnet sich selbst als Marktführer für die nachhaltige Geldanlage im deutschsprachigen Raum, laufen da offene Türen ein.

Welcher Druck sich zuweilen innerkirchlich auf die Bistumsverwaltungen aufbaut, macht nicht zuletzt dieser Kirchentag deutlich. Unter dem nüchternen Titel "Kirchen-Banken-Weltfinanzsystem" wird etwa das Podium zum Tribunal. "Wir können nicht Gott dienen und dem Mammon", wird aus einem Beschlußpapier zitiert. "Wir werden den Diebstahl der Akteure auf den Märkten nicht hinnehmen", heißt es in einem Gebet. "Der unkontrollierte Mammon zerstört das Leben", weiß ein Diskussionsteilnehmer und ruft schließlich unter Beifall aus: "Gott oder Mammon." Bei den Kirchenbanken, die sich fünf Hallen weiter auf dem Messegelände mit Ständen präsentieren, nimmt man den konstruierten Gegensatz allenfalls kopfschüttelnd zur Kenntnis.

"Wenn ich mich recht entsinne, steht in der Bibel, daß es ohne Mammon auch nicht geht", sagt eine Frau am Stand der Evangelischen Darlehnsgenossenschaft Kiel, die mit dem Spruch "Mensch, Deine Bank" für sich wirbt. Nina Augustin von der katholischen Darlehnskasse Münster verweist auf eine kürzlich durchgeführte Kundenbefragung, in der rekordverdächtige 99,4 Prozent der Befragten die Bank weiterempfehlen würden. Gott und Mammon gehe sehr gut zusammen, sagt sie, wenn man etwa wie bei ihrem Institut christliche Verhaltensweisen im Umgang miteinander auch spüren lasse.

Entgleisungen von fundamentalistischen Interessengruppen im Kirchenraum ziehen sich trotzdem zuweilen bis in den Arbeitsalltag hinein. So wurde Peter Wilkening, bei der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg verantwortlicher Referent für Finanzen und Vermögen, kurz vor dem Kirchentag wieder von einer dieser Gruppen erst befragt und dann beschimpft. "Aber das gehört dazu." Das Beispiel zeige, daß man im kirchlichen Raum angreifbarer bei solchen Themen sei. "Wenn kein Ertrag hereinkommt, ist es ein Problem", sagt er, "und ein ordentlicher Ertrag ist auch wieder verkehrt, weil man am Kapitalismus partizipiert." Leute wie Wilkening müssen die schwierige Gratwanderung zwischen kirchlichem Auftrag, also "Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung", und kirchlicher Anlagepolitik meistern. Beide Seiten seien aber kein Gegensatz, sagt er. Eine hohe Rendite könne die kirchliche Arbeit schließlich fördern.

Auf dem Kirchentag in Berlin bleibt es den Eiferern trotz aller Bemühungen verwehrt, ein investmentfeindliches Umfeld zu schaffen. Die im Vorfeld von den genossenschaftlich organisierten Kirchenbanken bei ihrer Fondsgesellschaft Union Investment zusätzlich angeforderten Werbeprospekte für Nachhaltigkeitsfonds finden eine rege Nachfrage. Und Sonja Gebhard vom Bankhaus Sarasin redet sich die Feindseligkeiten schön, indem sie von Desorientierung durch fehlende Markttransparenz bei der Geldanlage spricht. Solche Kritik lasse sich durch individuelle Beratung eindämmen, glaubt sie. Kurze Zeit später ist die Sarasin-Verkäuferin im Gewimmel der rund 200 000 angemeldeten Teilnehmer wieder verschwunden - Kundenpflege auf einem Kirchentag der kurzen Wege, denn Ökumene erleichtert die Arbeit. Schließlich macht das Schweizer Bankhaus keinen Unterschied zwischen katholischem und evangelischem Geld.

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dishwasher:

Geld ethisch unbedenklich anlegen

 
01.06.03 17:53
ist wie Fleisch von glücklichen Rindviechern essen, oder eben pragmatisch leben.  
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