Genua 1922 - Genua 2001 Gewinndenken - sonst nichts
Von Bernd Niquet
"Wenn die Menschen kein Brot haben", so wird die Frau des französischen Königs am Vorabend der französischen Revolution zitiert, "dann sollen sie eben Kuchen essen." Das ist natürlich ein weiser Vorschlag, der durchaus einem deutschen Aktionärsmagazin hätte entstammen können. Denn könnte man den jungen Menschen, die am Wochenende in Genua gegen die Globalisierung protestiert haben, nicht ebenso den Ratschlag geben, sich nicht um die Globalisierung zu scheren, sondern stattdessen Aktien zu kaufen, sich zurückzulehnen und in Ruhe abzuwarten, reich zu werden?
Die Ursache der Malaise
Oder ist hier etwa irgend etwas grundsätzlich faul? Und zwar sowohl an der Vorstellung, dass Aktien die beste Vermögensanlage sind, als auch an der Globalisierung selbst? Das Tragische an dieser Frage ist, dass beide Punkte nicht unabhängig voneinander existieren, sondern dass Aktien nur dann steigen können, wenn die Unternehmen in extremer Art und Weise ihre Interessen vertreten. Und prescht nur ein Unternehmen vor, so müssen alle anderen - um den Preis ihres eigenen Überlebens - mitziehen.
Die Steine von Genua haben also in Wirklichkeit nicht den Polizisten und auch nicht den Politikern gegolten - sondern den Aktionären. Denn sie sind diejenigen, die letztlich die Durchsetzung der Kapitalinteressen gegenüber allen anderen Interessen zu verantworten haben. Und die Politiker sind in diesem Spiel nicht mehr als Lakaien, die Polizisten gar nichts anderes als Marionetten. Die Weltwirtschaft wird vom Gewinndenken gesteuert und von nichts anderem.
Genua 1922 - Genua 2001 Die Krise 1922 Nun war dies in der Geschichte der Weltwirtschaft niemals anders. Es haben sich jedoch die Bedingungen im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte deutlich gewandelt. In diesem Zusammenhang ist es besonders interessant, dass bereits im Jahr 1922 schon einmal eine große internationale Konferenz zu weltwirtschaftlichen Problemen in Genua stattgefunden hat:
Damals allerdings war die Situation weit gravierender als heute. Denn in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg begannen die führenden Wirtschaftsnationen, ihre Währungen wieder ans Gold zu binden und damit den sogenannten "Goldstandard" wieder einzuführen. Dies war jedoch mit einem gravierenden Problem verbunden:
Die stark wachsenden Nachkriegswirtschaften benötigten mehr Geld, als die Zentralbanken aufgrund ihrer Goldbestände emittieren, also "drucken" konnten. Aus diesem Grunde traf man sich dann auch in Genua, um eine Kooperation darüber zu erlangen, dass in bestimmter Höhe auch Devisen als Gegenposition für die Emission von Banknoten erlaubt sein würden. Doch eine derartige Vereinbarung kann natürlich nur dann Bestand haben, wenn sie allgemein akzeptiert wird.
Ganz besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang, dass mit den Vereinigten Staaten gerade das durch den Krieg zur führenden Wirtschaftsmacht aufgestiegene Land dieser Konferenz aus isolationistischen Gründen fernblieb. Und das Ende der Geschichte kennen wir ja bereits zur Genüge: Die Weltwirtschaftkrise findet nach allgemeiner Ansicht ihre Hauptursache in mangelnder internationaler Koordination - und damit in der Tatsache, dass die alten Mächte (wie beispielsweise England) die Führungsaufgabe nicht mehr wahrnehmen können, die neuen hingegen (wie die USA) sie noch nicht wahrnehmen wollen.
Genua 1922 - Genua 2001
Die Welt 2001 ist keineswegs gerechter
Die Ereignisse in Genua 2001 waren schrecklich, doch vor dem Hintergrund unserer Vergangenheit reduzieren sie sich auf eine triviale Größe: Die Welt von heute ist zwar keineswegs besser oder gerechter geworden, doch die Welt von heute ist zumindest von der Fessel des Goldes befreit und daher auch von dem Zwang, immer und ewig im Gleichschritt zu marschieren.
Krisen können heute aktiv angegangen werden und sind - zumindest in den letzten 50 Jahren - auch stets mit nur moderaten Auswirkungen überwunden worden. Die Kehrseite dieser Medaille ist allerdings, dass im Zuge dieses Prozesses alle Gewinne stets privatisiert, die Verluste jedoch von der Gemeinschaft zu tragen sind. Gemerkt haben wir davon bisher allerdings wenig. Denn die staatlichen Schuldenberge, die die Gegenposition zu den privaten Gewinnen der Krisenbekämpfung darstellen, sind werthaltige Aktiva mit einer Triple-A-Bonität.
Es sieht also alles danach aus, als ob wir tatsächlich das Perpetuum mobile erfunden haben: Wir erlassen den Armen die Schulden - und werden dadurch selbst reicher! Doch der Hinweis sei sicherlich gestattet, dass so etwas in der Geschichte bisher noch niemals funktioniert hat.
Dr. Bernd Niquet ist Buchautor. Seine beiden aktuellen Neuerscheinungen "1000 Prozent Gewinn" und "Die Welt der Börse" handeln über den Crash der Hightech-Aktien.
Von Bernd Niquet
"Wenn die Menschen kein Brot haben", so wird die Frau des französischen Königs am Vorabend der französischen Revolution zitiert, "dann sollen sie eben Kuchen essen." Das ist natürlich ein weiser Vorschlag, der durchaus einem deutschen Aktionärsmagazin hätte entstammen können. Denn könnte man den jungen Menschen, die am Wochenende in Genua gegen die Globalisierung protestiert haben, nicht ebenso den Ratschlag geben, sich nicht um die Globalisierung zu scheren, sondern stattdessen Aktien zu kaufen, sich zurückzulehnen und in Ruhe abzuwarten, reich zu werden?
Die Ursache der Malaise
Oder ist hier etwa irgend etwas grundsätzlich faul? Und zwar sowohl an der Vorstellung, dass Aktien die beste Vermögensanlage sind, als auch an der Globalisierung selbst? Das Tragische an dieser Frage ist, dass beide Punkte nicht unabhängig voneinander existieren, sondern dass Aktien nur dann steigen können, wenn die Unternehmen in extremer Art und Weise ihre Interessen vertreten. Und prescht nur ein Unternehmen vor, so müssen alle anderen - um den Preis ihres eigenen Überlebens - mitziehen.
Die Steine von Genua haben also in Wirklichkeit nicht den Polizisten und auch nicht den Politikern gegolten - sondern den Aktionären. Denn sie sind diejenigen, die letztlich die Durchsetzung der Kapitalinteressen gegenüber allen anderen Interessen zu verantworten haben. Und die Politiker sind in diesem Spiel nicht mehr als Lakaien, die Polizisten gar nichts anderes als Marionetten. Die Weltwirtschaft wird vom Gewinndenken gesteuert und von nichts anderem.
Genua 1922 - Genua 2001 Die Krise 1922 Nun war dies in der Geschichte der Weltwirtschaft niemals anders. Es haben sich jedoch die Bedingungen im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte deutlich gewandelt. In diesem Zusammenhang ist es besonders interessant, dass bereits im Jahr 1922 schon einmal eine große internationale Konferenz zu weltwirtschaftlichen Problemen in Genua stattgefunden hat:
Damals allerdings war die Situation weit gravierender als heute. Denn in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg begannen die führenden Wirtschaftsnationen, ihre Währungen wieder ans Gold zu binden und damit den sogenannten "Goldstandard" wieder einzuführen. Dies war jedoch mit einem gravierenden Problem verbunden:
Die stark wachsenden Nachkriegswirtschaften benötigten mehr Geld, als die Zentralbanken aufgrund ihrer Goldbestände emittieren, also "drucken" konnten. Aus diesem Grunde traf man sich dann auch in Genua, um eine Kooperation darüber zu erlangen, dass in bestimmter Höhe auch Devisen als Gegenposition für die Emission von Banknoten erlaubt sein würden. Doch eine derartige Vereinbarung kann natürlich nur dann Bestand haben, wenn sie allgemein akzeptiert wird.
Ganz besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang, dass mit den Vereinigten Staaten gerade das durch den Krieg zur führenden Wirtschaftsmacht aufgestiegene Land dieser Konferenz aus isolationistischen Gründen fernblieb. Und das Ende der Geschichte kennen wir ja bereits zur Genüge: Die Weltwirtschaftkrise findet nach allgemeiner Ansicht ihre Hauptursache in mangelnder internationaler Koordination - und damit in der Tatsache, dass die alten Mächte (wie beispielsweise England) die Führungsaufgabe nicht mehr wahrnehmen können, die neuen hingegen (wie die USA) sie noch nicht wahrnehmen wollen.
Genua 1922 - Genua 2001
Die Welt 2001 ist keineswegs gerechter
Die Ereignisse in Genua 2001 waren schrecklich, doch vor dem Hintergrund unserer Vergangenheit reduzieren sie sich auf eine triviale Größe: Die Welt von heute ist zwar keineswegs besser oder gerechter geworden, doch die Welt von heute ist zumindest von der Fessel des Goldes befreit und daher auch von dem Zwang, immer und ewig im Gleichschritt zu marschieren.
Krisen können heute aktiv angegangen werden und sind - zumindest in den letzten 50 Jahren - auch stets mit nur moderaten Auswirkungen überwunden worden. Die Kehrseite dieser Medaille ist allerdings, dass im Zuge dieses Prozesses alle Gewinne stets privatisiert, die Verluste jedoch von der Gemeinschaft zu tragen sind. Gemerkt haben wir davon bisher allerdings wenig. Denn die staatlichen Schuldenberge, die die Gegenposition zu den privaten Gewinnen der Krisenbekämpfung darstellen, sind werthaltige Aktiva mit einer Triple-A-Bonität.
Es sieht also alles danach aus, als ob wir tatsächlich das Perpetuum mobile erfunden haben: Wir erlassen den Armen die Schulden - und werden dadurch selbst reicher! Doch der Hinweis sei sicherlich gestattet, dass so etwas in der Geschichte bisher noch niemals funktioniert hat.
Dr. Bernd Niquet ist Buchautor. Seine beiden aktuellen Neuerscheinungen "1000 Prozent Gewinn" und "Die Welt der Börse" handeln über den Crash der Hightech-Aktien.