Montag, 23. Januar 2006
Genervtes Wochenende und wenig Sicherheit
von Jochen Steffens
Wir Trader sind schon ein komisches Völkchen. Egal mit wem ich am Wochenende telefonierte, ich hörte nur genervte Stimmen. Die Gründe für diese schlechte Stimmung waren vielschichtig, hatten aber nach Angaben meiner Kollegen nun so rein gar nichts mit den Börsen zu tun. Seltsam nur, dass alle gleichzeitig genervt waren.
Nach einem kurzen Gespräch kam dann die Einsicht: "Es ist ja auch zum verrückt werden, da steigt die Börse über Monate langsam an und alles wird in nur wenigen Tagen wieder zunichte gemacht!" Es folgten Flüche, Verunglimpfungen, Selbstzweifel ...
Die Börse ist die Droge der Spekulanten – bei den Bullen heißt die Droge: Steigende Kurse, bei den Bären: Fallende Kurse. Nimmt man ihnen diese Droge weg, kommt es zu Entzugserscheinungen.
Ich möchte nicht wissen, wie viele Ehe/Partnerschaftsprobleme es an diesem Wochenende gegeben hat – sehr ungerechtfertigte Probleme, denn schließlich dürfte der jeweilige Partner oft genug nicht den Hauch eines Schimmers davon gehabt haben, warum der börsenverliebte Part an diesem Wochenende so seltsam reagierte.
Ich glaube sowieso, dass viele Ehepartner in Ohnmacht fallen würde, wenn sie wüssten wie viel des gemeinsamen Vermögens vornehmlich ihr männlichen Ehepartner "heimlich" in Aktien und Derivate investiert hat, aber das ist ein ganz anderes Thema.
Gründe für den Einbruch am Freitag
Wenden wir uns den Gründen für diesen scharfen Einbruch in den USA zu, sie sind hinreichend bekannt: Der Ölpreis steigt weiter und hat nun die 70 Dollar Marke, das alte Hoch fast wieder erreicht. Die Probleme in Nigeria belasten, dort kommt es immer wieder zu Angriffen auf die Ölinfrastruktur. Doch viel vordringlicher ist und bleibt die unsichere Situation im Iran. Daneben hatte auch noch das Bin Laden Tonband für Verunsicherung gesorgt. Schlussendlich gesellten sich dazu noch schlechte Unternehmensmeldungen und der Giftcocktail für das Börsenwochende war gemixt – die Folge waren die größten Abschläge an den US-Börsen seit 2003 (wenn ich nicht etwas übersehen habe).
Es gibt auch charttechnische Gründe. Dadurch, dass der Dow nach dem Ausbruchsversuch über die 11.000er Marke diese Marke nicht halten konnte und dann auch noch die Linie der theoretisch denkbaren Flagge nach unten brach, gab es aus charttechnischer Sicht nur noch wenig Hoffnung auf einen Bruch der 11.000 Punkte. Vielmehr ist nun eine Fortsetzung der Seitwärtsbewegung wahrscheinlich. Hier der Chart, damit Sie wissen was ich meine:
Wenn diese Seitwärtsbewegung den Dow nun auf die 10.000 Punkte Marke treibt, dann kommt auch im Dax die untere Linie des Aufwärtstrends, den ich Ihnen letztens vorgestellt habe wieder in Betracht. Trotzdem, alles ist möglich, jederzeit kann der Markt nach oben drehen. Ich würde nach wie vor eher gute Einstiegskurse suchen.
Aber es hängt alles an der Entwicklung des Ölpreises und damit an der Entwicklung im Iran.
Zu wenig stichhaltige Berichte gibt es aus dem Iran. Gerüchte hört man viele, so soll der iranische Präsident so langsam die Unterstützung in der Bevölkerung, unter der Elite und der religiösen Führung verlieren, andere Gerüchte sagen genau das Gegenteil. Bei diesem Spiel der Vermutungen und Spekulationen mitzumachen ist müßig. Wer kann schon die innenpolitische Situation im Iran einschätzen?
Im Moment sieht es in meinen Augen eher so aus, als würde der Konflikt eskalieren. Also halten Sie die Augen und Ohren offen.
Meiden Sie geopolitische Unsicherheiten
Geopolitische Unsicherheiten gehören zu den schwierigsten Herausforderungen an den Börsen. Wer weiß schon, wie sich einzelne der beteiligten Akteure verhalten? Wer kann vorhersehen, wie die USA, Israel, der Iran, Saudi Arabien, China reagieren wird?
Kurzfristig wird damit die Situation an den Börsen noch undurchsichtiger als sie es sowieso schon ist. Langfristig bleibt die Situation bullish. Eine Krise bedeutet immer auch, dass irgendwann die Investoren auf ein Ende dieser Krise spekulieren, egal wie es auch aussehen mag. Sobald also das Belastungspotential eingepreist ist, werden sich die Börsen auf das Ende der Krise ausrichten.
Eigentlich sollte ein kluger Trader bei geopolitischen Unsicherheiten alles verkaufen und in einen wohlverdienten Urlaub gehen. In den Medien kann er dann die Situation verfolgen, bis er erkennt, dass diese Unsicherheiten ein Ende finden, so oder so.
Kurzfristige Trader leiden besonders
In solchen Phasen ist die Börse im Ganzen doch eher ein Glücksspiel. Eine Nachricht, kann die Kurse von einer Sekunde auf die andere zusammenbrechen lassen. Wer will da schon kurzfristig investiert sein?
Der kluge langfristig orientierte Investor jedoch, sucht sich in so einer Situation gute fair bewertete Aktien und legt tiefe Kauflimits in den Markt. Entweder sie werden erreicht, dann hat er günstig Aktien eingekauft oder halt nicht, dann hat er auch nichts verloren. Ansonsten, wenn er bullish gestimmt ist, sind solche Unsicherheiten für ihn nur ein kleiner normaler Wellengang in den Weiten des großen Börsenmeeres.