ich mache mich immer wieder unbeliebt, weil ich mir eine Eigenschaft aus Kindertagen erhalten habe: Ich frage nach dem „warum“, wenn mir einer was vom Pferd erzählen will. Aber ich tue es mit wachsender Begeisterung, zumal gerade jetzt die Zeit wäre, in der mehr Menschen mal nachfragen sollten, warum wir denn bereits in Kürze wieder in der Höhle leben werden. Wenn man manchen Demagogen so zuhört, ist der Untergang des Abendlands offenbar bereits beschlossene Sache. Okay. Warum?
Schon seit es Börsen gibt, wurden immer und immer wieder eingängige Parolen verbreitet, die auf den ersten Blick a) erfreulich und b) logisch klangen. Immer und immer wieder wurden die Anleger auf diese Weise dazu gebracht zu tun, wovon andere, die diese Sprüche von sich gaben, profitierten. Und immer wieder waren es die Anleger, die am Ende irgendwie das Gefühl bekamen, betrogen worden zu sein, wenn sie ihre Verluste aufsummierten. Aber so unfein die Machenschaften derer sind, die mit den Anlegern auf diese Weise spielen, so ist doch jeder letzten Endes selber schuld, der den Bären, der ihm aufgebunden werden soll, nicht einer zweiten, genaueren Betrachtung würdigt. Sprich: Wer nicht „warum“ fragt, wird auch nicht merken, dass starke Sprüche oft jeder Basis entbehren.
Erinnern Sie sich doch nur an die Öl-Blase im letzten Sommer. Obgleich die Welt längst in eine Rezession eingetaucht war, schossen die Ölpreise auf 150 Dollar weil behauptet wurde, die Lagerbestände würden haltlos sinken, die Produktion nicht nachkommen und die Vorkommen überhaupt weltweit viel geringer seien als angenommen. Alles gelogen, doch ich stieß damals mit der Frage nach dem „warum“ auf taube Ohren und/oder wütende Gegenwehr. Dabei hatte ich nur auf die fallende Nachfrage seit März hingewiesen; gezeigt, dass die US-Lagerbestände durchaus mehrjährigen Durchschnitten entsprachen und anhand der Art der Kursbewegungen auf die völlige Dominanz der Trader am Ölmarkt hingewiesen und so aufgezeigt, dass die faktische Angebot-Nachfrage-Situation keineswegs dem Börsenkurs entsprach. Ich habe also nicht weiter getan als mich unverschämt erdreistet, die lauten Sprüche der Demagogen zu hinterfragen.
Dieses „warum“ erlaubte ich mir ebenso bei der „Aktienrallye der Bekloppten“ im November/Dezember 2007 oder bei den plötzlich auf 1.500 oder 2.000 Dollar emporschießenden Kurszielen für Gold im März 2008. Ich fand hinter den platten, aber eingängigen Sprüchen derer, die so gerne an der Spitze der Masse stehen, indem sie die extremsten Ansichten verbreiten, nichts, was auch nur einigermaßen plausibel als Grund herhalten konnte.
Natürlich, ich weiß sehr wohl, wie sehr man sich in der Masse wohlfühlt, wenn Emotionen wie Gier und Angst die Kontrolle zu übernehmen drohen. Und dann den Rattenfängern hinterher zu laufen, die die lauteste Melodie spielen, zusammen mit den anderen hypnotisierten Opfern, das ist zumindest ein sehr nachvollziehbares Verhalten. Aber man landet halt immer im Fluss und ersäuft. Da hat die Sage durchaus recht.
Momentan flötet man das Lied vom Tod. Allenthalben wird mit Stirnrunzeln darauf hingewiesen, dass egal welche Maßnahme egal welcher Regierung zu egal welchem der zahlreichen Problemherde völlig ungenügend ist. Nirgendwo hingegen höre ich konkrete Hinweise darauf, wie es anders, besser zu machen sei. Überall höre und lese ich in den Medien, dass der Gang in den Hades für uns alle nicht mehr aufzuhalten sei, ja, dass wir letztlich schon unwiederbringlich im Prozess des Zusammenbruchs des Finanzsystems, der Staatsbrankrotte und damit dem Untergang der Zivilisation stünden und dass Gold, nur Gold allein jedermanns Heil und Rettung vor all dem sei. Ach nee ... warum?
Gleich mal vorweg, liebe Leser, für diejenigen, die mich nicht kennen: Ich bin kein Daueroptimist oder zwanghafter Bulle. Ausgerechnet ich nun wirklich nicht. Was ich gleich von mir gebe ist nicht Ausdruck bullishen Denkens. Ich meine, all die Jahre an Kolumnen sollten Beleg genug sein, dass ich Ihnen jetzt nicht verkaufen will, alles sei bestens und die Krise reine Phantasie. Aber ich will einfach meine Sicht der Dinge, meine Frage nach dem „warum“ hinsichtlich des scheinbar bereits vollzogenen, aber von uns Dummbeuteln schlicht nicht bemerkten Weltunterganges als Kontrapunkt setzen.
Ja, die Lage ist ernst und die laufende Rezession könnte durchaus die Größenordnung der 30er Jahre annehmen. Und das waren, vielen nicht in vollem Umfang im Gedächtnis, grausame, schreckliche Jahre, auch und gerade in den USA. Vieles davon steht nicht mehr in den normalen Geschichtsbüchern. Aber es geht leicht von den Lippen, dieser Vergleich. Und je mehr Menschen dies einfach nachplappern, desto wahrscheinlicher ist, dass es wirklich so kommt. Denn es muss nicht so kommen ... es sei denn, zu viele Menschen tun in den entscheidenden Momenten das Falsche, weil sie den Fötenspielern folgen, die gedankenlos, um Beachtung buhlend oder ganz gezielt Angst schüren. Die Angst, die uns dazu bringen kann, Fehler zu machen.
Zwei Horror-Schlagworte mit wenig Substanz
Vieles, was momentan durch die Medien geistert, sind schlichte Behauptungen. Kommen wir auf die beiden Modebegriffe zurück, zunächst „Staatsbankrott“. Warum? Ein Staatsbankrott wäre laut Definition bei Untergang eines Staats oder eines Staatsgebietes durch Revolution oder Krieg gegeben, im Falle eines Systemübergangs (wenn wir z.B. eine Monarchie bekämen und der neue König die alten Staatsschulden einfach als nicht mehr gültig betrachten würde) oder dann, wenn der Staat seine Schulden nicht mehr bedienen könnte. Aha. Nun kann er dies
aber eigentlich jederzeit, da er die Hoheit über das Geldwesen besitzt (der Euroraum sitzt so gemeinsam in der Klemme dass ich hier einfach voraussetze, dass dies auch für dieses Staatenkonglomerat gilt). Und, kleiner Punkt am Rande:
Es geht ja momentan nicht um die Schulden, sondern um die Kredite. Es geht der Zweifel um, dass all die Milliarden, die die Regierungen in die Unternehmen pumpen, auf Nimmerwiedersehen dahin sind. Doch selbst wenn dem so wäre, käme es dadurch nicht zu einem Staatsbankrott, es sei denn, die Staaten würden sich am Anleihemarkt refinanzieren und im Fall der Nichtbedienung der eigenen Kredite die Rückzahlung der Staatsanleihen verweigern oder zumindest die Zinszahlung aussetzen. Das ist bislang reine Science Fiction. Ein Staatsbankrott im wahrhaftigen Sinne, so wie man es momentan gerne postuliert, steht nicht an. Es klingt nur toll, zum fürchten toll.
Der Zusammenbruch des Finanzsystems ist letztlich auch nicht der Punkt, mit dem wir es zu tun haben. Warum sollte es zusammenbrechen? Das hieße als Voraussetzung, dass das Bankensystem zusammenbräche. Dazu alles Nötige in einer einzigen Kolumne zu schreiben, ist nicht möglich, nur soviel: Die nötigen Unsummen, um die Banken am Leben zu erhalten, haben ja nicht den Ursprung im normalen Geschäft der Banken. Das wird weiterlaufen, einerseits, weil es zwingend muss, andererseits, weil es auch weiterlaufen kann. Und die Billionen Euro und Dollar, die Banken und Versicherungen nun aufsaugen, haben ja durchaus einen Gegenwert. Allgemein hört man nun, sauber durch entsprechende Parolen befördert, die Banken hätten all diese Milliarden „verzockt“. Nun ... nicht GANZ falsch.
Aber weitaus richtiger ist, dass selbst abgeschriebene Summen ja noch einen reaktivierbaren Wert haben und die nicht abgeschriebenen Werte nur deswegen nun nicht mehr „vorhanden“ scheinen, weil sie nicht zu Geld gemacht werden können. All die Anlagen, die nun keiner mehr handeln kann, weil das Misstrauen insbesondere die Banken gegenüber anderen Banken erfasst hat (weil sie dem Gegenüber natürlich mit Recht zutrauen, den selben Mist wie sie selbst getan zu haben und damit in der selben prekären Lage zu sein) bedingt, dass die bei Bedarf nötige Liquidierung von solchen Investments, um nötige Bartransfers vornehmen zu können, nicht mehr funktioniert. Da dies, z.B. Auszahlungen von Anlegern, die aus was auch immer aussteigen wollen, zwingend erforderlich ist, nehmen die Banken das Geld vom Staat – als Kredite.
Und das ist auch der Grund, weshalb die Staaten sich entweder in Banken direkt einkaufen oder diese eingefrorenen Assets gegen einen prozentualen Restwert übernehmen. Die Regierungen wollen sicherstellen, dass a) der Unfug aufhört und der Interbankenverkehr wieder anläuft und b) dass sie durch die Übernahme solcher Assets nicht auf die Nase fallen. Grundsätzlich wäre dabei nämlich sogar etwas zu verdienen, auch, wenn ebenfalls auf der Straße zu hören ist, das gesamte Geld sei auf alle Zeit weg. Nun ... das kann dann der Fall sein, wenn keiner der zugrunde liegenden Kredite oder Hypotheken mehr bedient würde und kein Auto, kein Haus, das als Sicherheit zugrunde liegt, mehr zu Geld zu machen wäre. Käme es dazu ... bräuchten wir und nicht mehr um die Börse zu sorgen, sondern wie wir am besten eine Armbrust basteln. Aber ein Zusammenbruch des Finanzsystems als unmittelbar bevorstehend zu kolportieren, dazu gehört im Moment (nach meiner Ansicht) eine gehörige Portion fehlenden Basiswissens und Verantwortungslosigkeit.
Aber wer kann ermessen, ob solche Horror-Prophezeiungen Substanz besitzen? Kaum jemand. Und wenn diese Manie der Angstmache weiter gepflegt wird, geht sie immer und immer mehr ins Blut über. Immer mehr Menschen glauben einfach daran, dass es dazu kommt. Immer mehr rennen zur Bank, wollen ihr Geld abheben, verkaufen Fonds und Versicherungen und glauben, alleine im Gold ihr Heil zu finden.
Sollten wir ins Mittelalter zurückfallen, nun, es bleibt abzuwarten, ob das Gold den Wert haben wird, um die nötige, knappe Nahrung zu erhalten. Ein Bauernhof und eine Schrotflinte erscheint mir in solchen Fällen cleverer als ein Säckchen Gold im Keller. Nach dem 2. Weltkrieg war der Wert des Goldes genau so hoch, wie es diejenigen bestimmten, die am längeren Hebel saßen. Und das waren die mit dem Brot. Die hatten genug zu essen ... die mit dem Gold aber nicht. Daran sollte man besser auch denken, bevor man dem Strom der Lemminge erliegt. Ich will hier keine Kursprognose für Gold abgeben, ich habe mich für heute alleine mit obigen Ansichten und Nachfragen bei den Fanatikern genug unbeliebt gemacht. Aber ich finde nicht allzu viel Argumente dafür, dass die Erwartungen von 2.000 oder mehr Dollar für Gold in absehbarer Zeit eintreffen werden. Sicherheitshalber sollte sich jeder, der jetzt nur auf Gold setzt, daran erinnern, dass es noch vor 12 Monaten in der selben Krise mit den selben Befürchtungen hieß, „Sachwerte“ allgemein müsse man haben. Öl, Metalle, Nahrungsmittelrohstoffe, Edelmetalle. Mit allen, sogar mit Silber, Platin und Palladium, sind die Leute, die damals den Flötenspielern folgten, brutaler auf die Nase gefallen, als wenn sie ihr Geld im Aktienmarkt gelassen hätten. Selbe Krise, selbe Sprüche ... und dennoch soll diesmal Gold wirklich durch die Decke gehen? Nun ... wir werden sehen.
Doch letztlich ist diese Gold-Manie nur eines der Symptome, die die unsubstantiierte, diffuse und immer wieder neu geschürte Angst unter den Menschen bewirkt. Selbst Leute, die nie mit Börse zu tun hatten, wollen auf einmal ihre Sparbücher auflösen und Gold kaufen. Bemerkenswert übrigens, wie relativ wenig der Goldpreis daraufhin steigt. Sollte nicht zufällig jemand auf die Idee kommen (und sie auch durchsetzen), dass Gold nun die zukünftige Weltwährung werden wird ... wie soll Gold eigentlich über 2.000 gelangen, wenn es bereits jetzt, während die Wartelisten für Goldmünzenkäufe mehrere Wochen betragen, nicht durch die Decke geht? Diese Goldmanie dauert schon weit über ein Jahr ... wer soll da noch an Kaufinteressenten nachkommen? Aber sei es drum, der Punkt ist:
Raus aus dem Sog der Angst!
Ich möchte davor warnen, diesen zahllosen Parolen auf den Leim zu gehen, ohne sie zu hinterfragen. Niemand kann doch sein persönliches Schicksal davon abhängig machen, treu und brav zu glauben, dass ihm jemand die Wahrheit sagt, weil er selber nicht das Hintergrundwissen hat, diese Aussagen zu hinterfragen! Genau ein solches Denken und Handeln („die werden schon wissen, was sie sagen“) ist doch in der Geschichte ein ums andere Mal die Basis für Elend, Hunger und Krieg gewesen.
Ich bitte Sie alle, nicht einfach unbesehen zu glauben, was in den Medien von sich gegeben wird. Ich bitte jeden Leser, sich nicht von diesem Sog der Angst zu unbedachten Handlungen hinreißen zu lassen. Vergessen Sie eines nicht:
Je mehr diese Parolen Allgemeingut werden, desto größer ist die Bereitschaft, auch anderen Unsinn zu glauben. So z.B. die Aussage, dass die Allianz-Aktie ja selbstredend in den Keller gehen muss, weil die US-Versicherung AIG noch mehr Geld als erwartet braucht. Oder dass die europäischen Banken natürlich nun weiter fallen müssen, weil die US-Banken vielleicht verstaatlicht werden. Was sind denn das für Gedankengänge! Wenn ich mich hinstelle und sage: Sehet, da ist ein Dicker mit Glatze und daraus schließe, dass alle Dicken Glatzen haben ... würden Sie das auch so als wahr übernehmen? Na hören Sie mal, warum denn nicht?
Doch je länger diese Verbreitung von unbegründeten Halbwahrheiten weitergeht, desto mehr Menschen bekommen Angst. Angst, Geld auszugeben, Angst um ihren Arbeitsplatz, Angst um ihre Börseninvestments ... und kaufen vielleicht dann auch noch Gold (weil Festgeld zwar Zinsen bringt, aber wer weiß, ob es die Bank morgen noch gibt ...). Wer diesem Sog der Angst erliegt, aus Bequemlichkeit oder Unwissenheit, der wird meiner Ansicht nach den höchsten Preis zu zahlen haben.
Ich halte es für immens unwahrscheinlich, dass die Welt so zügig untergeht. Man wird sich erneut durchmauscheln, weil man es will und kann. Natürlich wird das Gerüst, auf dem unser aller Zivilisation steht, danach noch wackeliger sein, aber es mag wieder eine zeitlang halten, bevor es erneut bricht. Bis dahin jedoch werden diejenigen, die jetzt in Panik geraten, die Chancen nicht erkennen, die diejenigen nutzen werden, die diese Angst geschürt haben. Nur als Beispiel:
Nachdem der Dax nun unter 4.000 gefallen ist, höre ich nur noch Kursziele von 3.300, 3.000 oder gar tiefer. Und das sogar in allernächster Zeit. Ich höre fast niemanden der zu bedenken gibt, dass solche Ausbrüche aus Seitwärtsspannen nicht ungewöhnlich sind und ziemlich oft zu Fallen werden – in diesem Fall zu einer Bärenfalle. Das ist nicht sicher, keine Frage. Aber erschreckend viele halten eine Bärenfalle für unmöglich und glauben jetzt fest daran, dass es immer weiter nach unten geht. Ohne, klar, ohne zu fragen „warum“ das geschehen sollte. Doch sie verkaufen ihre Positionen und investieren jetzt, nach fast 20% Abwärtsbewegung binnen 10 Tagen, a la Baisse.
Ich würde mich sehr wundern, wenn diejenigen, die diese Bewegung angeschoben haben ebenso wie diejenigen, die täglich neue seltsame Horror-Logiken für uns bereithalten, nicht gerade frohgemut beginnen, in diesen Verkaufsdruck der verängstigten Anleger ihre Shortpositionen einzudecken und Longpositionen einzusammeln.
Das heißt zwar nicht, dass der Druck der Angst die Kurse nicht dennoch noch etwas weiter drücken kann. Aber es heißt, dass wir meiner Ansicht nach viel, viel näher an einem Zwischentief stehen, als diejenigen denken, die ausgerechnet jetzt noch verkaufen oder Short gehen.
Klar, die Lage ist angetan, dass die Aktienmärkte noch ziemlich viel Luft zu ihren endgültigen Tiefs haben könnten. Aber nicht in einem Rutsch. Es kommen weitaus bessere Momente, Short zu gehen oder noch aus Aktien auszusteigen als ausgerechnet jetzt, wo die Angst überkocht. Und zwar dann, wenn auf einmal alle glauben, das Schlimmste sei überstanden. Extreme Emotionen sind Kontraindikatoren ... vor allem deswegen, weil die Menschen jedes Mal aufs neue glauben, dieses eine Mal sei es aber doch anders!
Mit den besten Grüßen
Ihr Ronald Gehrt
(www.system22.de)
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