Giro droht der Abbruch
Nach der Absage der 18. Etappe diskutieren die Fahrer über die Vorfälle
San Remo - Die Topstars der Radsportszene diskutieren den Ausstieg aus dem Giro d'Italia. Nach der Razzia in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, als über 200 Polizisten die Mannschaftshotels durchsuchten um illegale Dopingmittel zu finden, haben die Fahrer nur wenig geschlafen und wollen sich eine solche Behandlung nicht länger gefallen lassen.
Nach dem Willen der Organisatoren soll die Italien-Rundfahrt an diesem Freitag mit der 19. Etappe fortgesetzt werden und wie geplant am Sonntag in Mailand enden. Am Nachmittag schalteten sich IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch und der neu gewählte italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi telefonisch in die Verhandlungen ein.
Die Sportlichen Leiter hatten zunächst einem Vorschlag der Organisatoren zugestimmt, die 18. Etappe um 100 Kilometer zu verkürzen. Später wurde dann die 18., die "Königsetappe" des Giro aus "organisatorischen Gründen" komplett abgesagt. Die Fahrer hatten zuvor in einer Krisensitzung entschieden, nicht zum Etappenstart anzutreten.
Fahrer verhandeln Abbruch in San Remo
Beim Treffen von etwa 50 Fahrern in einem Hotel in San Remo war auch Marco Pantani anwesend, der am Morgen seinen Rückzug aus dem Rennen verkündet hatte. Auch Gilberto Simoni, der Träger des Rosa Trikots, und Sprintstar Mario Cipollini waren dabei.
Giro-Direktor Carmine Castellano sagte, die Etappe wäre aus logistischen und organisatorischen Gründen abgesagt worden. Aufgrund der Ereignisse von gestern Nacht haben die Organisatoren sich dazu entschlossen, auf den Start in Imperia zu verzichten. Ob es am morgigen Tag weitergeht, bleibt zunächst unklar.
Verbruggen verlangt Respekt
Hein Verbruggen, Präsident des Radsport-Weltverbandes UCI, sagte die Polizei habe im Rahmen ihrer Rechte gehandelt, aber man hätte den Fahrern mehr Respekt entgegenbringen müssen. "Die Polizei soll tun, was sie tun muss, aber sie sollten die Rechte und die Würde der Fahrer bedenken", sagte der Top-Funktionär.
"Wir können nichts zu den Polizeiaktionen in einzelnen Ländern sagen, aber wenn die Beamten etwas gefunden haben, gibt es immer noch ein Problem in unserem Sport. Wenn sie nichts gefunden haben, dann gibt es auch kein ernstes Problem." so Verbruggen.
Gemeinsame Aktion von Drogen- und Finanzfahndung
Danilo Hondo (l.) und Jan Ullrich im Gespräch mit Teamarzt Lothar Heinrich (r.)
Rund 200 Polizeibeamte der italienischen Drogenfahndungsbehörde NAS und von der Finanzpolizei hatten in San Remo in Hotels die Zimmer von Rennfahrern und Betreuern durchsucht. "Zur Zeit ermitteln wir nicht gegen einzelne Radprofis oder einzelne Teams. Die Durchsuchungen dienten dazu, einen generellen Überblick zu bekommen", sagte Staatsanwalt Antonino Guttadauro am Donnerstag in Florenz.
Der Staatsanwalt agiert auf der Grundlage des neuen Dopinggesetzes in Italien Nr. 376/2000, das nicht nur Dopingdealer mit bis zu sechs Jahren Gefängnis bestraft, sondern auch gedopte Sportler mit bis zu drei Jahren.
Fernsehen bei Blitzaktion dabei
Bei der Blitzaktion, die zum Teil vor laufenden TV-Kameras stattfand, durchsuchten Polizeibeamten die Hotelzimmer und auch Teamfahrzeuge. Die Mannschaftshotels wurden während der Aktionen abgeriegelt, Eingänge und Fahrstühle bewacht.
Augenzeugen wollen beobachtet haben, dass ein Betreuer von Mercatone Uno ein Täschchen mit Medikamenten in den Garten geworfen haben soll. Ein Fahrer sei aus dem Fenster gesprungen. Die Fahrer mussten sich im von der Polizei requirierten 4. Stock versammeln, die Handys vorübergehend abgeben und das Essen im Korridor einnehmen.
Gazetta: "Keine verbotenen Mittel"
"Alles wurde auf den Kopf gestellt, es ging aber korrekt zu. Auch von uns wurden Medikamente mitgenommen, das ist kein Probleme. Das waren vor allem Vitamine", sagte Telekom-Arzt Lothar Heinrich. Laut der italienischen Sportzeitung "Gazetta dello Sport" soll es keine Funde von verbotenen Mitteln gegeben haben.
"Ich respektiere die Arbeit der Polizei. Sie müssen aber auch uns respektieren", sagte der 32fache Giro-Etappensieger Mario Cipollini. Die Fahrer, unter ihnen das italienische Trio von Telekom, hatten sich am Vormittag in einem Hotel versammelt und die weitere Vorgehensweise beraten. Bei den Verhandlungen mit den Organisatoren hatte auch Hein Verbruggen, Präsident des Weltradsportverbandes UCI, vermittelt.
Bei Telekom alles OK
Während im Fahrer-Lager Empörung herrschte und ein kompletter Abbruch des Giro gefordert wurde, blieb die Telekom-Teamleitung trotz der unklaren Situation gelassen. "Bei uns sind alle gesund", lautete der erste Kommentar von Teamarzt Dr. Lothar Heinrich, dem die Razzia keine Sorgen bereitete.
"Sie haben die Koffer aufgemacht und einige Vitamin-Tabletten und deutsche Medikamente mitgenommen. Das Problem war, dass bei den Untersuchungen keine Mediziner dabei waren, und die Beamten kein deutsch verstanden. Deshalb haben sie alles mitgenommen, was sie nicht identifizieren konnten", so Heinrich weiter.
Ungeachtet der Fahrer-Debatten setzte Olympiasieger Jan Ullrich seine Vorbereitung für die Tour de France fort. Der frühere Zeitfahr-Weltmeister, der am Mittwoch mit Platz drei in San Remo ansteigende Form bewiesen hatte, spulte einige Trainings-Kilometer ab. Von den Durchsuchungen war der Merdinger ebenso überrascht worden wie seine Kollegen.
Auf der Strecke blieb am Donnerstag einmal mehr der Sport. Entsprechend hilflos gab sich dabei auch Telekom-Sportdirektor Rudy Pevenage: "Wenn die Italiener alle aufhören, können wir nicht alleine weitermachen", sagte Pevenage angesichts des drohenden Abbruchs.
Nach der Absage der 18. Etappe diskutieren die Fahrer über die Vorfälle
San Remo - Die Topstars der Radsportszene diskutieren den Ausstieg aus dem Giro d'Italia. Nach der Razzia in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, als über 200 Polizisten die Mannschaftshotels durchsuchten um illegale Dopingmittel zu finden, haben die Fahrer nur wenig geschlafen und wollen sich eine solche Behandlung nicht länger gefallen lassen.
Nach dem Willen der Organisatoren soll die Italien-Rundfahrt an diesem Freitag mit der 19. Etappe fortgesetzt werden und wie geplant am Sonntag in Mailand enden. Am Nachmittag schalteten sich IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch und der neu gewählte italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi telefonisch in die Verhandlungen ein.
Die Sportlichen Leiter hatten zunächst einem Vorschlag der Organisatoren zugestimmt, die 18. Etappe um 100 Kilometer zu verkürzen. Später wurde dann die 18., die "Königsetappe" des Giro aus "organisatorischen Gründen" komplett abgesagt. Die Fahrer hatten zuvor in einer Krisensitzung entschieden, nicht zum Etappenstart anzutreten.
Fahrer verhandeln Abbruch in San Remo
Beim Treffen von etwa 50 Fahrern in einem Hotel in San Remo war auch Marco Pantani anwesend, der am Morgen seinen Rückzug aus dem Rennen verkündet hatte. Auch Gilberto Simoni, der Träger des Rosa Trikots, und Sprintstar Mario Cipollini waren dabei.
Giro-Direktor Carmine Castellano sagte, die Etappe wäre aus logistischen und organisatorischen Gründen abgesagt worden. Aufgrund der Ereignisse von gestern Nacht haben die Organisatoren sich dazu entschlossen, auf den Start in Imperia zu verzichten. Ob es am morgigen Tag weitergeht, bleibt zunächst unklar.
Verbruggen verlangt Respekt
Hein Verbruggen, Präsident des Radsport-Weltverbandes UCI, sagte die Polizei habe im Rahmen ihrer Rechte gehandelt, aber man hätte den Fahrern mehr Respekt entgegenbringen müssen. "Die Polizei soll tun, was sie tun muss, aber sie sollten die Rechte und die Würde der Fahrer bedenken", sagte der Top-Funktionär.
"Wir können nichts zu den Polizeiaktionen in einzelnen Ländern sagen, aber wenn die Beamten etwas gefunden haben, gibt es immer noch ein Problem in unserem Sport. Wenn sie nichts gefunden haben, dann gibt es auch kein ernstes Problem." so Verbruggen.
Gemeinsame Aktion von Drogen- und Finanzfahndung
Danilo Hondo (l.) und Jan Ullrich im Gespräch mit Teamarzt Lothar Heinrich (r.)
Rund 200 Polizeibeamte der italienischen Drogenfahndungsbehörde NAS und von der Finanzpolizei hatten in San Remo in Hotels die Zimmer von Rennfahrern und Betreuern durchsucht. "Zur Zeit ermitteln wir nicht gegen einzelne Radprofis oder einzelne Teams. Die Durchsuchungen dienten dazu, einen generellen Überblick zu bekommen", sagte Staatsanwalt Antonino Guttadauro am Donnerstag in Florenz.
Der Staatsanwalt agiert auf der Grundlage des neuen Dopinggesetzes in Italien Nr. 376/2000, das nicht nur Dopingdealer mit bis zu sechs Jahren Gefängnis bestraft, sondern auch gedopte Sportler mit bis zu drei Jahren.
Fernsehen bei Blitzaktion dabei
Bei der Blitzaktion, die zum Teil vor laufenden TV-Kameras stattfand, durchsuchten Polizeibeamten die Hotelzimmer und auch Teamfahrzeuge. Die Mannschaftshotels wurden während der Aktionen abgeriegelt, Eingänge und Fahrstühle bewacht.
Augenzeugen wollen beobachtet haben, dass ein Betreuer von Mercatone Uno ein Täschchen mit Medikamenten in den Garten geworfen haben soll. Ein Fahrer sei aus dem Fenster gesprungen. Die Fahrer mussten sich im von der Polizei requirierten 4. Stock versammeln, die Handys vorübergehend abgeben und das Essen im Korridor einnehmen.
Gazetta: "Keine verbotenen Mittel"
"Alles wurde auf den Kopf gestellt, es ging aber korrekt zu. Auch von uns wurden Medikamente mitgenommen, das ist kein Probleme. Das waren vor allem Vitamine", sagte Telekom-Arzt Lothar Heinrich. Laut der italienischen Sportzeitung "Gazetta dello Sport" soll es keine Funde von verbotenen Mitteln gegeben haben.
"Ich respektiere die Arbeit der Polizei. Sie müssen aber auch uns respektieren", sagte der 32fache Giro-Etappensieger Mario Cipollini. Die Fahrer, unter ihnen das italienische Trio von Telekom, hatten sich am Vormittag in einem Hotel versammelt und die weitere Vorgehensweise beraten. Bei den Verhandlungen mit den Organisatoren hatte auch Hein Verbruggen, Präsident des Weltradsportverbandes UCI, vermittelt.
Bei Telekom alles OK
Während im Fahrer-Lager Empörung herrschte und ein kompletter Abbruch des Giro gefordert wurde, blieb die Telekom-Teamleitung trotz der unklaren Situation gelassen. "Bei uns sind alle gesund", lautete der erste Kommentar von Teamarzt Dr. Lothar Heinrich, dem die Razzia keine Sorgen bereitete.
"Sie haben die Koffer aufgemacht und einige Vitamin-Tabletten und deutsche Medikamente mitgenommen. Das Problem war, dass bei den Untersuchungen keine Mediziner dabei waren, und die Beamten kein deutsch verstanden. Deshalb haben sie alles mitgenommen, was sie nicht identifizieren konnten", so Heinrich weiter.
Ungeachtet der Fahrer-Debatten setzte Olympiasieger Jan Ullrich seine Vorbereitung für die Tour de France fort. Der frühere Zeitfahr-Weltmeister, der am Mittwoch mit Platz drei in San Remo ansteigende Form bewiesen hatte, spulte einige Trainings-Kilometer ab. Von den Durchsuchungen war der Merdinger ebenso überrascht worden wie seine Kollegen.
Auf der Strecke blieb am Donnerstag einmal mehr der Sport. Entsprechend hilflos gab sich dabei auch Telekom-Sportdirektor Rudy Pevenage: "Wenn die Italiener alle aufhören, können wir nicht alleine weitermachen", sagte Pevenage angesichts des drohenden Abbruchs.