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WARUM DIE KULTUR DER MAYA UNTERGING...
Warum brechen manche Gesellschaften zusammen und andere (bisher) nicht? Und was können wir daraus für unsere Zukunft lernen? Der bekannte Geologe und Anthropologe Jared Diamond fragt danach in seinem aktuellen Buch „Kollaps“. Eine der interessantesten untersuchten Kulturen ist die der Maya.
Großartige Kulturen wie die der Ägypter und der Maya sind untergegangen. Andere wie die der Inder oder der Isländer haben bis heute überlebt. Woran liegt das? Jared Diamond hat diese Frage seinem 700 Seiten umfassenden Buch „Kollaps“ zugrunde gelegt. Ich möchte daraus einige Aspekte aufgreifen, vor allem die Frage, warum die Mayakultur untergegangen ist.
Diamonds eigentliche Frage ist: Wie können wir aus den Fehlern vergangener Kulturen lernen? Keine einfache, doch eine sinnvolle und wichtige Frage. Denn wenn wir verstehen, was frühere Gesellschaften kollabieren ließ, können wir vielleicht für uns das Schlimmste verhindern. Und nun geht es, anders als früher, um die gesamte Menschheit.
Diamond analysiert vor allem ökologische und soziale Faktoren. Manche kleine und vom Rest der Welt abgetrennte Gesellschaften, wie die Bewohner der Osterinseln mitten im Pazifischen Ozean, haben sich selbst zerstört durch die Abholzung aller Bäume. Als die ersten Europäer die Osterinseln (eben zu Ostern) mit ihren seltsamen, bis zu 20 Meter hohen Steinskulpturen entdeckten, sahen sie eine Wüste. Dürres Gras, kein Baum weit und breit. Die ca. 2.000 Insulaner – von einst gut 30.000 – lebten notdürftig von etwas Landwirtschaft und Geflügel. Die Knappheit der Rohstoffe – hier vor allem Holz – hatte zu einem erbitterten Kampf zwischen den Adligen und dem Volk geführt.
Zwischen Nahrungsversorgung und Krieg besteht laut Diamond oft ein enger Zusammenhang. Einerseits – leicht nachvollziehbar – wer nicht genug zu essen hat, muss bei den Nachbarn plündern. Aber auch: Wer seine Heere nicht ausreichend mit Nahrung versorgen kann, muss ziemlich bald aufgeben. Ein Beispiel dafür ist das Volk der Maya.
Die Mayakultur
Die Maya bildeten eine Hochkultur in Mittelamerika. Millionen von Touristen haben die Pyramiden in den Dschungeln von Mexiko, Guatemala, Belize und Honduras bestaunt. Auch der amerikanische Anwalt John Stephens staunte nicht schlecht, als er 1839 zusammen mit dem britischen Zeichner Frederick Catherwood die ersten Ruinen wieder entdeckte. Hier tauchte eine anscheinend schon völlig vergessene Kultur auf, und dazu eine mit einer schriftlichen Überlieferung. Die Schrift und die Symbole sind bis heute noch nicht endgültig entschlüsselt.
Die Blütezeit dieser Kultur lag vermutlich zwischen dem 2. und dem 9. Jahrhundert. n. Chr. Es gab keinen einheitlichen Staat und wohl auch nicht so etwas wie eine „Wir Maya“- Volksidentität. Viele der Städte, die bis zu 50.000 Einwohner hatten, bildeten kleine eigene „Staaten“, die sich zum Teil untereinander bekriegten. Die inneren Zwistigkeiten waren laut Diamond einer der Faktoren, die zum Untergang dieser blühenden Kultur führten.
Ein weiterer empfindlicher Punkt war, wie in etlichen anderen Gesellschaften auch, die Ernährung. Wie viele Menschen kann ein Bauer mit seinen landwirtschaftlichen Erträgen ernähren? In den heutigen USA versorgt ein Farmer im Schnitt etwa 125 Menschen, im alten Ägypten produzierte ein Bauer das Fünffache von dem, was er selbst und seine Familie brauchten. Ein Maya-Bauer brachte es aber gerade mal auf das Doppelte von dem, was er selbst verbrauchte. Das ist nicht sehr effizient. Dementsprechend waren 70 Prozent der Bevölkerung Bauern.
Aufwändige Nahrungsproduktion und Raubbau an der Natur
Dazu kommt, dass die Hauptnahrung der Maya, nämlich Mais, viel weniger Proteine enthält als etwa Weizen oder Gerste, die Grundnahrung in der Alten Welt. Mais braucht Regen zum Wachsen und nicht zuviel Feuchtigkeit, um wenigstens ein Jahr gelagert werden zu können. Dürreperioden führten ebenso zu Hungersnöten wie zuviel Regen, der den gelagerten Mais verfaulen ließ. Die Fleischversorgung war ebenfalls schwach. Es wurden keine größeren Haustiere wie Kühe, Schweine oder Ziegen gehalten. Als Fleisch gab es allenfalls – je nach Region – Fisch und Geflügel.
Bedenkt man, dass die Maya weder das Rad noch Zugtiere kannten, sondern – zum Beispiel bei einem Feldzug – die Nahrung von einem menschlichen Träger für jeweils einen Krieger transportiert werden musste, wird die „Anfälligkeit“ dieser Gemeinschaft deutlich. Diamond berichtet von einem Aufstand der Maya gegen die mexikanischen Machthaber im Jahr 1848, der zunächst ganz erfolgreich verlief, dann aber abgebrochen wurde, weil die Maisernte eingebracht werden musste.
Was aber der Mayakultur möglicherweise den Todesstoß versetzte, war die Geltungssucht der Könige und Adligen. Immer neue großartige Tempel und Paläste mussten zu deren Ruhm und Ehre gebaut werden, wobei viele Bauern von ihrer Feldarbeit abgezogen wurden. Zugleich wurden immer mehr Wälder abgeholzt und Böden ausgelaugt. Dass frühere Völker im Einklang mit der Natur lebten, hält Diamond für einen Mythos. Auch sie trieben schon vor langer Zeit Raubbau an der Natur.
Der Niedergang: Lebensmittelknappheit und Umweltzerstörung
Bei den Maya war der König zugleich oberster Priester. Es gab eine Art Übereinkommen zwischen ihm und den Bauern. Er versprach ihnen gute Ernten, und sie gaben ihm den Ertrag. Am Beispiel einer Mayaregion, der von Copán, zeigt sich an archäologischen Funden von Skeletten, dass die Menschen ab dem 7. Jahrhundert n. Chr. zunehmend früh an Krankheiten starben. Die fruchtbaren Böden wurden (u.a. durch Abholzung der Berghänge) immer knapper. Die Bauern revoltierten. Der König hatte sein Versprechen, für Regen und gute Ernten zu sorgen, gebrochen. Seine Paläste wurden um 850 niedergebrannt. Die Bevölkerung von Copán schrumpfte und um 1250 lebte niemand mehr in der Region.
Der Lebensraum der Maya umfasste viele Regionen mit ganz unterschiedlichen ökologischen Bedingungen. Als der spanische Eroberer Cortéz 1524 die südliche Mayaregion durchquerte, lebten dort noch knapp 30.000 Menschen – von einst über zehn Millionen! Es gab keinen Mais und keine Wasservorräte mehr. Cortez und seine Männer wären selbst fast verhungert. Die großen alten Städte Tikal und Palenque waren bereits vom Urwald überwuchert. Hier hatte sich die stark gewachsene Bevölkerung schon Jahrhunderte zuvor selbst das Wasser abgegraben und durch Raubbau und Übernutzung der Böden die eigene Lebensgrundlage zerstört.
Die Adligen waren zu sehr mit ihrem Ego beschäftigt, um die Gefahr zu sehen. Da legt Diamond den Finger drauf. Die Parallele zu unserer Zeit ist die Gleichgültigkeit und Gier, mit der Großkonzerne und Politiker die Umwelt zerstören lassen.
Geistige Verwahrlosung
Diamond verfolgt vor allem die ökologische Spur. 90-99 Prozent der Maya verschwanden demnach durch Hungertod, Kriege, Geburtenrückgang und hohe Sterblichkeitsrate. Es könnte aber auch sein, dass eine Kultur sich durch eine menschenverachtende Religion oder Politik selbst zerstört. Die Mayakultur begann vor über 2500 Jahren, erlebte in verschiedenen Zentren Auf- und Untergänge und lebt genetisch und sprachlich bis heute weiter. Auch heute noch gibt es Hunderttausende, die sich als Maya verstehen. Das Volk ist nicht – wie bei den indianischen Anasazi im Südwesten der USA – völlig ausgelöscht, sondern existiert noch. Allerdings: Die offizielle Sprache ist spanisch, die Religion katholisch. Von ihrer früheren Hochkultur wissen die heutigen Maya viel weniger als die Archäologen. Und da gibt es Aspekte, bei denen sie ebenso wie wir schaudern würden.
Die alten Maya führten nicht nur untereinander Krieg, sondern folterten auch die Gefangenen, vor allem die Könige, auf grausamste Art. Da wurden Finger aus den Gelenken gerissen, Zähne gezogen oder Unterkiefer abgeschnitten. Schließlich, nach Jahren, ließ man die Gequälten die Stufen der Pyramiden herunterpurzeln, an Händen und Füssen gefesselt. Es ist wissenschaftlich kaum zu begründen, dass die Maya-Kultur an diesen Grausamkeiten zugrunde ging. Das ist hier meine freie Spekulation. Doch ich möchte behaupten, dass die Menschen in einem System, in dem die Angst der beherrschende Faktor ist, auf Dauer nicht leben wollen und es von innen heraus boykottieren. Eine Religion, die auf Menschenopfern basiert, kann keine Liebe, keine Freude vermitteln.
Die Spanier waren selbst grausam, doch was sie bei den Azteken erlebten, die den Gefangenen als Gottesdienst bei lebendigem Leib das Herz herausrissen, verschlug ihnen den Atem. Das lieferte ihnen die moralische Rechtfertigung, dieses Volk zu vernichten. Die Azteken hatten diese grausigen Rituale teilweise von den Maya übernommen.
Angemessen auf aktuelle Veränderungen reagieren
In seinem Buch untersucht Diamond viele Kulturen, kleine und große, untergegangene und noch erhaltene. Das ist schon für sich genommen interessant und informativ. Er zeigt, wie Umweltzerstörung, Klimaveränderung, Kriege und Handelsbeziehungen den Untergang oder das Überleben einer Gesellschaft bestimmen. Ein fünfter Faktor wird als wichtigster herausgearbeitet: Wie reagiert die Gemeinschaft auf die jeweiligen Herausforderungen?
Bei den Maya oder den Bewohnern der Osterinseln sahen die Herrscher tatenlos zu, wie sich die Situation der Bevölkerung zusehends verschlechterte. In anderen Gesellschaften – etwa auf Island oder Japan – wurden rechtzeitig die richtigen Gegenmaßnahmen getroffen. Das kann eine Umstellung in der Landwirtschaft sein, eine Aufforstung, eine Änderung in der sozialen Struktur oder auch eine neue Philosophie.
Auch in unserer Zeit haben sich Gesellschaften durch falsches Verhalten an den Rand des Abgrunds geführt. Beispiel Ruanda, wo Millionen von Menschen im Bürgerkrieg umgekommen sind. Fast immer ging und geht es um die Rohstoffe, um einen Überlebenskampf. Auch heute sind wir darin verwickelt: Der Kampf ums Erdöl bestimmt einen Großteil der politischen Konflikte. Wir suchen nach einer neuen Energiequelle. Wir müssen verhindern, dass das Klima – nicht zuletzt durch menschliche Technik „angeheizt“ – zunehmend „verrückt“ spielt. Wir müssen den Regenwald erhalten. Wir müssen die Bevölkerungsexplosion verhindern. Wir müssen den Abgrund zwischen arm und reich überbrücken. Wir müssen vor allem Verständigung zwischen den Ideologien erreichen.
Weise Entscheidungen treffen und durchsetzen
Es gibt so viele wunde Punkte, von denen wir alle wissen. So gut informiert wie heute waren wir noch nie zuvor! Millionen von Menschen engagieren sich weltweit für Umweltschutz, meditieren, suchen – sehr richtig – in sich selbst nach der Quelle des Guten und nach Bewusstheit, um das Richtige zu tun. Dennoch kann es sein, dass die Gesellschaft – heute auf globaler Ebene – grundlegend falsche Entscheidungen trifft, die katastrophale Folgen haben. Denn zum einen sind es nicht unbedingt die Weisen, die Entscheidungen treffen und durchsetzen (Beispiel Irakkrieg). Zum anderen sind die Folgen mancher Entscheidungen nicht vorhersehbar (zum Beispiel könnte ein neues Medikament oder eine bestimmte Erfindung langfristig schwerwiegende Nebenwirkungen haben).
Es ist auch möglich, dass ein bereits vorhandenes Problem hinsichtlich seiner Ursachen und seiner Tragweite nicht richtig eingeschätzt wird. Beispiel globale Erwärmung. Noch immer herrscht keine Einigkeit darüber, ob sie durch den Menschen ausgelöst wurde oder nicht. Zumindest sehen etliche verantwortliche Politiker und Konzerne noch immer keinen Grund, drastischere Gegenmaßnahmen zu ergreifen.
Damit kommen wir zu einem dritten, dem häufigsten Grund für falsche Entscheidungen, nämlich dem Egoismus einzelner Gruppen. Beispiele sind die Abholzung der Regenwälder, die Überfischung der Meere und die Ausrottung gefährdeter Tierarten. In einigen früheren Gesellschaften erließen weitsichtige Herrscher Gesetze, die eine übermäßige Ausbeutung der Natur verhinderten. Auch heute sollen Gesetze verhindern, dass zum Beispiel Nashörner und Elefanten wegen des Elfenbeins gejagt werden. Doch solange es dafür einen Markt und Kunden gibt, die viel Geld für Elfenbein bezahlen, geht die Wilderei weiter. Wenn bestimmte Ressourcen knapp werden, sei es Fisch oder Erdöl, liegt es letztlich an der Einsicht des Verbrauchers, das Problem zu lösen. Er muss seinen Konsum einschränken. Und das betrifft uns alle. Wie schwer ist es doch, freiwillig auf etwas zu verzichten, woran man sich gewöhnt hat!
Egoismus durchschauen und überwinden
Besonders schwierig ist es, bestimmte Wertvorstellungen aufzugeben, die der aktuellen Situation nicht mehr gerecht werden und das Überleben gefährden. Ein einfaches Beispiel ist der Wunsch, viele Kinder zu haben. Überbevölkerte Länder wie Indien täten gut daran, dem Beispiel Chinas zu folgen und pro Ehepaar nur noch ein Kind zu erlauben. Doch was den Chinesen ganz gegen ihre traditionellen Werte von oben aufgezwungen wurde, müsste im demokratischen Indien freiwillig, aus Einsicht geschehen – und daran ist auf absehbare Zeit wohl nicht zu denken.
Wir können aus dem Verhalten früherer Kulturen lernen, weil sich im Nachhinein deutlich sehen lässt, welche Entscheidungen zur Katastrophe führten und welche sie abwendeten. Doch das lässt sich nicht einfach im Maßstab 1:1 auf unsere heutige Situation übertragen. Unsere Situation ist anders als etwa die der Maya. Eines ist aber gleich geblieben: die Herausforderung, den auf kurzfristigen Nutzen bedachten Egoismus zu durchschauen und in einer gemeinsamen Anstrengung zu überwinden quellchen upps quelle www.visionen.com/Rubriken/Kultur_Wissen/...-DER-MAYA-UNTERGING